Positive Seiten der ADHS – Mythos oder Realität?


Positive Seiten der ADHS? Tatsächlich?
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Positive Seiten der ADHS?

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Keine Website und (fast) kein Ratgeberbuch über die ADHS, welche nicht die Vorzüge der ADHS preisen. Die Rede ist von den so zahlreichen „positiven Seiten“, welche die ADHS haben soll. Und den vielfältigen und speziellen Begabungen jener Menschen, die von diesem Störungsbild betroffen sind.

Stellvertretend für Dutzende von anderen ADHS-Internetplattformen hier einige Zitate aus der Internetseite von „adhs 20+ Schweizerische Info- und Beratungsstelle für Erwachsene mit ADHS“ (abgerufen im Internet am 27.04.2017):

  • „Menschen mit ADHS haben besondere Fähigkeiten, aussergewöhnliche Wege zu gehen. Sie brauchen aber ein Ziel, Motivation und vor allem einen Anfang. Nicht selten sind es Spitzenleistungen, die diese Menschen vollbringen…“
  • „Sie lieben das Neue und die Abwechslung, deshalb verfügen sie oft auch über mehrere Berufe und abgeschlossene Qualifikationen …“
  • „Sie brauchen Bewegungs- und Ideenfreiheit, gepaart mit Selbständigkeit. Dafür übernehmen sie auch gerne Verantwortung und Risiko. Haben sie für sich ein Spezialgebiet entdeckt, sind Wissbegierde und Arbeitseinsatz grenzenlos.“
  • „Sie haben häufig eine bessere Intelligenz als sie selbst und ihre Umgebung vermuten …“

Wie toll ist es doch, an einer ADHS zu leiden! Doch Halt. Was schreibe ich denn da? Eine ADHS ist kein Leiden. Nein, es ist eine Gabe. Ein Nice-to have. Immerhin: Gewöhnliche, ja gesunde  Menschen zeigen nur in Ausnahmefällen Spitzenleistungen und Aussergewöhnliches. Was für ein Vorzug, nicht zu den Normalos zu gehören.

Wie hemmungslos die Formulierungen auf der Website von adhs20+ zu den positiven Seiten der ADHS doch ausfallen. Und wie generös hier der Mythos des heiligen Kranken zelebriert wird. Ein Soziologe würde darob wahrscheinlich schmunzeln.

Einverstanden

Selbstverständlich geht es mir nicht darum, die Arbeit der ADHS-Organisation adhs20+ pauschal zu kritisieren. Ganz und gar nicht! Ich stelle hier lediglich das überzeichnet positive Bild der ADHS infrage.

Es ist richtig und wichtig, wenn auch positive Seiten der ADHS aufgezeigt werden. Das macht den Betroffenen zu Recht Mut und kann Ihnen Hoffnung geben.

Aber bitte nicht so! Warum nicht, fragen Sie sich jetzt vielleicht? Lassen Sie mich etwas ausholen.

Voraussetzungen für eine Diagnose ADHS

 

Gemäss DSM-5 wird zur Diagnose der ADHS unter anderem Folgendes verlangt (Hervorhebungen PR):

  • Es „…müssen deutliche Hinweise auf Beeinträchtigungen der sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsfähigkeit vorhanden sein.“
  • Die durch die ADHS hervorgerufenen Probleme bestehen zwingend bereits seit der Kindheit. Das gilt auch dann, wenn die Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter gestellt wird.
  • Es besteht ein „… durchgehendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität, welches das Funktionsniveau … beeinträchtigt..“
    Aufmerksamkeitsstörungen und Symptome der Hyperaktivität-Impulsivität, wirken sich „… direkt negativ auf soziale und schulische/berufliche Aktivitäten“ aus.
  • Mehrere ausgeprägte Symptome der Unaufmerksamkeit oder der Hyperaktivität-Impulsivität „… bestehen in zwei oder mehreren Lebensbereichen (z.B. Zuhause, in der Schule, bei der Arbeit (…).“
  •  „Es sind deutliche Hinweise dafür vorhanden, dass sich die Symptome störend auf die Qualität des sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsniveaus auswirken oder dieses reduzieren.“

Wie bitte soll das alles zu grenzenlosem Arbeitseinsatz, zu Spitzenleistungen und Unternehmertum passen?




