Medikinet, Strattera … Jetzt noch mehr Medikamente „ausprobieren“? Nein. Besser „Zurück auf Null“!

Es geht um unseren Sohn 9-jährig, Frühgeburt. Seit Geburt hat er sich sehr für Kabel und Lampen interessiert und immer als erster irgendwo eine Birne entdeckt, die nicht brannte. Er ist ein Einzelgänger und hat aber trotzdem immer schnell Kontakt und ist in der 3. Klasse akzeptiert und notenmässig mit viel Einsatz dabei. Er ist sehr viel müde, hat Asthma bei Erkältungen, Heuschnupfen, Nachtschreck, Angstzustände z.b. Waschküche,
bis Kindergarten manchmal nachts genässt und hatte chronische Verstopfung. Der Kindergarten war normal und ist gut in die Schule  gestartet. In der 1. Klasse hat uns die Lehrerin mitgeteilt unser Sohn könnte ADS haben. 

Unser Sohn ist immer sehr müde, schnell abgelenkt und hat sehr lange an den Hausaufgaben, handwerklich sehr geschickt, überperfekt, sehr sozial.
Seit einem Jahr haben wir die Diagnose ADS, Asperger wurde auch abgeklärt aber etwas unter der Diagnoseschwelle. Eine vom Kinderarzt veranlasste Hirnstrommessung hat eine untypische Hirnregion für ADS erkannt.
Um ihm zu helfen haben wir mit Medikinet und Medikinet R versucht, am Anfang hat es gewirkt, er wurde aber zusehends aggressiver.

Danach hat man auf Strattera umgestellt, kaum Veränderungen, ausser das er noch müder ist, ihm vieles gleich, immer zappliger und wieder aggressiver wird. 

Er geht dazu in eine Verhaltenstherapie und muss Eisentabletten wegen Blutmangel einnehmen. Zuhause entstehen viele Konflikte auch bei Hausaufgaben, wegen seiner Langsamkeit und der grossen Vergesslichkeit.
Wir könnten nun noch ein weiteres Medikament „ausprobieren“.
Wir sind uns aber nicht sicher ob wir das noch überhaupt wollen …
Wenn wir keine Stimulanzien an unseren Sohn abgeben, dann bringen alle Therapie nichts wurde uns gesagt… Wir wären wirklich sehr froh um Ihren Rat… Danke. U.M.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Bekannt ist, dass mentale und kognitive Beeinträchtigungen bei extrem Frühgeboreren nachweislich häufiger vorkommen als bei Termingeborenen. Falls in der Herkunftsfamilie die ADHS keine Rolle spielt, ist bei extrem Frühgeborenen (< 32. Schwangerschaftswoche) mit ADHS-ähnlichen Symptomen immer daran zu denken, dass es sich vielleicht gar nicht um eine „echte“ ADHS handelt.

Sondern um Entwicklungsstörungen, welche in direktem Zusammenhang mit einer frühen Geburt stehen. Auch bei Neugeborenen, welche zwischen der 32. und der 36. Schwangerschaftswoche auf die Welt gekommen sind, bestehen erhöhte Risiken, später ADHS-ähnliche Probleme zu entwickeln. Dies allerdings in einem geringeren Ausmass.

Falls wirklich eine ADHS die primäre Ursache der Probleme eines Kindes ist, dann ist es in den allermeisten Fällen tatsächlich so, dass nicht nur in der Schule, sondern auch in einer Verhaltenstherapie ohne ADHS-Medikamente wenig bis nichts läuft.

Man muss bedenken, dass jeder Therapieerfolg auf einem erfolgreichen Lernprozess beruht.  Und bekanntlich ist es bei den meisten ADHS-Betroffenen so, dass sie aus ihren Erfahrungen syndrombedingt kaum lernen können. Aus den Guten etwas besser. Und aus den negativen Erfahrungen so gut wie nichts. Mit Medikamenten hingehen können viele Kinder mit ADHS aus ihren Erfahrungen lernen.

Vorausgesetzt, es liegt eine korrekte und vollständige Diagnose einer ADHS vor, ist es so, dass die meisten betroffenen Kinder auf den Wirkstoff Methylphenidat befriedigend, gut oder sogar sehr gut ansprechen. Methylphenidat ist der Wirkstoff, welcher unter anderem in den Medikamenten Ritalin, Concerta oder Medikinet enthalten ist.

