Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann?

Hallo Herr Rossi! Haben Sie gestern die Sendung „Leben mit ADHS“ im Schweizer Fernsehen gesehen? Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann? Seine Geschichte hat mich sehr bewegt. Mit freundlichen Grüssen A. F.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Ja, ich habe diese DOK-Sendung gesehen. Informationen zu diesem Film gibt es hier.

Auch mich hat es traurig gemacht zu sehen, dass dieser vife Junge immer wieder so deftige Rückschläge erleiden muss.

Grossartig fand ich, dass Kilian nicht aufgibt. Er scheint ein „Stehaufmännchen“ zu sein. Was typisch ist für viele Menschen mit einer ADHS. Beeindruckt hat mich zudem, wie präzise es dem Knaben gelang, seine Schwierigkeiten zu beschreiben. Ein kluger Junge!

Dass er nicht aufgibt, ist wahrscheinlich auch seiner Mutter zu verdanken:  Sie steht zu Kilian und glaubt an ihn. Das war im Film gut spürbar. Zumindest für mich.

Nun aber zu der Frage: Könnte Kilian besser geholfen werden?

Das habe auch ich mich gefragt.

Mit seiner Krankengeschichte und auch mit seiner aktuellen Therapie bin ich nicht vertraut. Und kann (unter anderem) auch deswegen direkt zu Kilian nicht Stellung beziehen. Ich kenne aber seinen Psychotherapeuten. Und weiss, dass dieser keine halben Sachen macht.

Mir wurden früher immer wieder Kinder und Jugendliche mit einer ADHS vorgestellt, bei welchen es gar nicht oder nur sehr, sehr langsam vorwärts ging. Meine Aufgabe bestand darin, eine Zweitmeinung abzugeben und einen optimierten Therapieplan zu erarbeiten.

Welches waren die Ursachen für die anhaltenden Probleme dieser Kinder?

Ursache Nr. 1: Zu hohe Erwartungen

Von Seiten der Schule wird von Kindern mit einer ADHS oftmals zu viel erwartet. Selbst bei gutem Ansprechen auf die ADHS-Therapien und ohne relevante Begleitprobleme benötigen viele Kinder mit ADHS mehr Zeit, um den Schulstoff verarbeiten zu können.

Von Kilian wird erwartet, dass er in der neuen Privatschule innerhalb von zwei Jahre den Schulstoff aufholt, um dann eine Lehre zu beginnen.

Ich traute meinen Ohren nicht. Das ist doch Wahnsinn! Lasst dem Jungen doch einfach die Zeit, die er braucht! Anstatt ihn mit diesen hohen Erwartungen noch mehr unter Druck zu setzen.  Kommt es bei Kilians Vorgeschichte denn wirklich darauf an, ob er die Oberstufe statt in drei in vier oder fünf Jahren absolviert?

Ursache Nr. 2: Komorbide Störungen werden nicht erfasst und/oder nicht behandelt

Aus dem Film geht klar hervor, dass Kilian willens ist, es gut zu machen. Der Junge hat das überzeugend zum Ausdruck gebracht. Aber sind die Voraussetzungen, dass er nachhaltig Erfolg hat, auch gegeben? Zu den Rahmenbedingungen für einen Behandlungserfolg zählen die Motivation eines Kindes sowie familiäre und schulische Rahmenbedingungen.

Aber nicht nur.

Auch die je individuelle Ausprägung der ADHS-Problematik sowie oftmals zusätzlich vorliegende neuropsychologische Funktionsstörungen sind therapeutisch relevant.

Man muss wissen, eine ADHS kommt selten alleine. Legasthenie, aber auch Nonverbale Lernstörungen, die oft zu einer Dyskalkulie führen, sind häufige so genannt „komorbide Störungen“, die gemeinsam mit der ADHS auftreten. Unbehandelt können sie auch den Schulerfolg ganz massgeblich beeinflussen.



Aus dem Film ging hervor, dass Kilian grosse Problem hat mit dem Rechnen. Nicht erfahren haben wir, ob bei dem Jungen eine Dyskalkulie vorliegt oder ob es sich um Auswirkungen von ADHS-typischen Arbeitsgedächtnisstörungen handelt. Oder um eine Kombination beider Ursachen.

Wurde das bei Kilian überhaupt abgeklärt? Erfolgt bei ihm eine Diagnose-orientierte Behandlung seiner Rechenprobleme? Denn: Die im Film erwähnte Geduld seiner Mathematiklehrerin reicht definitiv nicht, um derart ernste Rechenstörungen anzugehen.

Wenn Kindern wie Kilian langfristig geholfen werden soll, reicht es nicht aus,  die ADHS fachgerecht, also medikamentös und psychotherapeutisch zu behandeln. Sondern auch die Begleitstörungen. In seinem Fall wahrscheinlich die schwere Rechenstörung, unter welcher Kilian leidet.