ADHS ist eine Behinderung

  • Bei der ADHS und vielen anderen Entwicklungsstörungen handelt es sich um Behinderungen. Eine ADHS-Diagnose gemäss DSM-5 setzt also (unter anderem) zwingend voraus, dass die Symptomatik ausgeprägt und folgenreich sein muss. Sonst darf die Diagnose nicht gestellt werden. Und wird sie trotzdem gestellt (was im Trend liegt), ist sie falsch.
  • Die ADHS ist keine Krankheit, welche mal kommt und dann wieder verschwindet. Wie zum Beispiel depressive Episoden. Die ADHS ist ein seit Kindheit bestehendes chronisches Leiden.
  • Sie muss sich nicht durchgehend in seiner schwersten Form zeigen. Beschwerdefrei ist man mit einer ADHS indes so gut wie nie. Und wenn doch, dann nur für eine kurze Zeit. Beispielsweise während einer Schwangerschaft. Eine symptom- und beschwerdelose ADHS ist keine ADHS.
  • Wer seit dem Kindesalter an einer ADHS leidet, kann seine Kreativität, seine Begabungen   und seine Intelligenz eben gerade nicht entwickeln. Oder nur sehr eingeschränkt. Die ADHS verhindert eine angemessene Schul- und Berufsausbildung in nahezu allen Fällen.
  • Selbst ein gutes Ansprechen auf eine Therapie im Erwachsenenalter kann keine Wunder vollbringen: Die Schulbildung ist mehr oder weniger vermasselt. Und bleibt es auch bei erfolgreicher Behandlung.
  • Und die abgebrochenen Ausbildungen bleiben abgebrochen. Und der Versuch, dann doch noch die Mittel- oder Hochschulreife (Abitur, Matura) nachzuholen, bleibt in den allermeisten Fällen ein Versuch. Und die neue Beziehung ist auch im Eimer. Wie schon die Letzte. Und die Vorletzte. Und die Vorvorletzte.
  • Und das alles trotz all der vielen positiven Seiten, welche einige ADHS-Betroffene haben sollen. Schöne wertlose „positive Seiten“!
  • Auch eine perfekt ablaufende Psychotherapie vermag die tief sitzenden Schamgefühle und Selbstwertprobleme von Menschen mit einer ADHS nicht aus der Welt zu schaffen. Die Verletzungen, welche sie seit Kindheit erleben, sind oftmals von traumatischer Qualität.
  • Viele dieser Wunden führten zu bleibenden Narben. Und zwar geschichtet in vielen Jahresringen.
  • Eine Psychotherapie kann sehr wohl entlastend wirken. Die psychischen Folgen der oftmals Jahrzehnte lang anhaltenden Misserfolgserlebnisse und Kränkungen kann sie hingegen nicht wettmachen.

Unerhört!

So pauschal zu schreiben, dass ADHS-Betroffene über mehrere Ausbildungen und abgeschlossene Qualifikationen verfügen, ist unerhört. Und komplett falsch. Und diskreditierend.

Wie bitte sollen sich Menschen mit einer ADHS fühlen, wenn sie auf der Website einer ADHS-Beratungsstelle oder in einem ADHS-Ratgeber für Erwachsene lesen, wie toll es doch sein kann, ADHS zu haben? Und über welche beeindruckenden Eigenschaften sie verfügen (sollten).

