Zu Bett gehen heisst in unserer Familie Streit und Stress pur!

Einschlafprobleme: Unser 11-jähriger Sohn Nico (ADHS vom unaufmerksamen Typus) zeigt seit dem fünften Lebensjahr zunehmend Probleme beim zu Bett gehen. Er will abends partout nicht ins Bett und wir haben deswegen fast täglich grosse Streitereien. Was tun?

 


Einschlafprobleme

Wenn Kinder ungern zu Bett gehen, ist das an sich nicht aussergewöhnlich. Sind die Probleme indes ausgeprägt oder liegt die Diagnose ADHS vor, so lohnt es sich für Eltern in jedem Fall, sich über die Hintergründe dieser Probleme Rechenschaft abzulegen und nach Lösungen zu suchen.

Gründe

Viele Kinder mit ADHS gehen ungern zu Bett, weil sie das Wachliegen in einem reizarmen Umfeld unerträglich finden. Sie zögern diesen Zustand heraus, solange es nur geht. Auch erwachsene Menschen mit ADHS berichten, sie wären erst in todmüdem Zustand willens und in der Lage, ins Bett zu gehen.

Reizarmes Umfeld beim Zubettgehen heisst:

  • Ruhe (also die Abwesenheit von Geräuschen)
  • Dunkelheit (also die Abwesenheit von visuellen Reizen)
  • Stillliegen (also die Abwesenheit von taktilen Reizen)

Grundsätzlich: Stress und Einschlafen vertragen sich gar nicht!

Menschen mit ADHS vermeiden alles reizarme

Menschen mit ADHS bekunden grosse Mühe beim Aushalten von Situationen, welche reizarm und rar an stimulierenden Ausseneindrücken sind. Das Gehirn dieser Menschen kann quasi keine Ruhe geben und ist ständig auf der Suche nach einem Fokus. Es denkt ständig. Daher kommt es, dass sowohl Kinder, wie auch Erwachsene mit ADHS leicht überflutet werden von inneren Impulsen (Erinnerungen an positive und negative Erlebnisse des vergangenen Tages).

Diese inneren Reize haben häufig auf das vegetative Nervensystem eine anregende Wirkung, welche das Einschlafen zusätzlich erschwert. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um ängstliche Gedanken handelt, welche die betroffene Person überfluten. So kann es vorkommen, dass im Grunde genommen Einschlafstörungen die eigentlichen Ursachen der Probleme beim Zubettgehen von Kindern darstellen. Es mag seltsam klingen, aber viele dieser von ADHS betroffenen Kinder und Erwachsenen haben Mühe, sich auf das Einschlafen zu konzentrieren. Oftmals sind sie regelrecht abgelenkt durch tausend andere interessante und vor allem anregende Gedanken, welche ein Einschlafen unsinnig machen. Bricht die Aussenstimulation zusammen (Licht aus, Ruhe im Zimmer), kann immer wieder beobachtet werden, dass Kinder mit ADHS grosse Ängste bekommen. Einerseits haben diese wiederum einen stimulierenden Effekt für das Gehirn (lieber Angst als das „grosse Nichts“), andererseits halten diese Kinder in diesen reizarmen Situationen das Alleinsein einfach oft nicht aus.



Was passiert im Gehirn?

Auch wenn der Mensch schläft, bleibt sein Gehirn wach: Es steuert unter anderem das ordnungsgemässe Funktionieren des vegetativen Nervensystems (Atmung, Verdauung, Blutdruck usw.). Wenn das Gehirn träumt, werden vielfältige und komplexe Erlebnisse der Vergangenheit sowie Gefühle und Visionen hinsichtlich der Zukunft verarbeitet. Einige Menschen mit ADHS leiden auch an Durchschlafstörungen: Beim kleinsten Geräusch, bei der kleinsten körperlichen Missempfindung (z.B.: Jucken) und bei belastenden Träumen wachen sie auf. Ihr Schlaf ist leicht irritierbar. Kinder können dann nachts schreiend aufwachen und sich komplett verloren und verlassen vorkommen. Diese Erlebnisse sind alles andere als dazu geeignet, dass Kinder mit ADHS gerne zu Bett gehen. Es ist also völlig kontraproduktiv, eine totale reizarme Situation herzustellen. Diese Kinder haben nicht zu wenig Ruhe, um einschlafen zu können, sondern zu viel!

Was konkret tun?

Gegenmassnahmen: Das nähere Verständnis der Hintergründe, weshalb Kinder (und Erwachsene) Mühe haben beim Zubettgehen und mit dem Ein- und Durchschlafen ermöglicht es, Wege und Mittel zu finden, um diesen Problemen zu begegnen. Bewährt haben sich folgende Massnahmen: Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind heraus, welche Methoden dazu beitragen, dass es besser einschlafen kann.

Merke: Das Gehirn aller Menschen mit ADHS benötigt mehr Stimulation, um korrekt zu arbeiten (und dazu gehört auch das sich Konzentrieren und sich in den Schlaf fallen lassen). Es ist also ein gewisses Ausmass an Stimulation erforderlich. Allerdings darf es auch nicht zu einer Überreizung kommen. Also: Nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel.

Bewährt haben sich Versuche mit mehr oder weniger laut tickenden Weckern, leiser (!) Musik oder anderen Geräuschen (z.B.: leicht plätschernde Zimmerbrunnen). Auch ein Nachtlicht leistet oftmals gute Dienste. Selbstverständlich sollte diesen Kindern nicht untersagt werden, vor dem Einschlafen zu lesen oder Radio/Walkman zuhören. Wer das von seinem Kind verlangt, hat nicht verstanden, was ADHS bedeutet.

Einige dieser (ein-) schlafgestörten Kinder brauchen allerdings genau das Gegenteil: Nämlich die „totale Ruhe“. Ihnen kann häufig mit Ohrenstöpseln recht wirksam geholfen werden. Bei hartnäckigen Problemen rund um das Thema Zubettgehen und Einschlafen, empfiehlt es sich, konsequent, täglich und bei jedem Wetter einen halbstündigen Spaziergang vor dem Zubettgehen zu unternehmen.

Ferner kann – sofern von Seiten des Arztes bzw. der Ärztin eine Diagnose und eine Indikation vorliegt – auch versucht werden, eine halbe Stunde vor der Einschlafzeit eine kleine (!) Dosis Ritalin zu verabreichen. Es gilt übrigens als wissenschaftlich bestätigt, dass Ritalin-Abgaben nach 16 Uhr nicht automatisch zu Schlafstörungen führen müssen. Die damit verbundene diskrete Stimulation ermöglicht es diesen Kindern (und übrigens auch erwachsenen ADHS-Betroffenen), sich auf den Schlaf zu konzentrieren.

Selbst wenn eine ADHS diagnostiziert wurde, ist nicht auszuschliessen, dass auch andere emotionale Probleme (Angststörungen, sexuelle Ausbeutung, Angst vor dem Bettnässen usw.) für die Schlafstörungen diese Kinder verantwortlich sein können. Bei hartnäckigen Schlafstörungen sollte in jedem Fall eine fachliche Abklärung erfolgen.

Das Einschlafen wird natürlich nicht gerade gefördert, wenn man ausgerechnet abends noch ein spannendes Playstation-Spiel „reinwirft“ oder aufregende Videos anschaut. Zwei bis drei Stunden vor der vorgesehenen Einschlafzeit sollte auf den Konsum von Bildschirmmedien ganz  verzichtet werden.


 

Danke für diese Infos!

 

 

Diese Seite wurde am 15.04.2017 letztmals aktualisiert.
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