Ursache Nr. 3: Die Möglichkeiten der medikamentösen Therapie werden nicht ausgeschöpft

Oftmals lag die Ursache von anhaltenden Problemen darin, dass gar keine oder keine optimale medikamentöse Therapie erfolgte. Fact ist, dass Medikamenten bei der Therapie ADHS eine bedeutende Rolle zukommt.

Eine Therapie mit ADHS-Medikamenten ist nicht ganz einfach, da es keine Standarddosierung gibt. Jeder Patient braucht eine andere Dosierung. Diese muss individuell ermittelt und dann periodisch auf ihre Wirksamkeit überprüft werden.

Bestehen trotz ADHS-Medikamenten syndromtypische Probleme mit der Impulskontrolle, kann in einem neuropsychologischen Test unkompliziert geprüft werden, ob diese unter der Wirkung der medikamentösen Therapie im „grünen Bereich“ liegt oder nicht. In den meisten der mir bekannten Fälle musste die medikamentöse Therapie durch den zuständigen Arzt optimiert werden. Was dann fast jedesmal zu markanten Verbesserungen in der Alltagtagsbewältigung, aber auch beim Lernen führte.

Bei einigen Kindern mit einer ADHS müssen mehrere Medikamente ausprobiert werden, bis es stimmt. Gelegentlich ist es auch erforderlich, dass zwei ADHS-Medikamente kombiniert werden müssen. Diese Entscheidungen obliegen immer dem für das Kind zuständigen Arzt sowie den Eltern.




Tatsache ist einfach, dass bei Vorliegen einer ADHS der medikamentösen Therapie eine ganz zentrale Rolle zukommt. Das habe ich in meiner Praxis Hunderte von Male sehen können. Eine ADHS kann nicht mit pädagogischen Massnahmen behandelt werden. Auch die allerbeste Privatschule kann bei Vorliegen einer ADHS die medikamentöse Basistherapie nicht ersetzen. Es ist wie bei einem Kind mit einer Sehschwäche: Ohne eine individuell angepasste Brille können auch die besten Lernhilfen und -therapien nicht funktionieren. Klar ist aber auch, dass die Brille alleine zu keinem Schulerfolg führt. Es braucht beides.

Im Film wird berichtet, Kilian habe in der neuen Privatschule seine Medikamenten-Dosierung um 1/4 reduzieren müssen. Ich hoffe doch sehr, dass dies auf Anweisung des verantwortlichen Arztes erfolgte. Und nicht von der Schule „verordnet“ wurde. Dass genau dies leider vorkommt, habe ich früher bei verschiedenen Privatschulen wiederholt feststellen müssen.

Ursache Nr. 4: Zu wenige Weiterbildungmöglichkeiten

Angesichts der Häufigkeit der ADHS erstaunt es immer wieder, dass es auch 2017 noch vorkommt, dass Lehrpersonen Basiswissen zur ADHS fehlt. Es ist nicht nur für die betroffenen Schülerinnen und Schüler, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer entlastend, wenn noch mehr Lehrpersonen mehr Möglichkeit hätten, ihr Wissen über die ADHS zu aktualisieren. Das betrifft vor allem auch die Frage der medikamentösen Therapie, welcher viele Lehrpersonen pauschal negativ gegenüber stehen.

Zusammenfassung

Kindern wie Kilian kann möglicherweise also besser geholfen werden,

  • wenn keine zu hohen Erwartungen an das Kind gestellt werden,
  • wenn bei der Erstuntersuchung eventuell vorliegende Begleitstörungen erfasst und bei positivem Befund fachgerecht behandelt werden,
  • wenn die Möglichkeiten der medikamentösen ADHS-Therapien fachgerecht ausgeschöpft werden,
  • wenn die medikamentöse Therapie periodisch auf ihre Wirksamkeit hin überprüft und gegebenenfalls angepasst wird,
  • und wenn Lehrpersonen ihr Wissen über die ADHS aktualisieren.

Weiterführende Informationen

Was ist ADHS: ADHS – Das Wichtigste auf einen Blick

Thema Abklärung bei Verdacht auf ADHS: Reicht nicht einfach der “Ritalin-Test”? Zur Diagnostik der ADHS bei Kindern und Jugendlichen

Thema Begleitstörungen: Komorbide Störungen bei Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS

Thema Therapie bei ADHS bei Kindern: ADHS – Krankheit der negativen Gefühle?

Thema Erwachsene mit ADHS: Zerstreut, gereizt, leicht ablenkbar – ADHS im Erwachsenenalter

 


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Er wurde letztmals aktualisiert am 27.10.2017.
© Piero Rossi




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