Untersuchungen ergaben, dass rund 80 % der Kinder mit ADHS auf eine medikamentöse Therapie mit ADHS ansprechen sollen. Das ist – im Vergleich zu allen anderen Psychopharmaka – sehr viel! Gestützt auf meine eigenen Erfahrungen mit über tausend ADHS-betroffenen Kindern und Jugendlichen, die mit Methylphenidat behandelt wurden, sind es geschätzt 90 %. Oder sogar noch mehr.




Ungewöhnlich ist, dass Kinder mit ADHS unter einer Therapie mit Stimulanzien aggressiv werden. Für mich ein Anlass, ganz gründlich über die Bücher zu gehen.

Während meiner Praxistätigkeit führte ich oftmals „Second opinion“- Untersuchungen durch. Häufigster Anlass war, dass die Kinder auf ADHS-Medikamente nicht angesprochen haben.

Dabei stellte ich Folgendes fest:

  • Die Diagnose stimmte nicht.
  • Die ADHS-Diagnose war unvollständig. Komorbide Störungen wurden nicht geprüft oder übersehen.
  • Eltern haben die für die Behandlung Verantwortlichen nicht oder nur ungenügend über die fortbestehende Problematik informiert. So bestand für die Behandelnden gar keine Möglichkeit, die Therapie zu optimieren. Wenn Ärzte und Psychologen nichts von ihren Patienten beziehungsweise deren Eltern hören, gehen sie davon aus, dass alles okay ist.
  • ADHS war eine Verlegenheitsdiagnose. Einige Ärzte und Psychologen denken, sie müssen Ihren Patienten (oder bei Kindern deren Eltern) „etwas bieten“. Immerhin erwarten diese ja Klarheit von einer Abklärung. Und zahlen dafür auch. Selbst wenn die diagnostischen Kriterien nicht erfüllt waren, wurde in mehreren mir bekannten Fällen die Diagnose ADHS gestellt. Es reichte diesen Fachpersonen aus, dass „ADHS“ eigentlich doch „ganz gut passen“ könnte (das ergaben Rückfragen, die ich vereinzelt machte). Und die Eltern haben dann auch etwas Konkretes in der Hand. Denken sich diese Fachpersonen. Dabei wäre es für alle Beteiligten doch sehr viel sinnvoller, Unklarheiten und Widersprüche im Störungsbild klar zu benennen. Statt den Diagnose-Deckel mit einer Verlegenheitsdiagnose zu verschliessen. Und an Stelle von: „Diagnoseschwelle nicht erreicht“ könnte es heissen: „Wir wissen es nicht.“ Wenn die Diagnose offen bleibt, besteht viel eher die Chance, den wahren Grund der Beschwerden herauszufinden. Vielleicht nicht morgen, aber allenfalls in einem halben Jahr.

  • Es wurde mit einer zu hohen Medikamenten-Dosis gestartet. Zum Beispiel gleich mit Concerta  18 mg oder mit Ritalin 10 mg morgens und mittags. Was dann zu unerwünschten Reaktionen führte. Und bei allen Beteiligten den Eindruck erweckte, das Kind vertrage das Medikament nicht.
  • Die Dosis wurde zu schnell gesteigert. Mehrmals musste ich feststellen, dass die Dosierungen im Turboverfahren angehoben und dass Medikamente schon nach zwei Wochen wieder gewechselt wurden. Wenn es dann nicht klappte, lag es am meistens Kind, welches die Medikamente angeblich nicht vertrage. Üblich ist, dass mit einer sehr niedrigen Dosierung gestartet wird (2,5 mg Ritalin morgens und mittags). Und diese dann langsam, sprich alle drei, vier Tage  – und bis zum Wirkungseintritt – um 2,5 mg angehoben wird. Und das alles jeweils nach Anweisung des Arztes. Also nicht in Eigenregie.
  • Die potentielle Wirkung des Medikamentes wurde nicht seriös evaluiert. Eine Einschätzung darf nicht nur auf den Berichten der Eltern und des Kindes sowie auf dem persönlichen Eindruck der Fachperson beruhen. Auch wenn das zentral ist. Auch die Lehrpersonen müssen einbezogen werden. In meiner Praxis haben Eltern und Lehrpersonen ungefähr vier Wochen nach Beginn einer medikamentösen Therapie die Fragebögen, die sie im Rahmen der Anfangsuntersuchung erhielten, noch einmal ausgefüllt. Der Vergleich dieser Daten erlaubte eine präzise Einschätzung. Und lieferte bei Nichtansprechen auf Methylphenidat häufig auch den Schlüssel zum Verstehen der Ursachen..
  • Leider wird oftmals auf eine neuropsychologische Eingangs- sowie auf Verlaufsuntersuchungen verzichtet. Dabei kann das Ansprechen auf Methylphenidat (oder eben das Nichtansprechen) mittels geeigneter neuropsychologischer Tests einfach und schnell objektiviert werden.




