Ich heisse Lorena | Meine Geschichte mit ADHS | Langweilig? Ich hoffe nicht!

Meine Story

Ich heisse Lorena, habe ADHS und erzähle Euch jetzt, was das ist. Es geht um Langeweile. Aber nicht nur. Langweilig? Ich hoffe nicht.

ADHS: Diese vier Buchstaben stehen für das schwierige Wort „Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung“. Erwachsene schreiben halt kompliziert. Daran muss man sich als Junior gewöhnen.

ADHS ist eine Abkürzung für eine Krankheit. Das tönt schlimm. Ist es aber nicht. Also bitte keine Panik. ADHS ist nämlich keine normale Krankheit. Denk nur an ein Kind mit einer Brille. Oder an einen Lehrer mit einem Hörgerät. Okay: Es ist schon nicht ganz normal, wenn mit den Augen oder den Ohren etwas nicht stimmt. Aber so richtig krank ist man deswegen nicht. Und genau so ist es auch mit der ADHS.

Wer ADHS hat kann sich super gut konzentrieren. Aber leider nur dann, wenn etwas neu, sehr interessant oder spannend ist. Nur dann kann ich gut aufpassen. Vieles geht dann fast automatisch in meinen Kopf hinein.

Langweilig?

Leider ist es aber oft sehr langweilig! Zum Beispiel in der Schule.

Jetzt habe ich zum Glück eine coole Lehrerin. Die erklärt uns alles zack-zack und redet nicht lange um den heissen Brei herum. Da kann ich aufpassen und ich mache im Unterricht auch mit. Das war leider nicht immer so: Der Lehrer der vierten und fünften Klasse redete immer unendlich lange. Da sind meine Gedanken immer wegwandert. Statt zuzuhören sind mir tausend andere Sachen aufgefallen. Zum Beispiel, dass Herr Berger immer wieder eine schmutzige Brille trug. Oder dass er in Jeans herumlief, bei denen ein Hosenbein kürzer war als das andere.

Sobald ich etwas wiederholen musste, wurde es mir schnell langweilig. Texte konnte ich nur einmal lesen. Dann ging nichts mehr. Wenn die Schüler im Unterricht still für sich arbeiten sollten, war es für mich besonders schlimm. Luca sass an der Schulbank hinter mir. Immer dann,  wenn er eine Packung Papiertaschentücher öffnete – und das passiert ständig – machte es „Ratsch“. Und schon war ich abgelenkt.

Auch wenn ich es gar nicht wollte. Jedes kleinste Geräusch ging in meinen Kopf hinein. Ich konnte nichts dagegen machen. So konnte ich mich natürlich nicht gut konzentrierten. Wenn etwas mich nicht interessierte, sah ich einfach immer zu viel: Sobald Lea, Melina oder Kathrin den Kopf drehten oder sich sonst irgendwie bemerkbar machten, mussten meine Augen dort hinschauen. So kam ich natürlich nicht vorwärts.

Langweilig war es mir auch zuhause. Da habe ich ständig die einfachsten Sachen vergessen. Zum Beispiel das Spülen auf der Toilette. Oder das Zähneputzen. Oder das Hausaufgabenbüchlein mit nach Hause nehmen. Oder dass ich meiner Mutter versprochen habe, ihr die Schere wieder zurückzubringen.



Wer ADHS hat, vergisst alles Normale schnell wieder. Das nervt die Eltern! Weil sie dann schimpfen und das Gleiche wieder und wieder sagen, wird es für uns Kinder manchmal echt schlimm. Ich schämte mich oft, denn irgendwie haben sie ja recht. Aber unsere Eltern checken einfach nicht, dass Kinder mit ADHS dann erst recht nicht mehr aufpassen und zuhören können. Sie meinen, wir wollen nicht.

Das stimmt manchmal schon. Aber nicht bei diesen gewöhnlichen Sachen wie dem Spülen der Toilette oder dem Zuschliessen der Hauseingangstür. Ich bin doch nicht doof!

Bis heute kann ich nicht verstehen, dass mein Vater mir nicht geglaubt hat, dass ich das WC nicht absichtlich nicht gespült oder die Haustüre ohne Absicht nicht abgeschlossen habe. Ich habe es echt immer wieder vergessen. Das war auch bei den Arbeitsblättern, die ich aus der Schule hätte mitbringen sollen. Oder dem Anmeldeformular für den Saxophon-Unterricht.

Vor lauter Wut, dass meine Eltern es mir nicht geglaubt haben, bin ich manchmal fast geplatzt. Meistens habe ich es mir nicht anmerken lassen und herunter geschluckt und dafür in der Nacht geweint. Zu letzten Mal war das vor einem Jahr, als ich mein nagelneues Handy in der S-Bahn habe liegen lassen. Das war ganz schlimm.

Bald schreibe ich Euch mehr über die ADHS. Ich hoffe es jedenfalls. Leider verspreche ich anderen Sachen, die ich manchmal lange hinauszögere. Mein Vater sagte mir deswegen schon ein paar Mal, ich sei unzuverlässig.

Das tut weh.

Siehe auch die anderen Lorena-Geschichten

Also: Falls nichts kommt … Ihr wisst schon.


Danke für diese Infos!

 

 

Dieser Text wurde letztmals am 17.04.2017 aktualisiert.
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