  • Menschen, die sich seit Kindheit irgendwie und mit Müh und Not durchs Leben kämpfen. Und immer wieder einen „auf den Deckel“ kriegen. Das ist die Regel und nicht die Ausnahme.
  • Menschen, die tief im Innern fest davon überzeugt sind, einfach nur dumm und unfähig zu sein. Und diese hartnäckigen kognitiven Schemata und die damit verbundenen Gefühle einfach nicht befriedigend gut überwinden können. Auch nicht in einer Psychotherapie.
  • Menschen die arbeitslos sind oder unter der ständigen Angst leiden, ihre Stelle zu verlieren. Weil sie schon wieder XY gegenüber ‚undiplomatisch‘ reagierten. Oder weil ihnen trotz wiederholten Gesprächen mit den Vorgesetzten schon wieder diese dummen Fehler unterlaufen sind.

Und dann lesen sie, wie eine ADHS-Organisation wunderbar elegant und nonchalant über die gute Intelligenz von ADHS-Betroffenen schreibt. Und über deren Spitzenleistungen und ihren grenzenlosen Arbeitseinsatz.




Ich habe ADHS-Betroffene kennengelernt, welche sich mit beiden Händen die Ohren zugehalten haben, als sie mir erzählten, wie mies sie sich nach der Lektüre dieses oder jenes ADHS-Buches für Erwachsene gefühlt haben. Mit all den guten Tipps, die bestensfalls bei Personen ohne ADHS funktionieren können. Und all den tollen Eigenschaften, welchen Erwachsenen mit einer ADHS zugeschrieben werden.

„Gib Dir mehr Mühe! Du musst nur wollen, dann schaffst Du es!“

Der Diskurs rund um die angeblich so positiven Eigenschaften von Menschen
mit einer ADHS reproduziert die gleichen Ansprüche, welche schon die
 Eltern, die Lehrer, die Ausbildner, ja die ganze Gesellschaft an die Betroffenen hatten.
Einfach anders verpackt.

Und wecken damit in vielen Betroffenen die alten Gefühle 
der Ohnmacht, der Unfähigkeit, des Versagens und der Scham.

Unternehmer und Piloten mit ADHS

Es ist kein Scherz: Forscher postulieren, dass die Symptome ADHS auch wichtige unternehmerische Eigenschaften fördern sollen  (Zusammenfassung siehe hier).

Gestern waren es Einstein und Hitchcock. Heute sind es Unternehmer. Und morgen Piloten, welche es trotz oder dank einer ADHS so weit gebracht haben.

Ein Unternehmen führen können Menschen gewöhnlich auf Grundlage einer erfolgreichen Berufskarriere. Schulen, Ausbildung, Berufspraktika, Hochschulbildung, Arbeitsstellen müssen mit Erfolg durchlaufen werden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bei Vorliegen einer ADHS hingehen klappt es in dem allermeisten Fällen nicht einmal bei einem erfolgreichen Schulabschuss. Die ADHS hindert die Betroffenen nachhaltig daran, ihr intellektuelles, zwischenmenschliches und kreatives Potential zu entfalten.

Mag sein, dass der eine oder andere der genannten Persönlichkeiten gewisse, an eine ADHS erinnernde Persönlichkeits- oder Charakterzüge aufweist oder aufwies. Mit einer ADHS hat das aber nichts zu tun.

Verstorbene und noch lebende Persönlichkeiten, welche an einer ADHS leiden sollen, werden ins Feld geführt. Darunter auch richtige Stars. Und auch welche, die von der Pharmaindustrie gesponsert wurden (ADHSpedia).




Klar: Hyperfokus, Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Spontaneität und Impulsivität sind ohne Zweifel Persönlichkeitsmerkmale von leistungsfähigen Menschen. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass diesen Merkmalen eine ADHS zugrunde liegt, ist indes abwegig.

Nochmals: ADHS-Merkmale sind von klinischer Evidenz. Sie sind mit Leiden verbunden, haben den Status von Symptomen und stehen für ein definiertes Störungsbild.

