Lerncamp: Totaler Mist! Die Leiterinnen waren schrecklich …

Lerncamp: Totaler Mist!

Hier ist wieder einmal Marco (= Bruder einer Nervensäge namens Lorena). Meine Mutter will, dass ich hier etwas schreibe über das Lerncamp, welches ich im Sommer 2014 besucht habe. Ich kriege dafür 8.- an Guthaben für mein Galaxy. Lieber wäre mir zwar ein iPhone 6 mit einem richtigen Abo. Natürlich mit Flatrate. Aber klar, dafür mach ich’s auch. Also, wo soll ich anfangen?

Kurz und bündig: Es war totaler Mist. Die Leiterinnen waren schrecklich (alles alte Tanten mit altmodischen Strickjäckchen). Die anderen Kinder waren Kindsköpfe. Gamen durfte man auch nicht. Und zum Essen gab es jeden Tag Suppe mit fettigen Würstchen. Auf dem Klo war es so kalt, dass man sich beim Hinsetzen eine Erfrierung holte. Die Spüle war eingefroren. Und dann regnete es Tag für Tag. Die ganze Woche. Alles war feucht, das Cheminé qualmte, so dass man keine Luft kriegte. Und meistens waren die Schuhe am nächsten Tag noch nasser als am Tag zuvor. Von dem, was nachts so alles los war, erzähle ich besser nichts. Schliesslich hielt ich es nicht mehr aus und flüchtete. Ein Bauer, dem ich begegnete, alarmierte die Rega, um die anderen Kids zu befreien. Es war purer Horror.

Hihi  😉  Reingefallen!

Okay! Nun in echt …

Und nun, wie es wirklich war: Meine Mutter hatte im Internet eine Website über ein Lerncamp gefunden. Womit es mit einer Unmenge von Diskussionen losging.  Klar, die Fotos waren okay, jedoch gab es auch hunderte von Punkten, die für mich klar dagegen sprachen. Wieso soll ich mich noch in den Ferien mit Schulstoff und Lernstrategien abkämpfen? Und dafür eine meiner wenigen Sommerferienwochen opfern? Und obendrein mit wildfremden Personen? Nein war meine erste Antwort. Selbst meine Klassenlehrerin war zurückhaltend, als meine Mam sich wohl Überredenskünste von ihrer Seite her erhoffte.

Doch meine Mam ist wie ich, wenn sie etwas im Kopf hat. Nun, ich liess mich auf den Deal ein, das Lerncamp durchzuziehen. Danach ging es dafür zwei Tage lang in den Europapark nach Rust. Das war Mams Köder.

Von den Wochen vor dem Lerncamp mag ich gar nicht all zu viel erzählen. Die reinsten Horrorgeschichten malte ich mir aus, was mich da alles erwarten könnte! Es kam dann zum Glück ganz anders:

Wir waren eine Gruppe von 12 Kids. Alle kamen unfreiwillig und mochten das Lernen überhaupt nicht. Und nun das grosse Aber: Wenn doch nur auch normale Schulwochen so schnell vorbei gehen würden. Im Lerncamp lernte ich so viel wie kaum jemals. Und ja sogar ein wenig gerne!

Die Tage im Lerncamp haben jeweils bereits gut begonnen. Bis um 9 Uhr sollten wir gefrühstückt haben . Ich konnte also trödeln soviel wie ich wollte. Gewissermassen konnte ich ausschlafen. Wenn im gleichen Haus – quasi in einem anderen Zimmer – nicht auch Kühe gewohnt hätten.  So kam es, dass ich bereits um 6.30 (!) im Pyjama unter dem Overall im Stall stand und beim Melken helfen durfte. Das war stark. Ich Marco, Bruder einer Nervensäge, mitten in der Nacht im Kuhstall.