  • Wenn es bei meinen jungen Patienten mit Methylphenidat (→ Ritalin, Medikinet, Concerta) nicht klappte, hiess es für mich meistens: „Zurück auf Null“. Also alles noch einmal überprüfen und klären, ob meine Diagnose wirklich stimmte. Habe ich auch wirklich nichts übersehen? Erst nach dieser (für mich Zeit und Energie raubenden) „Ehrenrunde“ habe ich mit den Eltern und dem behandelnden Arzt über die Möglichkeiten eines Einsatzes von Strattera oder anderen Medikamenten gesprochen.
  • In den mir persönlich bekannten Fällen, führte eine Umstellung auf Strattera oder auf andere moderne ADHS-Medikamente in den überwiegenden Fällen zu keinen nennenswerten Verbesserungen. Lediglich bei sehr aggressiven Kindern oder Jugendlichen mit einer ADHS und Störungen des Sozialverhaltens führte eine befristete Therapie mit niedrig dosiertem Risperidon (= kein ADHS-Medikament) zu gewissen Erfolgen
  • Fact ist, dass das in der Schweiz 1944 entdeckte Methylphenidat bis heute mit grossem Abstand das wirksamste und nebenwirkungsärmste ADHS-Medikament schlechthin ist. Von allen neuen ADHS-Medikamenten profitieren meines Erachtens in erster Linie die Aktionäre der jeweiligen Herstellerfirmen. Und doch: Einige wenige meiner jungen Patienten mit ADHS hatten von Strattera schon auch einen gewissen Nutzen. Aber es waren echt Ausnahmen.
  • In nahezu allen Fällen wurden keine präzisen Therapieziele etabliert, an denen man (auch kleine) Behandlungserfolge hätte ablesen können. Wie wird das gemacht? Ganz einfach: Im Rahmen der Therapieplanung besprechen Fachperson und die Eltern, an welchem ganz konkreten Verhalten sie bei ihrem Kind feststellen können, dass die (medikamentöse) Therapie wirkt.
    Es geht dabei also nicht um generelle Ziele wie: „Das Kind ist nicht mehr so langsam.“ Oder: „Es schreit nicht mehr so oft.“ Sondern sehr viel konkreter: „Wenn Jan extrem sauer ist, schafft er es, vor dem Losbrüllen leise vor sich hin „Eins, zwei, drei, Hosebei“ (=“Hosenbein“) zu sagen (und sich dadurch etwas aufzufangen). Oder: „Lisa kann die gemeinsam mit der Verhaltenstherapeutin und ihrer Mutter ausgearbeiteten morgendlichen sechs Verhaltenspunkte des Ablaufplans ( → konkrete Verhaltenssequenzen vom Aufwachen bis zum in die Schule gehen) zur Hälfte einhalten“. Oder: “ Benjamin arbeitet in der Hälfte der Fälle auch dann weiter an den Hausaufgaben, wenn die Mutter ans Telefon muss“.


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    Zudem: Dieses Vorgehen hilft nicht nur, die Wirkung eines ADHS-Medikamentes zu beurteilen. Sondern es entfaltet eine psychologisch äusserst wertvolle Verstärkung des erwünschten Verhaltens eines Kindes. Eltern und Lehrpersonen achten dadurch auf kleine Fortschritte und reagieren beim Eintreffen derselben positiv. Was das positive Verhalten verstärkt. Statt immer nur am Negativen festzukleben und mit ihren Reaktionen das Kind noch mehr zu entmutigen.

Ein Wort noch zu den von Ihnen erwähnten Hirnstrommessungen: Mit einem qEEG (quantitatives EEG) lassen sich Aktivierungsmuster, die sich in Ruhe oder beim00 Lösen von Aufgaben zeigen, abbilden. In der Tat sind mehrere ADHS-typische Aktivierungsmuster bekannt. Es ist aber nicht so, dass bei Vorliegen eines atypischen Musters die ADHS-Diagnose infrage gestellt werden muss. Man darf sich dadurch nicht verunsichern lassen. Ein qEEG-Befund mit atypischen Resultaten sollte bestenfalls therapierelevante Hinweise liefern können.




