Respektloses Verhalten | Aggressionen | Wut | Hilflosigkeit

Unser Sohn Julian (9), ADHS-Diagnose seit der ersten Schulklasse, zeigt sowohl dem Lehrer, den Grosseltern, uns selbst, aber auch beispielsweise Verkäuferinnen in einem Geschäft gegenüber ein oft dermassen respektloses Verhalten, dass wir uns dann meistens total hilflos und überfordert fühlen und wie gelähmt sind. Wie können wir ulian in diesen Situationen „heruntertemperieren“?

Respektloses Verhalten | fehlende Impulskontrolle

ADHS-Kinder arrangieren und provozieren fatalerweise oftmals genau jene Situationen, die ihnen nicht gut tun: Nämlich chaotische Verhältnisse und – als Reaktion auf das eigene aggressive Verhalten – feindseliges Verhalten der Bezugspersonen.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Reduzierte Impulskontrolle
Bekanntlich gehören Störungen der Impulskontrolle zu den Leitsymptomen bei ADHS. Wutanfälle und andere verbale oder körperliche aggressive Akte gehören bei Kindern mit ADHS folglich zum Kapitel: Impulskontrollstörungen. Wie schon an anderen Stellen in ADHS.ch dargelegt, hat die Reizfilterschwäche nicht nur Bedeutung bezüglich der von aussen eintreffenden Reize und Signale: Auch innere Impulse können oftmals nicht ausreichend ausgefiltert und gebremst werden. Dann kann es zu den genannten Störungen der Impulskontrolle kommen.

Gründe

Diese Kinder sind diesen Ausbrüchen in der Regel hilflos ausgeliefert und schämen sich anschliessend oftmals zutiefst über ihr eigenes Verhalten und die seelischen (oder körperlichen) Verletzungen, welches sie anderen zugefügt haben. Durch die Reizoffenheit und die mit ihr verbundene „Mehrkanaligkeit der Sinneswahrnehmungen“ ist in der Regel auch die Empfindsamkeit dieser Menschen hoch. Kinder aber auch Erwachsene mit ADHS sind daher häufig „in der Krise“. Grund ist die ausgesprochen starke „Umweltabhängigkeit“ dieser Menschen. Sie leben immer im Hier und Jetzt und sind in ihrer Befindlichkeit ganz extrem von dem jeweils aktuellen Stimulus abhängig. Dies führt zu starken Schwankungen der Stimmung und zu Reizbarkeit. Menschen mit ADHS sind oft wie Gefangene des Augenblicks. Sie sind deswegen verletzbar für Dinge, welche andere Menschen viel leichter wegzustecken vermögen. Viel zu vieles beziehen sie auf sich selbst. Sie sind schnell beleidigt und eingeschnappt.

Merke: Fatal ist, dass Streit- und Stresssituationen für das Gehirn unbehandelter ADHS-Betroffener zu einer willkommenen Stimulation führt. Die neuronale Aktvierung führt dazu, dass sie im Streit plötzlich wach, konzentriert und handlungsfähig sind. Dadurch spüren sie sich endlich einmal so richtig. Im Standby-Modus hingegen ist auch ihre Selbstaufmerksamkeit stark reduziert. Das alles bedeutet, dass Streit- und Stresssituationen für die Betroffenen negativ und positiv sein können. Dumm, wenn sie dann daraus lernen, dass ihnen Stress mehr bringt als die innere Leere, die Monotonie und die Langeweile des Familien- und Schulalltags.

Was aber tun?

  • Nerven behalten und selbst ruhig bleiben.
  • Akzeptieren Sie, dass das Kind an einer Schwäche der Impulssteuerung leidet. Es ist wenig zielführend, dagegen anzukämpfen. Das wiederum heisst aber nicht, dass das Verhalten dieser Kinder akzeptiert werden muss. Die Eltern, die Geschwister, die Lehrer, die anderen Bezugspersonen, aber auch das betroffene Kind selbst müssen lernen, mit diesen Ausbrüchen besser umgehen zu können. Wenn ein unerwünschtes Verhalten nur mit Vorwürfen, Scham und Verständnislosigkeit quittiert wird, fällt es allen Beteiligten schwer, in einen konstruktiven Lernprozess einzusteigen.
  • Belohnen Sie Ihr Kind in Situationen, in denen es sonst wütend wird, diesmal aber keinen Wutanfall bekommen, immer.
  • Die Diagnose ADHS und eine Behandlungsindikation vorausgesetzt, bildet eine Therapie mit Stimulanzien (z.B. Ritalin) oftmals die Voraussetzung, um das aggressive und impulsive Verhalten einigermassen abzumildern. Begleitend sind psychotherapeutische Stützmassnahmen erforderlich.
  • Lesen Sie das Buch: „Wackelpeter und Trotzkopf“ von Manfred Döpfner. Es enthält viele praktische und konkrete Hilfen zur Selbsthilfe im Umgang mit aggressiven und stark störenden Kindern mit ADHS.
  • Vorsorge ist die beste Medizin. Üben Sie sich daher in Problem-Früherkennung: Je früher und je besser die Vorzeichen einer „Explosion“ erkannt werden, umso einfacher ist es für alle Beteiligten, mit der spannungsgeladenen Situation und den Aggressionen fertig zu werden. Dies setzt aber voraus, dass das störende Verhalten von allen Beteiligten als Zeichen einer Krankheit und nicht als eine Charaktereigenschaft, für welche sich alle schämen müssen, akzeptiert werden muss (siehe Pkt. 1).




  • Wenn ein Kind mit ADHS ‚ausrastet‘, macht es absolut keinen Sinn, es verbal beschwichtigen zu wollen. Auch Strafandrohungen sind kontraproduktiv und verschärfen den Konflikt. Greifen Sie auch selbst nicht zur Gewalt, schlagen Sie das Kind nicht. Aber handeln Sie!
  • Kleinere Kinder werden kurzerhand aus der Kampfsituation entfernt und ins eigene oder ein anderes Zimmer verfrachtet – und zwar ruhig, bestimmt und konsequent und ohne Schreien und Schimpfen der handelnden Person.
  • Nützt alles nichts, müsste von einer Fachperson geklärt werden, ob der Wutproblematik gegebenenfalls andere Ursachen zugrunde liegen und ob andere oder ergänzende Therapien angezeigt sind.

 

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