Beim Frühstück war ich nicht der Einzige, der ADHS-Medikamente einnahm. Es hatte noch drei andere. Wir haben uns dazu ein wenig ausgetauscht. Dies tat ganz gut. Ansonsten gibt es immer grosse Diskussionen, warum dies überhaupt nötig sei usw.

Wir hatten diese Woche mein bisher schönstes Schulzimmer, nämlich unter freiem Himmel. Zu Beginn lies ich mich vom Gebimmel der Kuhglocken noch ablenken, doch schon bald repetierte ich meine Franzwörtchen dazu im Rhythmus. Könnt ihr Euch das vorstellen? Marco lernt im Takt der Kuhglocken!

Ich habe jetzt eine Ahnung, warum ich Dinge vergesse und trotzdem nicht dumm bin. Aber auch wie ich mir Ziele setze und diese auch einhalte und ich auch mal an mich glaube.

Als ich einen grösseren Durchhänger in der Repetition von typischen (und gemeinen!) Rechtschreibfallen hatte, musste ich die drei Jahre ältere Lara mit den Englisch Voci abfragen, bis die mal etwas schnallte. Da ist mein Hirn ja regelrecht fit! Dafür konnte sie am Nachmittag ihr Feuer ohne Hilfe anzünden und fragte bei unserer ersten Stallvisite auch nicht, warum man den Stier nicht melkt. Das war ja so peinlich von mir! Zum Glück war meine Schwester nicht im Lerncamp.

Oft sassen wir mittags noch lange wie eine grosse Familie am Mittagstisch und erzählten uns aus den verschiedenen Schulen und Regionen der Schweiz. Meine  Schule und Lehrer sind gar nicht so daneben, bemerkte ich gerade. Da haben es andere härter!

Ich kann mich gar nicht entscheiden, was mir als Nachmittagsprogramm am besten gefallen hat. Eigentlich war ich im ersten Moment stinksauer über den Bergführer. Er überredete mich nämlich, doch noch über die Seilbrücke zu gehen. Wahrscheinlich mussten andere auch ihren inneren Schweinehund überwinden. Denn niemand sagte etwas, als ich meine Tränen trocknete. Im Nachhinein bin ich wirklich unglaublich stolz, dass ich es geschafft habe!




Anderseits war der Nachmittag auch ganz cool. Als wir alle ein eigenes Feuer zum Brennen bringen  konnten, verbrauchte ich dazu zwar eine ganze Zündholzschachtel, doch am Ende konnte ich meine Marshmallows braten. Lecker.

Vielleicht war der beste Nachmittag jener, an welchem es aus Kübeln regnete und wir trotzdem eine Schnitzeljagd machten und dann wieder im Trockenen bei heisser Schokolade mit dem eigenen Sackmesser Wanderstöcke schnitzten.

Zuerst war ich ja überhaupt nicht begeistert, als es hiess, dass wir beim Kochen fürs Abendessen helfen müssen. Doch die selbstgebackene Rösti auf dem Holzofenherd sowie die Zubereitung der Salate haben mir so Spass gemacht, dass ich mir überlegte, vielleicht sogar zu Hause mehr in der Küche zu helfen. Dass daraus nichts wurde, könnt Ihr Euch sicher gut vorstellen.

Das Lerncamp ist eine Weile her, seither war ich bereits wieder im Berner Oberland. Ich habe einen prima neuen Freund gefunden und ich durfte im Winter zu ihm in die Ferien.

Ob ich dieses Jahr auch wieder ins Lerncamp möchte, fragte mich neulich meine Mutter. Wenn ich es mit dem Landdienst unter einen Hut bringe, warum nicht!

Nachtrag: Danke Mam fürs Korrigieren und die 8 Fr. Handy-Guthaben!

Schaut Euch auch diese Kapitel an, falls Euch meine Geschichte interessiert!


Danke für diese Infos!

Dieser Text wurde letztmals am 15.04.2017 aktualisiert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen.
Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
© 1999 – 2017 Piero Rossi