Denkbar ist durchaus, dass bei den von Prof. Dr. Dr. Holger Patzelt (Professor auf dem Gebiet der Betriebswirtschaftslehre) befragten 14 Selbstständigen tatsächlich einmal eine ADHS-Diagnose gestellt wurde.

Nur wissen wir aber bestens, dass die ADHS nicht so einfach wie ein Beinbruch zu diagnostizieren ist. Immer häufiger werden heute ADHS-Symtome mit dem Vorliegen einer ADHS gleichgestellt. Das habe ich bei Erwachsen wiederholt beobachten können.

ADHS bei Akademikern?

Ich habe während der langen Jahre meiner Praxistätigkeit folgende Akademiker/-innen mit ADHS kennengelernt: Eine Historikerin, eine Psychologin, einen Arzt, eine Frau , welche erfolgreich Slavistik, Publizistik und Theaterwissenschaften studierte, einen ETH- und einen HSG-Studenten, ein Gymnasiast, welcher jetzt Meeresbiologie studiert und …

Das war’s. Glaube ich. Zwei, drei werde ich vergessen habe. Es waren ja einige.

Daneben kenne ich mehrere Ärzte, die von sich sagen, bei Ihnen bestünde eine ADHS. Davon etwas gemerkt habe ich indes nichts.

Wer an einer ADHS leidet, schafft es auch bei guter Intelligenz nur in den seltensten Fällen, die Mittelschul- oder gar die Hochschulreife zu erreichen. Und es ist ja nicht so, dass ich eine Praxis nur für Randständige hatte. Mein Klientel stammte zum überwiegenden Teil aus dem Bildungsbürgertum. Wenn die ADHS auch bei Akademikern evident wäre, hätte ich das wahrscheinlich mitbekommen müssen.




Pizzaiolo mit ADHS

Ich habe einige ADHS-betroffene Erwachsene kennengelernt, welche selbständig sind. Und ziemlich glücklich. Einen Betreiber eines kleinen Pizzeria-Takeaways, eine Hutmacherin, mehrere Informatiker, eine Tupperware-Beraterin und andere.

Zur Selbstständigkeit sind fast alle aus der Not heraus kommen. Weil sie sich den Arbeitsplatz syndrombedingt immer und immer wieder verscherzt haben. Und der überwiegende Teil dieser Selbständigen hatte eine Partnerin bzw. einen Partner, welcher in organisatorischen Belangen tatkräftig mithalf.

Und ich habe viele kennengelernt, welche gescheitert sind beim Versuch, sich selbstständig zu machen. Syndrombedingt fehlte es den Meisten an organisatiorischen Kompetenzen und Durchhaltevermögen. Der Schuldenberg war dann noch höher.

Sind vielleicht nur die leichten Fälle gemeint?

DSM-5 teilt den Schweregrad einer ADHS in „Leicht“, „Mittel“ und „Schwer“. Ist es vielleicht nicht einfach so, dass adhs 20+, Prof. Dr. Dr. Holger Patzelt und alle anderen Autoren, welche die ach so tollen Seiten der ADHS artikulieren, ausschliesslich leichte Fälle im Auge haben?

Nein. Es gibt keine leichte ADHS. DSM-5 definiert „leicht“ folgendermassen (Hervorhebung PR): „Es treten wenige oder keine Symptome zusätzlich zu denjenigen auf, die zur Diagnosestellung erforderlich sind ….“.

Mit anderen Worten: Der Schweregrad „Leicht“ bezeichnet nicht etwa eine milde ADHS mit wenigen Symptomen und geringen Beschwerden. Sondern eine behindernd stark ausgeprägte ADHS. Denn: „Mittel“ und „schwer“ bedeutet beim DSM-5, dass die Auswirkungen der ADHS nochmals stärker ausfallen.

Oder sind Fälle gemeint, bei denen sich die ADHS zwischenzeitlich abgeschwächt hat?

