Gastbeitrag: «Ich mag jetzt eh kein Eis….!»  | Leonie, unsere 2. Tochter | ADHS, unaufmerksamer Typus

Unsere Geschichte

Einleitend möchte ich sagen, dass mich der Beitrag über Nevio dazu angeregt hat, auch unsere Geschichte aufzuschreiben.

Andererseits ist unsere Geschichte schon fast 30 Jahre alt. Ich hoffe sehr, dass die Medizin hier Fortschritte gemacht hat und heute eine schnellere und qualifiziertere Diagnose möglich ist.

Vielleicht ist der Vergleich aber auch  interessant zwischen heute und anno dazumal.

Geburt und Babyalter

Leonie, unsere zweite Tochter (und mittleres Kind von insgesamt drei Kindern), war eine Frühgeburt. Obwohl ich (leider) noch immer rauche, habe ich in meinen Schwangerschaften nie geraucht. Aber leider nach dem Stillen  wieder damit angefangen. Wir waren damals kurz vor dem Umzug in eine grössere Wohnung. Geplant war, dass Leonie nach dem Umzug zur Welt kommen sollte. Aber ich habe offenbar zu viele Bücherkisten gepackt und  vier Wochen vor dem Geburtstermin platzte die Fruchtblase und die Geburt wurde eingeleitet.

Der Anfang war problemlos. Im Gegensatz zur ersten Tochter, die ich nur drei, vier Monate stillen konnte, klappte es bei Leonie sieben Monate lang problemlos. Dann musste ich zu meinem Bedauern auf Anraten des Arztes abstillen, weil ich langsam weniger Kilos auf die Waage brachte, als vor der Geburt. Damals kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dieses Kind saugt mich regelrecht aus.

Leonie war schnell ein waches Baby, das zwar wenig, aber regelmässig schlief, und nicht schwierig war. Sie fing  – wie ihre ältere Schwester  – mit zehn Monaten an zu laufen. Sie lernte im Gegensatz zu ihrer Schwester sehr schnell und gut sprechen, was sich später oft zu Sprechdurchfall entwickelte.

Kleinkindalter

Mit ca. 1 ½ Jahren fingen die Probleme an. Für uns wie aus heiterem Himmel, denn es gab damals weder räumliche, noch familiäre Veränderungen.  (Unser 3. Kind kam erst, als Leonie 4 Jahre alt war). Aber Leonie hatte plötzlich massive Schlafstörungen und konnte von jetzt auf nachher keine  Nacht mehr durchschlafen. Dies dauerte bis ca. 3-jährig. Der Kinderarzt hatte keine Erklärung dafür und war für uns keine Hilfe.

Ich bin anderthalb Jahre lang nachts nur schon vom Geräusch des Lichtschalters aufgewacht, den sie angeknipst hatte, um eine, zwei oder drei Stunden spielen zu gehen.  Sie schrie nicht und weinte nicht, sie wachte einfach nur auf, war wach und hat Beschäftigung gesucht. Das Spielen sah dann so aus, dass sie das Haus von oben bis unten beleuchtete, also in jeder Etage und manchmal bis in den Keller Licht einschaltete.




Sehr früh schon war ihre Lieblingsbeschäftigungen Zeichnen. Nachts waren die bevorzugten Unterlagen dafür die Wände, Teppiche oder Schränke. Oder sie hatte eine Schere entdeckt und Vorhänge zerschnitten, oder, oder….

Ungefähr im dritten Lebensjahr hörte der Spuk ebenso plötzlich auf, wie er begonnen hatte. Kein Mensch konnte mir das erklären, auch der Kinderarzt nicht. Ich war einfach nur froh, dass diese Phase vorbei war und ich endlich mal wieder mehrere Stunden am Stück schlafen konnte!

Beim Zeichnen und Malen gibt es normalerweise bestimmte Phasen, wie die Kinder ihre Umgebung wahrnehmen und abbilden lernen. Leonie hat die Kopffüsslerphase komplett übersprungen.  Schon als Dreijährige hat sie mich mit Ohrringen, sämtlichen Knöpfen an der Bluse  und Armbanduhr gezeichnet. Fingerfarben etc. interessierten sie nicht. Bleistifte waren ihr Element, weil sie damit präziser zeichnen konnte. Das blieb lange ihr Markenzeichen, denn ihre Zeichnungen wiesen selten eine leere Stelle auf, ihre Blätter waren immer vollgezeichnet und jeweils sehr detailgetreu, sei es Szenen mit der Klasse bei einem Zirkusbesuch, sei es Szenen im Supermarkt.

Zeichenblock und Bleistifte waren damals mein zweiter Begleiter, denn egal wo wir waren, auch bei Einladungen, war sie damit zu beschäftigen und damit ein problemloses Kind, das man überall hin mitnehmen konnte.

