ADHS – Selbstwertgefühl, Dissoziation und Identität


Selbstwertgefühl? Wie auch?! Nicht primär Erfolge, sondern Misserfolge in der Bewältigung der Anforderungen des Lebens kennzeichnen den Weg vieler Menschen mit einer ADHS. Als Kinder schon erlebten sie Blossstellungen, Strafen, Kränkungen und Blamagen. Lesen Sie weiter!


Piero Rossi (2001)

Einleitung

Menschen benötigen zur erfolgreichen Bewältigung der sich im Verlaufe ihres Lebens stellenden Aufgaben und Hürden neben anderen Voraussetzungen in erster Linie eine gesunde Portion Selbstwert- und Identitätsgefühl. Oder mit anderen Worten: Ein intaktes Selbstwertgefühl.

Erfolgserlebnisse in verschiedenen Lebensbereichen sowie mehrheitlich stimmige Erfahrungen mit der sozialen Umwelt und mit sich selbst ermöglichen beim heranwachsenden Menschen die Entstehung eines relativ stabilen Selbstbildes sowie eines runden und in sich mehrheitlich schlüssigen Ich-Gefühls.

Erfolgserlebnisse gewährleisten auch eine innere Konstanz, emotionale Widerstandskraft, psychische Gesundheit, Beziehungsfähigkeit, Selbstzufriedenheit und Genussfähigkeit. Das psychisch gesunde und lebenstüchtige Kind kann sich im Verlauf seiner Lern- und Lebensgeschichte mehrheitlich als Individuum, also als einheitliches Subjekt erfahren (Individuum = das Unteilbare): Es hat ein Gesicht, einen Ruf, einen Charakter und ein Temperament. Es zeigt ein mehr oder weniger durchgängiges und stimmiges Leistungsprofil in der Schule, hat seine persönlichen Präferenzen, seine Leidenschaften, Geheimnisse und Hobbys.

Alle diese Aspekte des Daseins, welche sich im Verlaufe der Kindheit und der Jugendzeit herausbilden, verbinden sich beim psychisch mehrheitlich stabilen Heranwachsenden zu einem gefestigten Identitätsgefüge, zu einem Selbstkonzept und zu einem mehrheitlich intakten Ich-Gefühl. Dies ermöglicht es, auch widersprüchliche Erfahrungen in Beziehungen und in der Interaktion mit der Umwelt in das Selbstbild zu integrieren. So können Probleme und Schwierigkeiten im Leben angemessen bewältigt werden.

Erschwerte Identitätsentwicklung

Bei vielen Menschen mit einer ADHS sind die Erfahrungen, welche sie als Kinder und Heranwachsende mit sich und ihrer Umwelt gewonnen haben, alles andere als identitätsstiftend: Nicht primär Erfolge, sondern Misserfolge in der Bewältigung der Anforderungen des Lebens kennzeichnen ihren Weg. Als Kinder schon erlebten sie Blossstellungen, Strafen, Kränkungen und Blamagen. Sie wurden verkannt und nicht verstanden und reagierten mit Scham, Wut oder Selbsthass.




Zahlreiche dieser Betroffenen wurden infolge der ADHS-bedingten Lernstörungen irrtümlicherweise in Sonderschulen versetzt und nicht mehr ihrem Potenzial entsprechend gefördert. So erfahren sich diese Kinder anderen Menschen und Aufgaben gegenüber oftmals als fremd, als Versager/-in, als dumm, beziehungsunfähig, hysterisch, chaotisch, ungerecht oder aggressiv.

Sie spüren ihr Anderssein, nehmen es wahr, reagieren aggressiv oder ziehen sich zum Selbstschutz von zwischenmenschlichen Kontakten zurück. Viele soziale Kompetenzen können so nicht entwickelt werden und es können Schüchternheit und Ängstlichkeit daraus entstehen. Einige Betroffene entwickeln sich zu regelrechten Eigenbrötlern. Steht die Hyperaktivität im Vordergrund der ADHS, so entwickeln diese Kinder viel Trotz und Rebellion. Viele dieser Kinder leiden unter ihrem Energieüberschuss und schämen sich, wenn sie impulsiv Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Wie die Legasthenie oder beispielsweise die nonverbale Lernstörung, kann auch die ADHS zu reaktiven Verhaltensstörungen führen.