DSM-5 erlaubt zu bestimmen, ob eine teilremittierte ADHS vorliegt. Und zwar dann, wenn  „… die Kriterien früher vollständig erfüllt worden sind, in den letzten 6 Monaten nicht alle notwendigen Kriterien erfüllt wurden und die Symptome führen zu nicht mehr als geringfügigen Beeinträchtigungen in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen.“

Mit anderen Worten: Dem ADHS-Patienten geht es maximal seit einem halben Jahr besser.

Klare Sache. Oder denkt jemand, in einem halben Jahr liessen sich alle Folgen und Hancicaps, welche das Leben mit ADHS einschränken, einfach so wegbügeln? Natürlich nicht. Eine abgeschwächte ADHS kann also auch nicht gemeint sein.




Verharmlosung

Wer postuliert (oder besser gesagt, es anderen Autoren/-innen abschreibt, welche es ihrerseits irgendwo abgekupfert haben), dass bei Bill Gates, Albert Einstein, Alfred Hitchcock oder Amadeus Mozart  eine ADHS vorgelegen haben soll (oder vorliegt), verharmlost die ADHS. Weil diese Postulate nicht belegt sind.

Und falls doch, weil es sich um absolute Einzelfälle handelt, welche in keinster Weise stellvertretend für die ADHS-Betroffenen stehen.

Dieser Diskurs, welcher die ADHS in einen direkten Zusammenhang mit berühmten Persönlichkeit und Stars, mit hoher Intelligenz, Genialität und Spitzenleistungen und neuerdings mit Unternehmertum bringt, erzeugt ein Bild der ADHS, welches absolut fern jeglicher klinischer Realitäten ist.

Und trägt (oftmals unwissentlich und ohne Absicht) massgeblich dazu bei, dass die Öffentlichkeit diesen Diagnosen und den von ihr wirklich betroffenen Menschen mit immer mehr Irritation oder Skepsis begegnet.

Und befördert dadurch ein Bild der ADHS als Lifestyle- oder Modediagnose.

Wer sich vielleicht bald die Hände reiben wird, sind die Krankenversicherungen. Wenn es nämlich so weitergeht, könnte die ADHS dereinst den Status einer Krankheit verlieren. Wenn Menschen mit ADHS zu Spitzenleistungen fähig sind und sogar Berühmtheiten trotz ADHS zu Ruhm und Ehre gelangen, kann es so schlimm mit dieser ADHS ja nicht sein.

ADHS light?

Lifestyle-Diagnose? ADHS: Nice-to-have? ADHS als besondere Ressource im Unternehmertun? ADHS bei Akademikern?

Der Trend geht in Richtung ADHS light. Auch die Revision der DSM-5 weist klar in diese Richtung (Details dazu siehe hier). Die Anforderungen an eine ADHS-Diagnose wurden mit der letzten Revision der DSM (2013) nämlich merklich heruntergeschraubt. Es ist heute einfacher als unter DSM-IV, eine ADHS zu diagnostizieren.

Kernmerkmale von ADHS-light sind:

  • ADHS-ähnliche Symptome, verbunden mit einem gewissen Leidensdruck, aber ohne Krankheitswert.
  • Alle oder fast alle für die Diagnose einer ADHS zwingenden Bedingungen (behindernd starke Symptome von klinischer Relevanz, Krankheitsbeginn in der Kindheit, chronischer Verlauf, anhaltender Leidensdruck, Ausschluss von Differenzialdiagnosen usw.) sind nicht erfüllt.
  • Keine ADHS-positive Familienanamnese (also keine Verwandten mit ADHS).

ADHS-light passt bestens zum Homo oeconomicus. Und zu vielen Menschen, die dem Leistungsdruck moderner westlicher Gesellschaften ausgesetzt sind.
ADHS-light entspricht auch dem Lebensgefühl vieler Menschen, welche ihren Platz in der Gesellschaft primär aus psychosozialen Gründen nicht gefunden haben. Und immer auf der Suche nach sich selbst sind. Und sich, oftmals den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wegen, nicht finden können.




