Zwischen Ehrlichkeit & Notlüge | Zum Dilemma vieler ADHS-Betroffener

Es geht um die Notlüge. Gestern verfasste ich eine Antwort auf eine Frage einer Mutter mit einer sechzehnjährigen Tochter (ADHS = ehrlich? Nicht bei meiner Tochter!). Dem möchte ich etwas beifügen.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Menschen jeglichen Alters mit einer ADHS geraten als Folge ihrer Impulsivität und der damit verbundenen unüberlegten und voreiligen Handlungen oder Reaktionen häufig in ein Dilemma:

Sie sagen Dinge, die sie gar nicht wollen. Oder handeln einmal mehr voreilig und schämen sich dann darüber. Oder zeigen Überreaktionen, welche weit über das Ziel hinausschiessen. Oder versagten einmal mehr bei einer Prüfung. Und, und, und …

Um ihr Gesicht nicht zu verlieren, greifen viele ADHS-Betroffene dann zur Notlüge. Dies auch darum, um andere nicht schon wieder enttäuschen zu müssen.

Das Verrückte daran ist, dass die Betroffenen dann nicht nur unter ihren Missetaten und deren Folgen leiden, sondern auch an ihrer ‚reaktiven‘ Notlüge. Das ist ja nicht das, was sie wollten.

Zu einer Notlüge kommt es bei ADHS-Betroffenen meistens nicht aus dem Kalkül heraus. Sie entweichen ihrem Mund vielmehr genau so impulsiv wie vieles andere auch.

Auch die unmittelbaren Folgen ihrer Zerstreutheit und Vergesslichkeit und die damit verbundene Scham sind Gründe, welche Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer zu Notlügen greifen lassen.

Schon wieder wurden die Arbeitsblätter im Schulzimmer vergessen. Und schon wieder ein Termin verpasst.

Wie das einem Gegenüber erklären? Es gibt doch gar keinen echten Grund, den man angeben könnte. Ehrlich sein geht deswegen oftmals gar nicht.

Fact ist: Wer glaubt und akzeptiert es denn schon, wenn ein Mensch mit ADHS sagt, was wirklich los war? Dass er es zum tausendsten Mal vergessen hat. Niemand!

Auch hilfsbereite Männer mit einer ADHS, die auf tausend Hochzeiten gleichzeitig tanzen, geraten immer wieder in Teufelsküche: Allen versprechen sie Hilfe, die sie wegen ihrer syndrombedingten Organisationsprobleme gar nicht einhalten können. Nächste Woche erledige ich es. Bestimmt! Ausreden und Notlügen sind dann an der Tagesordnung.

Das alles ist natürlich keine Entschuldigung. Eine Lüge ist eine Lüge. Da gibt es nichts schön zu reden.

Aber es ist vielleicht eine Erklärung.

ADHS verstehen!

Lesen Sie hier weiter, wenn meine Antwort für Sie hilfreich war.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




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