Scheiternserfahrungen und Versagensängste können das Selbstwertgefühl der Betroffenen – sofern es sich überhaupt ausbilden konnte – tief verletzen. Auswirkungen auf das spätere Leben sind unausweichlich: Die Angst, zu versagen oder als Hochstapler aufzufliegen, kann zum ständigen Begleiter werden. Die nicht gefestigte Identität, das nicht Umsetzen können des eigenen Leistungspotenzials, unbefriedigende Beziehungen, psychosomatische Reaktionen und teilweise handfeste reaktive psychische Störungen können für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine schwere Bürde darstellen.



Weitwinkeloptik

Menschen mit einer ADHS zeichnen sich – bedingt durch eine neurobiologische Disposition –durch einen mehrheitlich zu breiten und zu offenen Wahrnehmungsstil aus. Zu Zerstreutheit und Konzentrationsschwächen kann es dann kommen, wenn sich in reiz- und stimulationsarmen Situationen (zum Beispiel beim Lernen, in anderen Routinesituationen oder beim Einschlafen) der Bildkreis beziehungsweise die Wahrnehmungsoptik vergrössert („Weitwinkeloptik“). In der Folge entsteht eine zu grosse Empfänglichkeit und Sensibilität für innere und äussere Reize.

Andererseits sind Menschen mit einer ADHS oft auch ausgesprochen gut in der Lage, sich zu konzentrieren: Sind sie von einer Sache begeistert, werden diejenigen neuronalen Netzwerke, welche die Aufmerksamkeitssysteme steuern, von aussen stimuliert. Die neuronale Aktivität wird unter stimulierenden Bedingungen für eine gewisse Zeit auf den Normalzustand angehoben, was – leider nur kurzfristig – zu einem regulären Funktionieren der Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungssysteme führt.

Multitasking, Stress

Bedingt durch die neurologischen Gegebenheiten und ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen haben ADHS-Betroffene oftmals auch Mühe beim Verarbeiten und in Übereinstimmung bringen von widersprüchlichen Umwelterfahrungen. Die Reizoffenheit sowie die erhöhten Multitasking-Kompetenzen machen stimmiges und einheitliches Selbst- und Umwelterleben an sich schon schwierig.

Allen Reizen und (auch den widersprüchlichen) Anforderungssituationen wird im 1:1-Modus gefolgt: Jedes Detail, jeder Teilaspekt und jede Assoziation kann unerbittlich die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Das Denken erfolgt zudem oft mehrkanalig und gegenwartsbezogen. Menschen mit einer ADHS agieren und reagieren demzufolge oftmals wie Gefangene des Augenblicks.

Auf mehreren Kanälen treffen innere und äussere Reize gleichzeitig im Gehirn ein und können, bedingt durch die eingeschränkten inhibitorischen Funktionen (Inhibition = Hemmung), nur ungenügend selektiert und verarbeitet werden. Die Wachsamkeit ist erhöht und jeder Reiz, jeder Gedanke, jede Erinnerung, jedes Geräusch erscheint der betroffenen Person als wichtig. Die Gedanken beginnen zu springen und hüpfen. Nichts darf verpasst werden.




Der dadurch hervorgerufene mentale Stress erzeugt und fördert Ablenkbarkeit und Zerstreutheit und verstärkt Schlaflosigkeit, Gedankenrasen, Grübeleien, Sorgen und das Grundgefühl der Irritation. Schliesslich kann das Wahrgenommene, bedingt durch die Reizüberflutung, nur selten adäquat verarbeitet werden. Folgen können sein: Desorientierung, Verwirrung, Unwirklichkeits- und Überforderungsgefühle, kurze Panikattacken oder Verzweiflung.

Auch Problemlösefertigkeiten sind deshalb in der Regel nur geringfügig ausgeprägt: Das schnelle Überflutetwerden durch parallel eintreffende und in der Weitwinkeloptik als immer gleich gross erscheinende Problempakete, lässt selbst kleine Probleme schnell einmal unbewältigbar gross erscheinen.

