Zweitmeinung bei ADHS | Second opinion | Hemmungen?

Immer wieder werden hier Problemstellungen an ADHS.ch herangetragen, welche darauf hinauslaufen, dass eine Zweitmeinung angesagt ist. Deswegen hier eine zusammenfassende Stellungnahme zu diesem Thema.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Viele Eltern von Kindern mit einer ADHS sind verunsichert, wenn die Kinderärztin oder der Kinderarzt zu einer medikamentösen Therapie rät. Sie wünschen eine Zweitmeinung. Ein Bedürfnis nach einer Second opinion besteht oftmals auch dann, wenn die Probleme eines Kindes trotz Behandlung mit Medikamenten anhalten.

Früher habe ich immer wieder Patienten im Rahmen einer Second opinion untersucht. Dabei stelle ich fest:

  • … dass Eltern sich oft lange Zeit nicht getrauten, eine aussenstehende Fachperson um eine erneute Beurteilung zu ersuchen. Sie fühlten sich manchmal schon beim Gedanken an eine Zweitmeinung dem zurzeit verantwortlichen Arzt gegenüber schuldig. So als würde dieser Schritt einem Vertrauensbruch oder gar einem Verrat gleichkommen.
  • … dass die gestellte ADHS-Diagnose in der Regel zutreffend, aber nicht immer vollständig war. Komorbide Störungen und häufig auch die psychologische Dimension der Problematik wurden nicht immer erfasst. Zweitmeinungen können sich durchaus lohnen.
  • … dass in anderen Fällen die Ursache der Problematik nicht in einer ADHS, sondern primär darin lag, dass Teilleistungsstörungen (zum Beispiel Gedächtnisprobleme, Störungen des räumlichen Vorstellungsvermögens, Wahrnehmungsstörungen) dazu führten, dass die betroffenen Kinder zum Ausgleich dieser kognitiven Defizite besonders viel Konzentrationskraft aufbringen mussten, daraufhin Stress entwickelten und deswegen unruhig und gereizt wurden. Im Schul- und Familienalltag zeigte sich in diesen Fällen – trotz anderer Ursache! – ein der ADHS zum Verwechseln ähnliches Bild. Problematisch wurde es dann, wenn eine medikamentöse Therapie die zugrunde liegende Problematik maskierte. Das heisst, die Konzentration wurde bestenfalls kurzfristig verbesserte, ein nachhaltiger Erfolg blieb indes aus.




  • … dass Zweitmeinungen immer wieder auch zum Thema Therapie gewünscht werden. Oftmals hörte ich, dass Eltern irritiert waren, wenn die ADHS-Behandlung ihrer Kinder ausschliesslich in einer medikamentösen Therapie bestehen sollte.
  • … dass die Untersuchungsbefunde oftmals auffallend schlecht dokumentiert sind. Eltern erhalten offenbar nur selten eine Kopie des Untersuchungsberichtes ihres Kindes.
  • … dass ich die Diagnose und Indikationen für einen medikamentösen Therapieversuch zwar bestätigen konnte, dass die Eltern aber keine weitere Unterstützung erhielten, dass kein Monitoring erfolgte und die Eltern nicht selten selbst bei der Ermittlung der richtigen Dosierung auf sich selbst angewiesen waren.

Wenn Eltern sich für eine Zweitmeinung entschliessen, sollten sie in einem ersten Schritt diejenige Fachperson, welche das Kind zuvor untersuchte, darum bitten, demjenigen Kollegen, welcher die Second Opinion-Untersuchung durchführen wird, alle Unterlagen zuzusenden (Krankengeschichte, Befunde, Testunterlagen etc.).

Es kann sich dann durchaus lohnen, den Bericht der Second opinion-Untersuchung mit dem zurzeit behandelnden Arzt zu besprechen und bei diesem eine optimierte Therapie fortzusetzen.

Lassen Sie sich nicht verunsichern, falls die Fachperson beleidigt reagiert. Die meisten Fachpersonen jedoch werden den Wunsch nach einer Zweitmeinung begrüssen und Ihnen diesbezüglich keine weiteren Steine in den Weg legen.

In einigen Fällen stehe auch ich einer Zweitmeinung skeptisch gegenüber. Zum Beispiel dann, wenn Eltern, die selbst von einer (noch unbehandelten) ADHS betroffen sind, von einer Abklärungsstelle zu andern ‚hypern‘ und die vorgeschlagenen Therapien – kaum haben sie begonnen – schon wieder abbrechen.

Informationen über den Untersuchungsablauf bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS kann man hier finden.

Lesen Sie hier weiter, wenn meine Stellungnahme für Sie hilfreich war.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




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