Wie ein einziges nicht enden wollendes Martyrium

Guten Tag Herr Rossi
Seit sechs Jahren bin ich mit meinem Mann verheiratet, wir haben eine einjährige Tochter. Seit ich meinen Mann kenne, hege ich die Hoffnung, dass er sich endlich stabilisieren kann. Er war nun 8 Wochen in einer psychiatrischen Klinik, nachdem ich mit der Scheidung gedroht hatte, weil ich sein Verhalten einfach nicht mehr ausgehalten habe.

Die Diagnose lautete: Depression. Das ist meiner Ansicht nach nur die Spitze des Eisbergs. Als ich gestern Abend ihre Homepage angesehen hatte musste ich nur noch lachen, denn ich könnte jede Zeile geschrieben haben. Genau das erlebe ich mit meinem Mann seit Jahren und es wird immer schlimmer. Ich habe grosse Sorgen, da ich ihm nicht zutraue, einen ganzen Tag unserer Tochter zu schauen, damit ich arbeiten gehen kann. Er hat bis jetzt eine Kündigung nach der Anderen erhalten und die Chancen stehen schlecht für neue Arbeit, da er einfach so viele Probleme hat mit Arbeitsabläufen, Zeiteinteilung etc…. Das macht niemand lange mit.

Ich leide auch sehr, da ich arbeiten sollte, unserer Tochter schauen sollte und gleichzeitig in meinem Mann immer noch ein Kind mehr zu betreuen habe, welches scheinbar therapieresistent ist. Zudem kommt seine starke Müdigkeit und Erschöpfbarkeit hinzu, welche ihn auch nachts kaum Vaterpflichten übernehmen lassen. Er ist mir nur Sorge, keinerlei Stütze und Hilfe. Er will auch keine IV-Abklärung machen lassen. So werden wir wohl bald auch finanziell in Nöte kommen.

Meine Frage an Sie ist nun, wohin er sich wenden soll, um baldmöglichst gut abgeklärt und diagnostiziert zu werden. Damit er baldmöglichst medikamentöse Therapie bekommt. Zum Psychotherapeuten geht er schon lange, hat nicht viel gebracht. Keiner ist bisher auf die Idee ADS gekommen. Was raten Sie uns?

Und gibt es Hilfe für entkräftete Angehörige, welche sich trotz krankem Partner nicht trennen möchten? Wissen Sie, er ist ein liebenswürdiger Mensch und hat diese traumatisierenden Erfahrungen sowenig verdient wie wir alle anderen auch nicht. Doch auch ich bin langsam traumatisiert vom Zusammenleben mit ihm. Es fühlt sich an wie ein einziges nicht enden wollendes Martyrium. Doch ich will ihn nicht hängen lassen. Ich merke, dass er dies nicht mit böser Absicht tut und auch nicht faul ist. Er kann es einfach nicht.
(Entschuldigung mein langer Text, doch es scheint mich niemand zu verstehen, dem ich zu schildern versuche, was ich täglich erlebe…).
Mit freundlichen Grüssen B.J.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Gut, gehen wir der Reihe nach:

Ich schlage vor, dass Sie in einem ersten Schritt schauen, dass Sie selbst wieder zu Kräften kommen. Dass auch Sie durch die Erkrankung Ihres Mannes sehr belastet sind, kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich höre davon immer wieder.

Konkret: Sie könnten sich die Unterstützung einer Psychotherapeutin suchen. Wichtig erscheint es mir, dass diese Fachfrau sich mit Depressionen und mit ADHS auskennt. Es dünkt mich einfach sinnvoll, wenn Sie für all die anstehenden Dinge im Hintergrund eine Begleitung hätten. ADHS-erfahrene Psychotherapeutinnen finden Sie hier.

Parallel dazu könnten Sie versuchen, sich einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe anzuschliessen. Ein Verzeichnis finden Sie hier.

An wen soll sich Ihr Mann wenden, fragen Sie mich. Ich schlage vor, dass er mir selbst diese Frage stellt. Oder sich zuerst hier auf ADHS.ch sachkundig macht und sich auch die Liste mit ADHS-Fachpersonen anschaut. Auf jeden Fall könnte Ihr Mann – sofern er Ihre ADHS-Hypothese teilt – seinen behandelnden Arzt informieren. Und ihn um eine entsprechende Abklärung bitten.

 


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Danke für diese Infos!

 

 

 

Diese Seite wurde am 06.09.2017 erstellt.
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©  Piero Rossi




Eine Antwort auf „Wie ein einziges nicht enden wollendes Martyrium“

  1. Hallo,
    normalerweise mische ich mich nicht in Piero Rossis Ratschläge ein, sonder arbeite lieber im Hintergrund (Korrektorat).
    Aber Ihre Mail hat mich sehr berührt, denn ich habe tlw. ähnliche Erfahrungen gemacht, alleine kommt man oft nicht weiter! Ob es sich um Kind oder Partner handelt, solange man sich selbst als allein verantwortlich dafür fühlt, kommt man hier sehr schnell an seine Grenzen und riskiert eine persönliche Überforderung, ein persönliches Burn-Out etc. Deswegen möchte ich Pieros Rossis Rat, sich selbst auch Hilfe zu suchen, nochmals wärmstens empfehlen und unterstützen! Selbst wenn ihr Mann die Einsicht hat, sich helfen lassen zu wollen und vor allem was an seiner Situation ändern zu wollen, braucht er Sie als starken Partner an seiner Seite. Im Falle von Kindern, brauchen die starke Eltern an ihrer Seite.
    Aus meiner Erfahrung heraus ist es aber nur selten allein zu schaffen, aber viele Menschen schämen sich dafür, eine solche Hilfe zu suchen und anzunehmen.

    Für Begleitpersonen, egal ob Partner oder in der Elternfunktion, ist eine eigene Begleitung sehr wichtig!
    Man fühlt sich 1. nicht mehr so allein und selbstverantwortlich mit dem Problem, 2. ist da jemand, der einem sagt, wie wichtig es ist, manchmal Grenzen zu ziehen und die auch durchzusetzen und eben auch für sich zu schauen, anstatt sich bedingungslos aufzuopfern! Ich kann das nur wärmstens empfehlen!

    Eine andere Sache ist, dass Ihr Mann möglichst selbst die Initiative ergreifen sollte, wenn er denn eine Veränderung und Verbesserung möchte. Das ist eigentlich das A&O einer Behandlung mit Aussicht auf Erfolg. Solange Ihr Mann selbst nicht dazu bereit ist, die Initiative zu ergreifen und alles Ihnen überlässt,
    besteht auch wenig Aussicht auf Erfolg, dass sich was ändert. Um so mehr brauchen aber Sie selbst Hilfe!

    Herzlichen Gruss, Chris

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