Selbst- und Fremdeinschätzung

Die Reizoffenheit und die von der Weitwinkeloptik beeinflusste Wahrnehmung bewirken auch, dass viele ADHS-Betroffene oftmals grosse Mühe bekunden, andere Menschen, Situationen in der Umwelt, aber auch sich selbst adäquat einzuschätzen. Es könnte schliesslich immer auch anders sein. Keiner Einzel-Wahrnehmung kann wirklich vertraut werden. Was gilt, wenn mehrere Gefühle gleichzeitig auftreten? Was ist echt? Was nicht? So gehört das Gefühl des Selbstzweifels bei vielen ADHS-Betroffenen zum dominierenden Grundaffekt.

Die Weitwinkeloptik und die damit verbundene Reizüberflutung bringen es zudem mit sich, dass der Realitätsbezug der oft parallel erfolgenden Wahrnehmungen nicht immer überprüft werden kann. Alle Gedanken und alle dadurch ausgelösten Gefühle erscheinen evident: Sie werden alle als gleichwertig wahrgenommen. Kaum wird ein Aspekt eines Gedankenganges berührt, schon springt die Aufmerksamkeit auf andere, scheinbar gleichberechtigte (da gleich gross und gleich wichtig erscheinende) Teilaspekte.

Was stimmt nun? Wer hat Recht? Was gilt? Woran kann ich mich halten? Was ist wahr? Was nicht? Dieses mentale Hypern (eine spezielle Form einer Denkstörung), von welchem viele ADHS-Betroffene berichten, sowie die damit verbundene Beschleunigung des Denkens, fördern Verunsicherung, Selbstzweifel, Erschöpfbarkeit, Irritation und Angstbereitschaft.

Wenn sich alles zuspitzt
Die übersteigerte Reizwahrnehmung und die durch sie ausgelösten Affekte können Betroffene hochgradig erregen, vermögen einige fast zur Verzweiflung zu bringen und können sie in Einzelfällen psychisch bis zum Zusammenbruch destabilisieren. Nicht selten sind selbstverletzende Handlungen die Folge. Der dadurch ausgelöste Schmerz kann zu einer kurzzeitigen Beruhigung / Entschärfung dieses subjektiv unerträglichen inneren Erregungszustands führen.

Selbstverletzungen haben einen stimulierenden Effekt, sie vermögen die kognitiven und emotionalen Funktionen für eine gewisse Zeit wieder zu normalisieren. Ist die Desorientierung gross und der Erregungszustand hoch, können so genannte dissoziative oder Trance-ähnliche-Zustände entstehen, in welchen die Betroffenen das Gefühl haben, aus ihrem Körper oder aus der Wirklichkeit herauszutreten (Depersonalisation, Derealisation). In der Folge kann es zu psychotisch anmutenden Zuständen kommen, oft kombiniert mit grossem Reizhunger und Impulsivität.




Entscheidungsschwierigkeiten

Immer wieder werden im Zusammenhang mit der Mehrkanaligkeit auch Klagen über hartnäckige Entscheidungsschwierigkeiten genannt. Ambivalenz liegt ADHS-Betroffenen grundsätzlich näher als entspanntes Denken in stimmigen Zusammenhängen. Das Widersprüchliche entspricht viel eher ihrem Multitasking-Denken. Der rote Faden hingegen bleibt oft unerkannt und unbegriffen. Menschen mit einer ADHS wirken und fühlen daher häufig recht verwirrt und bekunden meistens grosse Mühe, sich selbst oder den eigenen Lebenszusammenhang als Ganzes zu sehen und zu erleben.

Im Vordergrund stehen Zweifel, das Erinnern von tausend Details und Erlebnissen und die oft hilflosen Versuche des Verarbeitens der vielen Misserfolge, Blossstellungen und Kränkungen. Probleme in der Selbstbeurteilung beziehungsweise in der adäquaten Selbsteinschätzung können dann manifest werden, wenn die Filter- und Hemmfunktionen des Gehirns der betreffenden Person ADHS-bedingt und situationsabhängig erheblich eingeschränkt und gestört sind.