Für sich alleine gesehen passen die Symptome der ADHS nämlich verflixt gut zu einem Hin- und Hergerissen sein zwischen eigenen Bedürfnissen und den Einschränkungen, welche Arbeitswelt, Geschlechterrollen und andere soziale Faktoren definieren.

Ich bin Akademiker mit ADHS – was gilt nun?

Gestützt aus Informationen von ADHS-Internetforen und Rückmeldungen von Berufskollegen weiss ich, dass doch zahlreiche Akademiker von der ADHS betroffen sein sollen.

Wenn einer dieser Betroffenen meine Zeilen liest, könnte er/sie denken: „Hallo! Was gilt nun?“ Und: „Habe ich vielleicht gar keine ADHS?“ Oder: „Gemäss Rossi ist es unwahrscheinlich, dass jemand mit ADHS auch bei guter Intelligenz es überhaupt bis zur Hochschulreife schafft.“

Grundsätzlich schadet es Akademikern nie, sich und die gefassten Diagnosen kritisch zu reflektieren. Klar, eine Diagnose kann man sich selber nicht stellen. Aber man muss auch nicht päpstlicher als der Papst tun. Und kann selbst anhand der frei verfügbaren Diagnosekriterien für die ADHS prüfen, ob Beschwerden und Krankengeschichte einer ADHS entsprechen oder nicht.

Man muss sich vor Augen halten, dass Menschen aus dem Bildungsbürgertum bei Beschwerden einen viel einfacheren und bewussteren Zugang zu den eigenen Problemen haben. Und zu Dienstleistungen im Gesundheitsbereich.
Das führt dazu, dass in ADHS-Internetforen und Facebook-Gruppen der Anteil betroffener Akademiker höher ausfällt als in der Bevölkerung. Das wiederum erweckt fälschlicherweise den Eindruck, dass ADHS bei Akademikern doch recht oft vorkommt.

1 zu 35: Auf einen Akademiker mit Abklärung + ADHS-Diagnose kommen geschätzt 35 ADHS-Betroffene, welche gar nichts über die Gründe ihrer chronischen Probleme wissen.

Krankheiten sind nicht die häufigsten primären Ursachen von persönlichem Unwohlsein, von Identitätskrisen, von Selbstwertproblemen, von Ängsten, von Leistungs- und anderen Problemen. Sondern die Gesellschaft. Vielmehr sind es: Arbeitslosigkeit, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Existenzängste, Überlastung, Stress und Entfremdung am Arbeitsplatz, Mobbing und viele andere Aspekte.

Gesundheitssendungen am TV, Gesundheitsratgeber-Bücher, Internetseiten, Foren und Blogs zu allen nur erdenklichen Krankheiten lenken unsere Aufmerksamkeit auf das Innere der Menschen. Was sicher nicht nur falsch, aber halt auch bestens geeignet ist, um von den primären Ursachen vieler Beschwerden und Krankheiten abzulenken.




Fazit

Mir geht es nicht darum, ein rabenschwarzes Bild vom Dasein mit einer ADHS zu zeichnen. Und ja, auch Menschen mit einer ADHS können glücklich und auch erfolgreich sein.

Was aber nichts daran ändert, dass sich das in der Regel auf einem mehr oder weniger bescheidenen Kompromiss-Niveau abspielt. Und selbstverständlich gilt auch hier: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Bleiben wir am Boden. Eine ADHS ist kein Zuckerschlecken. Viele zerbrechen daran. Da gibt es nichts zu glorifizieren.

Ich würde mir wünschen, dass die im echten Leben und in diesem Artikel (und auf ADHS.ch generell) aufgezeigten Realitäten das gesellschaftliche Bild der ADHS bestimmen. Und nicht ADHS-Phantommenschen, die nur in den Köpfen verschiedener Autoren leben.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi