Ein lebender Selbstzweifel, der hilf- und ziellos umherirrt auf der Suche nach Wahrheit

Ich bin 39 und vor wenigen Monaten hat mir die Praxis XY nebst meiner bereits bekannten Depression eine ADHS („kombinierter Subtyp“) und Hypersensitivität attestiert. Zum Einen gab mir das eine Erklärung für mein Aufmerksamkeitsproblem, meine Suchtneigung, meine Impulsivität, meine z. T. kaum aushaltbaren Gefühle, mein Leben zwischen Extremen und so weiter. Zum Anderen aber haben mich die vielen Erkenntnisse auch überfordert und in ein Loch gezogen.

Bis ich im September 2016 mein zweites Burnout hatte (seither bin ich arbeitsunfähig/in psychiatrischer Behandlung), hatte ich es bis in die Geschäftsleitung eines KMU geschafft und hielt mich für intelligent und fähig. Heute bin ich ein lebender Selbstzweifel, der hilf- und ziellos umherirrt auf der Suche nach Wahrheit.

Irgendwas stimmt mit mir nicht und ich habe Mühe, auf die Diagnose ADHS zu vertrauen. Meine Fragen an Sie: Ist Ihnen das Diagnostikverfahren der Praxis XY vertraut und halten Sie diese für zuverlässig? Falls nein – da Sie nicht mehr praktizieren, können Sie mir Kollegen als Anlaufstelle nennen, von deren Diagnosen Sie persönlich überzeugt sind? Ich bin im Raum Bern wohnhaft.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Manchmal ist eine Zweitmeinung durchaus sinnvoll. Ich bezweifle aber, dass Sie mit dem Resultat einer erneuten Untersuchung – wie immer auch sie ausfallen würde – zur Ruhe kommen würden. Selbst eine qualifizierte Second opinion ist nämlich nicht sakrosankt. Psychiatrie ist keine exakte Wissenschaft.

Ich schlage Ihnen (vorerst) einen anderen Weg vor. Aus Ihrem Schreiben gehen nämlich zwei Aspekte hervor:

  1. Ihrer Depression kommt viel Evidenz zu. Ich vermute, dass sich eine psychologische / psychiatrische Therapie jetzt primär dieser Problematik zuwenden sollte. Motto: First come first.
  2. Sie sind – wie Sie schreiben – in psychiatrischer Behandlung. Offenbar wird dort weder die depressive, noch die an eine ADHS erinnernde Problematik verstanden oder wirksam behandelt. Das kann an Ihnen selbst liegen. Zum Beispiel dann, wenn Sie nicht bereit sind, sich in diese Behandlung wirklich einzulassen. Oder am Psychiater. Oder an Beidem.

Dabei ist zur Behandlung aller psychischer Störung eine tragende Vertrauensbeziehung mit einer psychotherapeutischen / psychiatrischen Fachperson das A & O.

(Externe) Untersuchungsresultate sind auch wichtig. Sie dienen der für die Behandlung verantwortlichen Fachperson, die Therapie möglichst zielführend zu gestalten. Die gekonnte Umsetzung externer Befunde im Rahmen einer Psychotherapie gehört zum Kern psychotherapeutischer / psychiatrischer Behandlungskunst.


Therapeutische Beziehungsgestaltung


Die Wahrheit, nach welcher Sie suchen, oder besser gesagt eine befriedigendere Suche nach der Wahrheit, finden Sie wahrscheinlich eher im Prozess einer qualifizierten Psychotherapie selbst. Also in einer Behandlung, welche primär nicht auf neuropsychologischen Testresultaten, evozierten Potentialen, Spektraldaten oder anderen Biomarkern beruht, sondern auf der therapeutischen Beziehung selbst.

Das gilt nicht nur bei der Gesprächstherapie oder der Psychoanalyse, sondern selbstverständlich auch für moderne, evidenzbasierte verhaltenstherapeutische Behandlungskonzepte (evidenzbasiert = wissenschaftlicher Wirkungsnachweis wurde erbracht).

Mein Tipp: Klären Sie das Verhältnis zu Ihrem Psychiater. Kann und will er Ihnen mehr als nur eine medikamentöse Behandlung bieten? Wie sieht sein Behandlungsplan aus? Welches sind die Behandlungsziele? Wie will er methodisch arbeiten? Welchen Stellenwert hat es für ihn, mit Ihnen auf Basis einer tragfähigen therapeutischen Beziehung mittel- oder langfristig therapeutisch zu arbeiten?

Sollten Sie feststellen, dass Sie mit Ihrem Psychiater dann doch nicht klar kommen, ist das auch kein Weltuntergang. Weil: Die Suche nach einer neuen Fachperson wird Ihnen mit Sicherheit viel besser tun als die Suche nach der Wahrheit.

Und sollte dereinst die Frage nach einer Zweitmeinung in Sachen ADHS wieder aktuell werden, können Sie sich gerne wieder an mich wenden.


Lesen Sie hier weiter, wenn meine Stellungnahme für Sie hilfreich war.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




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