Vor allem Frauen und Männer, die infolge einer ADHS auch eine Angststörung entwickelten, nehmen durch ihre Weitwinkeloptik oftmals viel zu viel wahr. In der ängstlichen Stimmung wird nun die Umgebung, aber auch der eigene Körper, regelrecht nach Gefahrensignalen abgescannt. Gerade bei ADHS-Betroffenen mit einer ängstlich-hypochondrischen Selbstbeobachtung wird dieses Zuviel an Input offensichtlich.

Komplexe Wahrnehmungsinhalte und Gedanken können durch die Filterschwäche so diffus und verschwommen sein, dass die betreffende Person die eintreffenden Informationen gar nicht mehr ausfiltern, sortieren und angemessen auswerten kann. Festzuhalten bleibt aber, dass viele Menschen mit einer ADHS trotzdem sehr gute Selbst- und Fremdbeobachter sein können. Entscheidend ist ja, wie das Gehirn die eintreffenden Informationen verarbeitet. Vielen gelingt es, ihre Wahrnehmungen (auch über sich selbst) angemessen auszuwerten und identitätsstiftend zu integrieren. Die mit der Reizoffenheit verbundene Sensibilität kann Intuition und Empathie sogar fördern.



Vertuschen

Ein instabiles Selbstwertgefühl bei Menschen mit einer ADHS kommt auch deswegen zustande, weil die betroffenen Personen ihre kognitiven Defizite kompensieren beziehungsweise vertuschen müssen, um im sozialen Kontext nicht noch mehr aufzufallen: Immer wieder müssen sie zu Notlügen greifen oder sie erfinden etwas, um nicht aufzufallen.

So berichtete eine ADHS-Patientin, dass sie sich jeweils den ersten wichtigen Begriff eines Dialogs besonders gut einprägt, um nicht in eine peinliche Situation zu geraten, falls sie in zu langen Gesprächspassagen des Gegenübers den Faden verliert. So kann sie jeweils den Anschein aufrechterhalten, einem Gespräch gut folgen zu können. ADHS-Betroffene sind oftmals Weltmeister im Schummeln.

Dank ihrer Intelligenz sowie ihrem manchmal oft fotografisch guten Gedächtnis können sie mit der Hilfe von Schummelzetteln viele bedrohliche Situationen in der Schule oder in der Ausbildung entschärfen. Trotzdem: Die meisten ADHS-Betroffenen leiden unter ihren Notlügen und den Schummeleien. Das schlechte Gewissen plagt sie.

Tief in ihrem Inneren denken viele, sie seien im Grunde genommen Versager/-innen oder Hochstapler/-innen und hätten das Erreichte gar nicht wirklich verdient. Ihre Leistungen erleben sie als unecht, was insoweit durchaus adäquat sein kann, da viele ADHS-Betroffene beruflich nie ein Niveau erreichen, welches ihrem Potenzial entsprechen würde. Übrig bleiben Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen.

Beziehungsverhalten

Auch im Beziehungsbereich zeigen sich die negativen Folgen der Mehrkanaligkeit auf das Selbstwertgefühl: ADHS-Betroffene suchen nämlich oft viel Nähe und Halt bei ihren Bezugspersonen. Das Gegenüber soll helfen, die eigene Orientierungslosigkeit zu kompensieren. Das Beziehungsverhalten von Menschen mit einer ADHS mutet oftmals symbiotisch an: Viele Kinder mit einer ADHS können sich kaum von ihren Müttern trennen.

Der Besuch eines Kindergartens stellt für viele von ihnen eine traumatisierende Erfahrung dar. Der Trennungsschmerz ist für sie unerträglich. Alleine zu sein heisst für diese Kinder, die Orientierung und damit sich selbst zu verlieren. Es handelt sich in diesen Fällen also nicht um gewöhnliche Trennungsängste, sondern um Folgen ADHS-bedingter Wahrnehmungsstörungen.

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Erwachsene Menschen mit einer ADHS erwarten oft absolute Offenheit in der Zweierbeziehung. Durch ihr bedrängendes und impulsives Verhalten erfahren sie jedoch auch Zurückweisungen und Verletzungen. Auch zeigen sie Mühe beim sich Abgrenzen und beim Nein-Sagen-können. Das niedrige Selbstwertgefühl zeigt sich auch in der verstärkten Neigung zu Eifersucht, unter welcher viele ADHS-Betroffene leiden. Durch die Mehrkanaligkeit ist in der Regel auch die Empfindsamkeit hoch.

Betroffene erleben sich als leicht verletzbar, sie spüren oftmals auch die Schmerzen anderer und sind ausgesprochen intuitiv. Das kann auch Ängste auslösen. Viel zu vieles beziehen sie auf sich selbst. Sie sind schnell beleidigt und eingeschnappt. Alles in allem: Sie haben nicht selten das Gefühl, in ihrer Beziehung alles falsch zu machen und erleben sich mehrheitlich als beziehungsunfähig.

Das Herausbilden von Selbstwertgefühl und Ichbewusstsein setzt auch voraus, dass man sich an identitätsstiftende Erlebnisse in der eigenen Biografie erinnern kann. Der Effekt des sich Erinnerns und des Widererkennens ermöglicht es, dass Menschen sich in einem zeitlichen Kontinuum erleben und lokalisieren können und um ihre eigene Geschichte wissen: Es zählen nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und die Zukunft. Erst das Wissen um diese drei Dimensionen und die daraus resultierenden Gefühle machen Menschen ein Stück weit immun und unabhängig gegenüber den Wirren des Alltags.




Menschen mit ausgeprägten ADHS-Symptomen sind dem gegenüber übermässig stark verhaftet in der Gegenwart. Da ihr Ich-Gefühl aufgrund der starken Stimulusgebundenheit, der Vergesslichkeit sowie der vielen negativen Erfahrungen nur mangelhaft ausgebildet ist, können sich viele ADHS-Betroffene innerlich nicht an ein ausreichend starkes inneres Selbst anlehnen. Sie finden in sich selbst keine Seelennahrung. Die Reizoffenheit beziehungsweise die Mehrkanaligkeit bringen es mit sich, dass für das aktuelle Befinden primär der Augenblick und die Gegenwart zählen.

Gefühle von Identität und Selbstbewusstsein bleiben deswegen so instabil, weil sie beinahe täglich neu gebildet werden müssen: Erfolgserlebnisse vermögen kurzfristig die Stimmung zu heben, Enttäuschungen können diese blitzschnell wieder in den Keller sausen lassen.

Menschen mit einer ausgeprägten ADHS leben vorwiegend im Hier und Jetzt. Sie sind deswegen selbst durch jene Erlebnisse verletzbar, welche von anderen Menschen viel leichter weggesteckt werden können. In der klinischen Praxis kann in diesem Zusammenhang immer wieder beobachtet werden, dass sie sich primär an negative und traumatisierende Erlebnisse erinnern. Nur massive Erlebnisse – leider meistens negativer Art – vermögen bei ihnen Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen. Fatalerweise sind es dann in erster Linie diese schmerzhaften Erinnerungen, welche das Grundgerüst des (negativen) Selbstbildes bilden.

Resistent zu sein gegen die alltäglichen Widrigkeiten des Lebens erfordert auch, sich in einem ausgewogen positiven Sinnzusammenhang in die Zukunft projizieren zu können. Auch dies fällt vielen Menschen mit einer ADHS ausgesprochen schwer. Ursachen dafür sind nicht nur die vielen Entmutigungen, sondern auch das ADHS-bedingte kognitive Unvermögen, sich in Ruhe solche vernünftig-optimistischen zukunftsbezogenen Szenarien vorstellen zu können.

Dies erklärt auch, dass die Zukunft für viele Menschen mit einer ADHS – sofern sie subjektiv überhaupt evident ist und ins Auge gefasst werden kann – meistens mit Angst und Sorgen besetzt ist. Das Eingebundensein im Hier und Jetzt kann immer wieder zu unangenehmen Situationen und Peinlichkeiten führen. Die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl sind mitunter erheblich.