Vorschul-/ Kindergartenalter

Wir wohnten damals in einem Kanton, der den Kindergarten ab vier Jahren anbot, was damals noch nicht überall üblich war. Selbstverständlich mit Eingewöhnungsphasen, also erst zwei Vormittage/Woche à zwei Stunden oder so ähnlich, was langsam gesteigert werden sollte.

Leonie machte uns einen Strich durch die Rechnung: Beim ersten Mal ging sie sich das anschauen, nach einer Stunde hatte sie alles gesehen und wohl nicht für interessant befunden.  Der Kindergarten rief mich an, sie wissen nicht, was machen, Leonie stehe vor der (abgeschlossenen) Tür und erkläre, sie wolle nun nach Hause …

Alle weiteren Versuche, das Mädchen in den Kindergarten zu bringen, scheiterten. Sie blieb wie ein sturer Esel auf der Brücke vor dem Kindergarten stehen und erklärte: Da gehe ich nicht hin!




Irgendwie haben wir sie dann ein Jahr später doch endlich dazu gebracht, am damals obligatorischen Kindergartenjahr teilzunehmen.

Diverse längerfristige Probleme zeigten sich ab ungefähr dem dritten Lebensjahr:

  • Bei Autofahrten an einen unbekannten Ort, übergab sich Leonie regelmässig im Auto, aber niemals auf der Rückfahrt. Auch das konnte sich der Kinderarzt nicht erklären.
  • Sie wurde zwar tagsüber relativ trocken, aber die nächtliche Inkontinenz blieb bis 12 ½ Jahre bestehen. Meine nachträgliche Erklärung dazu ist die, dass sie vom Tagesgeschehen in der Nacht so erschöpft war, dass sie schlicht die Körpersignale nicht bemerkt hat.
  • Sie war sehr impulsiv, himmelhochjauzend, zu Tode betrübt. Eine Mitte gab es nicht.
  • Sie war hartnäckig und stur, Kompromisse gab es nicht.
  • Sie entwickelte sich zu einem Kind, das Extreme liebte, es gab nur entweder-oder.  Völlige Hingabe oder totale Abneigung. Entweder sie liebte oder sie hasste etwas. Eine Mitte gab es nicht.

Schulalter/Grundschule

Wie im Kindergarten, war Leonie auch in der Schule von Anfang an eine Aussenseiterin, weil Einzelgängerin. Es fiel ihr schwer, sich in bestimmte Abläufe zu integrieren. Wenn es für sie langweilig wurde, träumte sie sich einfach weg oder fing an zu zeichnen oder zu onanieren. Das ging soweit, dass mich die Klassenlehrerin einmal besorgt darauf ansprach, ob ich Leonie schon mal auf Epilepsie habe untersuchen lassen, denn ab und zu sei es, als ob Leonie wie aus irgendwelchen Wolken zurück ins Klassenzimmer falle und sich erstmal erstaunt orientieren muss, wo sie sei.

Das Lernen fiel ihr leicht, sie lernte sehr schnell nur durch Lesen oder Hören auswendig, nur Zahlen und die damit verbundene Mathematik bereiteten ihr Mühe.

Mit ca. acht Jahren begann ich mir Sorgen zu machen wegen der nächtlichen Bettnässerei und insistierte beim Kinderarzt, der wiederum keinen Rat wusste, ausser, dass ich mich deswegen mal an einen Psychologen oder Kinderpsychiater wenden sollte.

Die erste Kinderpsychiaterin versuchte ca. zwei Jahre lang, bei Leonie ein vermeintlich im Kleinkindalter erlittenes Trauma herauszufinden, was es aber offensichtlich nicht gab und weshalb sie schlussendlich auch aufgab und uns an einen anderen Kinderpsychiater weiterleitete.

Immerhin gab es erst Ansätze gegen das Bettnässen, wir bekamen verschiedene Medikamente verordnet. Minirin-Nasenspray, was anfangs guten, später dann aber nur noch mässigen Erfolg hatte. Dann Tofranil, der Vorgänger des heutigen Anafranil.

Auffällig war, dass wir mit Tofranil 25 mg einen sensationellen Erfolg hatten, die Psychiaterin aber nach zwei Monaten die Dosis senkte, weil sie Angst vor dem Gewöhnungseffekt hatte.  Damit war bei Leonie schlagartig wieder alles beim Alten. Bekannte fragten mich während der Tofranil-Phase, was mit Leonie passiert sei: Plötzlich grüsse sie so fröhlich, nehme ihre Umgebung war, und sei umgänglicher. Das gab mir zu denken, nachdem dieser positive Effekt durch die niedrigere Dosierung wieder wie weggewischt war.




Die Psychiaterin sah das alles jedoch weniger tragisch und bedeutsam. Sie kaufte ein Roulette-Spiel extra für Leonie, weil sie der Meinung war, Leonie müsse lernen, auch mal verlieren zu können. Und sie wolle sich wieder mehr der Suche nach dem vermeintlich erlittenen Kindheitstrauma widmen.

