Viel Stimulation & Abwechslung = Verwöhnung?


Auf Ihrer Internetseite schreiben Sie an verschiedenen Stellen, dass Kinder mit AD(H)S viel Stimulation brauchen, um sich „normal“ verhalten zu können. Meine Frage: Kann es ein Zuviel geben? Können Eltern ihr Kind zu sehr mit Stimulation verwöhnen? Danke im Voraus! P. J.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/

In der Tat bedürfen Menschen mit einer ADHS viel mehr an Stimulation, um richtig „wach“ und handlungsfähig zu werden. Und zu bleiben. Das gilt auch für das Belohnungssystem im menschlichen Gehirn, welches für die Regulierung der Motivation zuständig ist.

ADHS-Medikamente können ADHS-Betroffenen dabei helfen, die Schwelle zur Handlungsfähigkeit auf einem vernünftigen Niveau zu halten.

Vernünftig heisst beispielsweise, dass ein Kind  die Hausaufgaben mehr oder weniger gut erledigen kann, wenn es diese trotz wenig Lust machen will. Und wenn also die neurobiologischen Voraussetzungen zur Umsetzung der Motivation des Kindes gegeben sind.

Viele Eltern bieten Ihren ADHS-betroffenen Kindern viel an Abwechslung und Stimulation. Ja zum Teil sehr viel. Oftmals bleibt ihnen gar nicht anderes übrig. Nur so können die nach Kicks hungriger Kids bei Laune gehalten werden.

Viele Ausflüge und Freizeitaktivitäten kosten die Eltern Zeit, Geld und manchmal auch Nerven. Dafür sind ihre Kinder mit ihrem syndrombedingt hohen Bedarf an Abwechslung und Stimulation dann mehr oder weniger „ausgelastet“. Und es gibt abends beim Zubettgehen weniger Ärger.




Während meiner Praxistätigkeit habe ich immer wieder einmal feststellen können, dass die Eltern den ADHS-betroffenen Kindern zu viel Abwechslung boten. Das Kind verlangte mehr und mehr. Und dies, ob wohl die Standortbestimmungen, die Rückmeldungen der Lehrpersonen und die neuropsychologischen Verlaufstestungen zeigten, dass die Medikamente gut eingestellt waren und keine anderen Gründe vorlagen, wieso das Kind mehr und noch mehr mit Erlebnissen stimuliert zu werden brauchte.

In diesem Sinne können Eltern ihr Kind tatsächlich zu sehr mit Stimulation verwöhnen. Für eine gesunde Entwicklung der Frustrationstoleranz ist das natürlich kontraproduktiv. Auch Kinder mit einer ADHS müssen lernen, es zu ertragen, dass nicht immer etwas laufen muss. Und dass es nicht immer so kommt, wie man gerne hätte.

Wenn die Eltern dann zu schnell Alternativen bieten, haben diese Kinder keine Chancen, zu lernen, mit den damit verbundenen unangenehmen Gefühlen umzugehen.

Es waren wenige Ausnahmen, in denen ich die Eltern auf dieses kontraproduktive Verhalten ansprechen musste. Und trotzdem bin ich froh über die Frage von Frau J.: Sie regt uns an, über diese nicht unwichtige Frage nachzudenken.

Nebenbei sei noch Folgendes festgehalten: Eine Stunde Smartphone-Konsum pro Tag kann durch die Dauer-Kicks das motivationale System viel mehr durcheinander bringen, als übermässige Stimulationsaktionen der Eltern. Man sieht das allein schon an den Entzugsreaktionen vieler Kinder mit (und ohne) ADHS, wenn man ihnen das Smartphone wegnimmt.

Wie viel oder wie wenig an Abwechslung und Stimulation ein Kind mit ADHS braucht, kann von Kind zu Kind sehr unterschiedlich ausfallen. Das Thema wird im Zweifelsfall auch mit der behandelten Psychologin besprochen.


Lesen Sie hier weiter, wenn meine Stellungnahme für Sie hilfreich war.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




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