Solche Erfahrungen bewirken nämlich, dass die Grundannahmen vieler ADHS-Betroffener, etwa grundsätzlich fehl am Platz zu sein, immer wieder aufs Neue bestätigt werden. Immer wieder erleben sie sich als unfähig, als Versager/-in, als sprunghaft, als unzuverlässig, als inkonsequent und als unecht. Auch diese Erfahrungen können Selbstvorwürfe, Dissoziationen und Depressionen auslösen.




Folgen der zu hohen Impulsivität auf das Selbstwertgefühl

Auch die Folgen der Impulsivität können sich negativ auf das Selbstbild auswirken: Viele ADHS-Betroffene leiden darunter, dass sie immer wieder ins Fettnäpfchen treten, was zu Scham- und Schuldgefühlen führt. Ferner sind bei vielen erhebliche Schwierigkeiten im Umgang mit Geld zu beobachten. Die Störungen der Impulskontrolle, welche zum Beispiel in emotionalen Ausbrüchen, in Essstörungen, bei Suchtstörungen (Spielsucht) oder bei vorsätzlichen Selbstverletzungen evident werden können, zeigen sich insbesondere auch im Umgang mit Geld. Hinzu kommt, dass es ADHS-Betroffenen oft ausgesprochen schwer fällt, mit den Ressourcen haushälterisch umzugehen. Viele leben seelisch und materiell buchstäblich von der Hand in den Mund.

Die eingeschränkten Planungskompetenzen und die unzureichende Verhaltensregulation können sich in diesen Bereichen besonders störend bemerkbar machen. Viele Menschen mit einer ADHS klagen denn auch über anhaltende Existenzängste. Es fehlen das mehrheitlich stabile Gefühl von Sicherheit sowie die materiellen Grundlagen: Der impulsive und unstetige Lebensvollzug verhindert oft nicht nur ein reguläres Einkommen, sondern auch das Auskommen mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Andere wiederum sind beinahe zwanghaft bemüht, ihr inneres Chaos zu kompensieren, indem sie übermässig sparsam sind und ein äusserst spartanisches Leben führen.

Als eines der wesentlichen Kennzeichen der ADHS gilt eine mangelhafte Selbststeuerung. Nicht nur Kindern mit einer ADHS fällt es oft schwer, ihr eigenes Verhalten zu steuern. Auch erwachsene Betroffene bekunden oft grosse Mühe, wenn es darum geht, das eigene Verhalten, beispielsweise durch Selbstanweisungen, adäquat zu regulieren. An handlungsbegleitenden kognitiven Prüfprozessen (beispielweise das Überdenken eines beabsichtigter Spontankaufes) fehlt es meistens.

 

Depressive Reaktionen

Ein stabiles Ich-Erleben setzt weiter voraus, dass Menschen auch emotional mehr oder weniger folgerichtig und stimmig funktionieren. Falls die ADHS einen starken negativen Einfluss auf den Lebensvollzug eines Menschen hat, führt dies regelmässig in eine Affektlabilität. Da die Kognitionen, welche den Emotionen vorausgehen, ADHS-bedingt hüpfen, unkoordiniert und oft spontan ablaufen, sind diese ausgesprochen situationsabhängig. Dies bedeutet unter anderem, dass kleinste Veränderungen in der Umwelt grössere emotionale Wellen aufwerfen können. Keine guten Voraussetzungen, um ein angemessen gutes Selbstwertgefühl aufbauen zu können.

Das daraufhin folgende Gefühl basiert dann erstens auf der Bewertung des aktuell Vorgefallenen und zweitens auf dem im Lauf des Lebens zu Grundannahmen geronnenen Selbst- und Weltbildes. Dass es bei der ADHS neben den depressiven Reaktionen aber gehäuft auch zu primären Depressionen im Sinne einer echten Komorbidität kommen kann, ist bekannt.