Und da platzte mir der Kragen, weil ich fand, Leonie müsse lernen, wie sie auch mal gewinnen könne! Bisher war sie überall nur Verliererin: Sie wurde ausgegrenzt, fand keine Freundinnen und Freunde, weil sie eben ein bisschen speziell in ihren Ansprüchen war.  Und die Bettnässerei bekam sie ohne Medikamente auch nicht in Griff, was ihr mit zunehmendem Alter dann doch langsam peinlich wurde und sie anfing, darunter zu leiden, weil offenbar keiner ihrer Altersgenossen dieses Problem hatte.

Ob ich schon mal was von ADHS gehört hätte…..

Leonie war von klein auf auch nie bestechlich wie viele andere Kinder. Kleine Kinder kann man eigentlich schon einmal zu etwas auffordern, was sie eher nicht gern tun, wenn am Ende eine Belohnung winkt.

Belohnungssysteme, Sternchen-Kalender etc. etc. haben deshalb auch nie bei ihr gewirkt.

«Ich mag jetzt eh kein Eis….!»  Der Esel stand still und war nicht mehr zu bewegen! Sie hatte von Klein auf eher ein Schwarz-Weiss-Denken. Einmal in einer Sache enttäuscht, war es schwer, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Denn Kompromisse einzugehen, fielen ihr sehr schwer als Kind. Aber sie ertrug die Niederlagen auch stoisch und ohne mit der Wimper zu zucken.

Dann kam eine Mail meiner Freundin , ob ich schon mal was von ADHS gehört hätte…..

Ich googelte nächtelang, meine Augen wurden grösser und grösser. Ich verstand diverse Tatsachen und deren Zusammenhänge immer mehr und verlangte vom Kinderarzt eine Überweisung an einen Spezialisten, der das abklären könne.

Inzwischen längst bei einem wieder anderen Kinderpsychiater, der aber auch wieder keine Lösung wusste und überdies damals noch die Diagnose ADHS oder ADS als nicht existent ablehnte, wurde ich damals (unfreiwillig) Zeuge eines höchst interessanten Streitgespräches zwischen zwei Kapazitäten. Denn der damals zuständige Kinderpsychiater äusserte den Wunsch, beim Abschlussgespräch dabei zu sein und war eigentlich absolut gegen die Diagnose ADHS/ADS.

Positiv war, dass Leonie noch vor der Diagnose eine Gruppentherapie bekam, die meiner Meinung nach sehr gut half. Es waren vier bis fünf Kinder in der Gruppe, ein Psychiater und eine Psychiaterin und es wurden Rollenspiele gemacht, in denen Probleme auf verschiedene Arten gelöst wurden. Das hat Leonie sehr viel geholfen.  Sie bekam ihre impulsive und aufbrausende Art besser in Griff und lernte, dass man Probleme oder Konflikte auf verschiedene Weisen lösen oder angehen kann. Die Gruppe wurde dann leider kurz vor der Diagnose mangels Teilnehmer und altersgerechter Zusammensetzung nach einem knappen Jahr aufgelöst.

Leonie wurde dann als ADS-Typ, als Träumer, diagnostiziert, der behandelnde Psychiater übernahm damals eigentlich gegen seine Überzeugung die Behandlung mit Ritalin.

Ab da ging es aufwärts!

Anfangs musste ich mich noch ein paarmal um die Dosierung mit dem Arzt streiten, denn er sah anfangs Ritalin nur für wochentags angebracht, bis er endlich meine Einwände akzeptierte, eine Zeitlang Ritalin auch am Wochenende  geben zu dürfen, damit wir endlich mal einen konstanten Rhythmus in das Leben von Leonie bringen konnten. Ab da wurde sie nachts trocken, das war mit 12 ½ Jahren.

Einig war ich mit dem Psychiater darin, dass das Spuren hinterlässt,  aber wir haben uns trotz der Bettnässerei immer darum bemüht, Leonie diverse Freizeitaktivitäten  zu ermöglichen. In Ferienlagern, bei Übernachtungen bei Freundinnen, waren die Leute immer eingeweiht und behandelten das Problem diskret.

Nur dachte der Psychiater nach einem Jahr, nun hat sich das Problem erledigt und alles andere sind nun normale Pubertätsprobleme und entliess uns freundlich aus der Behandlung …

Zu unserem grossen Glück war ein Kinderarzt dazu bereit, Leonie noch ein paar Jahre, auch mit grossen Unterbrüchen, in der Medikation weiter zu behandeln.




Ab etwa 18 war sie medikamentenfrei, schaffte mit Bravour ihre Matura (Abitur) und ein anschliessendes Studium und ist heute dabei, sich erfolgreich ihr Leben aufzubauen. Und das ganz ohne Medikamente, selbstbewusst und zuversichtlich.

Leonie hat bisweilen ihre ganz eigenen Strategien gefunden, aber wer von uns ist ohne Macken?

Der Parcours mit ihr war für uns Eltern hart, aber ich finde, es hat sich gelohnt!

Ich bin sehr stolz auf Leonie!


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    Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
    © Piero Rossi




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