Nun ganz konkret zu Ihrem Sohn: Sein Nichtansprechen auf die (medikamentösen) Therapien, die in Verbindung mit den ADHS-medikamenten auftretenden Aggressionen, die doch recht breit gestreute Symptomatik und das Fortbestehen der Probleme wären für mich persönlich ein Anlass für ein „Zurück auf Null“.
Das heisst natürlich nicht, dass alle Untersuchungen noch einmal durchgeführt werden müssen. Entweder der für die Behandlung verantwortliche Arzt oder eine neu hinzugezogene ADHS-Fachperson (→ Zweitmeinung) geht in Ruhe alles noch einmal durch. In einem ersten Schritt sollte die ganze Angelegenheit aber immer mit dem zurzeit für die Therapie Verantwortlichen besprochen werden.

Zweitmeinung: Manchmal reicht dazu eine einmalige Konsultation mit dem betroffenen Kind und ein sorgfältiges Aktenstudium. Ab und zu sind Zusatzuntersuchungen erforderlich. Oder (inkognito) Schulbesuche, um die Problematik vor Ort beobachten zu können.
Dann kann – so haben wir es jeweils gemacht – eine „Elefantenrunde“ einberufen werden: Alle Beteiligten (ausser dem betroffenen Kind) kommen zusammen, besprechen die neuen Befunde und Vorschläge, legen einen „Marshallplan“ fest sowie ein Datum für eine „Evaluations-Elefantenrunde“.

Nicht immer ist es möglich, die Beschwerden eines Kindes diagnostisch eindeutig zu klassifizieren. Das ist aber kein Weltuntergang. Denn entscheidend ist einzig eine möglichst wirksame Therapie. Wir behandeln ja keine Diagnosen, sondern Menschen. Auch ohne klare Diagnosen kann eine zielgerichtete Therapie erfolgen. Diese orientiert sich dann an den Beschwerden und nicht an den Diagnosen. Und kann genau so erfolgreich sein, wie eine Diagnose-gestützte Behandlung.

Schliesslich lade ich Sie dazu ein, zu akzeptieren, dass Psychologie und Medizin nicht immer in der Lage sind, alle Beschwerden und Probleme eines Menschen zu erklären und erfolgreich zu behandeln. Damit will ich natürlich nicht andeuten, Ihr Sohn könnte ein ganz schwieriger Fall sein und bleiben. Ganz und gar nicht! Und trotzdem ist es wichtig, dass Eltern wissen, dass auch die allerbesten ADHS-Spezialisten an ihre Grenzen kommen können.

In diesen Fällen erfolgt dann meistens eine so genannte „kurative Behandlung“. Dabei werden psychosoziale, pädagogische und therapeutische Massnahmen geplant und durchgeführt, welche primär dafür sorgen, dass nicht alles noch schlimmer wird. Und welche bewirken sollen, dass es vielleicht doch zu kleinen Fortschritten kommt.

Ich selbst habe keine „behandlungsresistenten“ Kinder mit einer ADHS kennengelernt.  Wenn, dann lag der Grund für die ausbleibenden Behandlungsfortschritte an mir selbst. Und nicht am Kind. Also an meinem Nicht-verstehen und Nicht-behandeln-können.
Mehrfach kam es hingegen vor, dass alles für drei, vier oder fünf Monate einfach „stecken“ blieb. Die Fortschritte stagnierten. Alles war festgefahren. Oder die Probleme nahmen sogar zu. Aber dann ging es wieder aufwärts.
Die Zeit heilt viele Wunden. Ich bin daher optimistisch, dass Sie für Ihren Buben einen positiven Weg finden werden!

Hier finden Sie Informationen über den Ablauf von ADHS-Untersuchungen bei Kindern. Und hier Information über behandlungsbedürftige komorbide Störungen, welche eine ADHS begleiten können.

Lesen Sie hier weiter, wenn meine Antwort für Sie hilfreich war.


 

Danke für diese Infos!

 

 

Diese Seite wurde am 18.05.2017 letztmals aktualisiert.
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© 1999 – 2017 Piero Rossi


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