Aktivitätsregulation

Menschen mit einer ADHS zeigen nie ein durchschnittlich normales und ausgewogenes Aktivitäts-, Motivations- oder Energieniveau. Sie sind entweder über- oder untererregt. Ursache ist eine syndromtypisch mangelhafte zentrale Aktivitätsregulation: Der Aktivierungspegel ist bei Interesse hoch, bei fehlender Stimulation hingegen über ein normales Mass hinaus niedrig. Diese Menschen sind daher leicht erregbar, können aber ebenso zu missmutigen Stimmungslagen, Antriebslosigkeit oder zu Startverzögerungen neigen.

Kennzeichnend ist in vielen Fällen eine ausgesprochene Stimmungslabilität. Im Gegensatz zu depressiven Störungen sind diese Stimmungsschwankungen jedoch stark stimulusgebunden und weniger stark von anhaltenden Selbstvorwürfen begleitet.

Anders als bei echten Depressionen ist auch der zeitliche Verlauf: ADHS-bedingte depressive Verstimmungen dauern in der Regel nur kurz an. Die Stimmung kann sich oftmals schnell wieder verbessern und die Betroffenen sind ausgelassen und fröhlich. Dieses Auf und Ab im Emotionalen, welches manchmal an eine Zyklothymia (psychische Störung, welche durch eine dauerhafte Instabilität der Stimmung gekennzeichnet ist) erinnert, ist aber oftmals nicht nur für die Betroffenen eine Belastung.

Auch die Angehörigen werden durch diese Stimmungsschwankungen irritiert und wissen dann nicht, woran sie beim Gegenüber gerade sind. Schnell kann dies in ausgeprägte Beziehungskonflikte münden.

Strategien von ADHS-Mädchen

In der psychotherapeutischen Praxis kann immer wieder festgestellt werden, dass ADHS-Betroffene versuchen, ihre kognitiven Defizite zu kompensieren. Sie leiden ja nicht an einem Motivations- sondern einem Umsetzungsdefizit. Gerade Mädchen neigen während der Schulzeit dazu, die Störungen der Aufmerksamkeitsfunktionen mit besonders eifrigem Lernverhalten wettzumachen. Vor lauter Angst, etwas zu vergessen, zu verpassen oder zu überhören und dann dumm dazustehen, lernen diese Mädchen oftmals übertrieben intensiv.



Das ausgeprägte visuelle Gedächtnis vieler Menschen mit einer ADHS ermöglicht es ihnen, vom Gesehenen ein fotografisches Abbild zu erzeugen. Sie geben dann an, auswendig zu lernen. Dieser Vorgang ist natürlich sehr anstrengend, störungsanfällig und absorbiert das Kind in hohem Masse.

Diese Lernmethode scheitert meist spätestens beim Eintritt ins Gymnasium. Intelligente Kinder vermögen die ADHS-bedingten Defizite lange zu kompensieren. Spätestens wenn die Anforderungen in der Schule steigen, kommen die Konzentrationsstörungen schmerzhaft zum Tragen. Durch das zeitliche Zusammentreffen mit der Pubertät kann so eine Problemkarriere ihren Anfang nehmen.

Diese Kinder wissen dann überhaupt nicht mehr, wer sie eigentlich sind. In der Grundschule galten sie als leistungsfähig und intelligent und nun erfolgt plötzlich ein Einbruch der Leistungen. Die damit einhergehende Irritation und Kränkung ist häufig so gross, dass der Griff zu Suchtmitteln oder anderen stimulierenden Aktionen (zum Beispiel Delinquenz) vorgezeichnet erscheint. Und: Wie soll da Selbstwertgefühl entstehen?

Zwänge

In der psychotherapeutischen Praxis können bei ADHS-Betroffenen immer wieder auch atypische Bilder von Zwangsstörungen beobachtet werden. Atypisch deswegen, weil die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen nicht oder nicht immer an die sonst obligaten Angstgefühle gekoppelt sind, der Zwang also nicht der Angstvermeidung gilt. ADHS-Betroffene können meistens ohne grosse Mühe von diesen zwanghaft anmutenden Handlungen absehen, ohne dass dies in ihnen Ängste reaktiviert.

Die Ursachen liegen wo anders: Die ADHS-bedingten kognitiven Defizite erzeugen in vielen Menschen ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit. Durch den Versuch, Ordnung und Struktur in der Lebensführung und im Alltag zu schaffen und aufrecht zu erhalten, können sich auch zwanghafte Charakterzüge entwickeln. Es kommt nicht selten vor, dass im Laufe des Lebens ein Wechsel von einem impulsiven und chaotischen Leben hin zu einer überangepassten und zwanghaften Lebensführung erfolgt.

Familiäre Häufung

Klinische Erfahrungen und epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass es sich bei der ADHS um eine familiär gehäuft auftretende Erkrankung handelt. Das bedeutet, dass ein oder beide Elternteile an einer ADHS leiden können. Dies kann zur Folge haben, dass der elterliche Erziehungsstil widersprüchlich war (oder ist). Väter und Mütter mit einer ADHS fühlen sich leicht überfordert, sind oft ungeduldig und inkonsequent.

Kinder von ADHS-Eltern haben es deshalb häufig schwer, auch wenn sie selbst keine ADHS haben, denn es fehlt ihnen vielfach an einem formal stabilen Bezugsrahmen. Meinen eigenen Beobachtungen zufolge kommt es aber in Familien mit ADHS-Eltern nur sehr selten zu elementaren Bindungsstörungen. Die Unruhe bleibt oberflächlich, tief im Inneren spürt das Kind, dass die Mutter es innigst liebt, selbst wenn diese ihrer Impulsivität und der Überforderung wegen oft ungeduldig, unwirsch oder kurz angebunden reagiert.




Dennoch: Durch das oftmals unstimmige Erziehungs- und Beziehungsverhalten der Eltern können die Kinder ihre Wahrnehmungen nicht kontinuierlich an Konsequenzen und Gefühle binden. Das kann negative Gedanken, Fantasien und Ängste begünstigen, da Kinder ihre Kognitionen dann nur schwer an Realität überprüfen können.

Es entsteht gelegentlich ein Nebeneinander von Sprache, Beziehungserleben und Emotionen. Eltern mit einer ausgeprägten und schlecht kompensierten ADHS sind ihren Kindern auch bezüglich Identität und Selbstwerterleben nicht immer ein gutes Vorbild. Dies heisst natürlich nicht, das Mütter oder Väter mit einer ADHS prinzipiell schlechte Eltern sind: Sie erziehen ihre Kinder so gut oder so schlecht wie andere auch.

Psychotherapie

In der Psychotherapie lernen Menschen mit einer ADHS, ihre Zerstreutheit und Widersprüchlichkeit anzuerkennen. Das Aufarbeiten der eigenen Geschichte ermöglicht es ihnen, sich neu kennen und verstehen zu lernen. Ferner werden in einem psychotherapeutischen Prozess fehlende Kompetenzen in zwischenmenschlichen Bereichen eingeübt. Das Selbstwertgefühl kann sich normalisieren.

Sollten komorbide Störungen vorliegen (beispielsweise Depressionen oder Angsterkrankungen), so werden auch diese Probleme spezifisch behandelt. Psychotherapie bei der ADHS hat immer zum Ziel, ADHS-Betroffene zu befähigen, ihre Selbstwahrnehmung und Selbststeuerung zu optimieren. Dazu können verhaltenstherapeutische Methoden, aber auch Techniken aus der kognitiven Psychotherapie Anwendung finden.

Durch den Mangel an Identitätsgefühl (aber auch von Selbstwertgefühl) haben Betroffene oftmals eine überhöhte Vorstellung von Ganzheit und psychischer Gesundheit. Jeder Zwiespalt, jedes Gefühl von Ambivalenz und jeder Zweifel lösen als Signale bei den Betroffenen tief sitzende existenzielle Ängste aus. Von daher können Menschen mit einer ADHS in einer Psychotherapie lernen, sich selbst trotz Widersprüchlichkeiten annehmen und lieben zu lernen.


Danke für diese Infos!


Diese Informationen wurden letztmals am 20.04.2017 aktualisiert.
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© 1999 – 2017 Piero Rossi

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