Drogen | Zur Suchtgefahr von Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS


Drogen, Sucht und ADHS.
Wie sind die Zusammenhänge?

Was tun, um das Riskio zu senken?
Lesen Sie weiter!


Autor Piero Rossi. Zur Suchtgefahr von Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS. Vortrag gehalten im Januar 2003 anlässlich der ELPOS-Jahresversammlung in Zürich.


Einleitung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/„Sind Kinder mit einer ADHS verstärkt suchtgefährdet?“ – so lautet der Titel der heutigen Tagung. „Ja klar!“, werden die Meisten von Ihnen spontan gedacht haben, als sie im Tagungsprospekt diese Überschrift lasen. Als ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, was ich Ihnen heute vortragen soll, wurde mir bald klar, dass hinter dieser Tagungsüberschrift viel mehr steckt, als nur sachliche Fragen nach möglichen Suchtrisiken, denen Kinder mit einer ADHS in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind oder Fragen etwa nach Möglichkeiten für eine möglichst wirksame Sucht-Prävention. Nein, dieser fragende und fast sorgenvoll anmutende Tagungstitel steckt voller Emotionen: Er birgt in sich zehrende Gefühle und bohrende innere Fragen unzähliger Mütter und Väter, die sich ob der aktuellen oder zukünftigen Entwicklung ihrer Kinder mit einer ADHS sorgen und ängstigen.

Auch wenn es von den Eltern im Alltag nicht immer offen ausgesprochen wird, weiss ich doch durch meine Arbeit mit ADHS-Familien, dass vor allem Mütter von Kindern mit einer ADHS immer wieder von oft erschreckenden Vorstellungen und Fantasien heimgesucht werden. Ihr schwieriges, unvorsichtiges, vorschnelles und so leicht beeinflussbares Kind könnte dereinst in schlechte Gesellschaft geraten, mit Drogen in Kontakt kommen, an einer Sucht erkranken, durch die Beschaffungskriminalität in die Illegalität abrutschen und später vielleicht sogar verwahrlosen. Oder aber ihre schon in die Oberstufe übergetretenen ADHS-Kids befinden sich schon in schlechter Gesellschaft, rauchen und kiffen bereits und machen sowieso schon was sie wollen, was die Ängste und Ohnmachtsgefühle der Mütter dann noch weiter in die Höhe treibt.

 

Irgendeinmal realisierte ich, dass hinter diesen aufwühlenden und gleichzeitig lähmenden Gefühlen oftmals tiefsitzende Ängste verborgen sind, das eigene Kind zu verlieren. Wenn Eltern von Kindern mit einer ADHS schliesslich noch durch die Medien erfahren, dass Stimulanzien (also Medikamente zur Behandlung der ADHS) süchtig machen sollen, wenn sie am Fernseher einen Bericht über angeblich „Amok laufende Ritalin-Kinder“ sehen oder wenn sie – wie kürzlich der Fall – in renommierten Tageszeitungen lesen konnten, dass mit der Einnahme von Stimulanzien das Risiko steige, später an Parkinson zu erkranken, ja dann können Zweifel, Sorgen und Ängste, Hilf- und Orientierungslosigkeit in eine lähmenden Ohnmacht und Passivität führen. Die Angst um das Kind vermischt sich dann auf eine unheilvolle Art mit einer tiefen Verunsicherung über die ADHS-Therapien.

Diese Irritationen und Zweifel können dann einen ihrer Höhepunkte erreichen, wenn Mütter – wie vor einiger Zeit geschehen – im „Zischtigsclub“ des Schweizer Fernsehens von einem Zürcher Psychiater erfahren, dass die ADHS als Krankheit gar nicht existiere. Nein, so führte der Psychiater aus, es handle sich bei der ADHS um ein unbewiesenes gesellschaftliches Konstrukt. Und wenn in diesen Moment dann noch das Telefon klingelt und die entnervte Lehrerin der besagten Mutter gereizt und in einem sie anschuldigenden Ton klarzumachen versucht, dass Luca in der Pause schon wieder gekifft habe, sein störendes Verhalten auch während des Unterrichts nun wirklich nicht mehr tragbar sei, er einfach ständig sich selbst und andere ablenke, und dass sie ja schon immer gesagt habe, dass das Ritalin mehr schade als nütze und es jetzt kurzfristig zu einer erneuten Sitzung mit der Schulpflege kommen werde …

Was meinen Sie, was passiert dann einmal mehr mit der Seele der Mutter dieses ADHS-Buben? Wie Blitze schiessen Ängste, Verzweiflung, Scham und Ohnmachtsgefühle durch Lucas Mutter. Diese zweifelt dann – wie viele andere mir aus meiner Arbeit bekannten Mütter – nicht nur an der Therapie oder an der Zukunft ihres Sohnes. Nein, vor allem zweifelt sie an sich selbst, an ihren Fähigkeiten als Mutter.

Ich kenne aus meiner Praxis drei Mütter von vormals schwer verhaltensgestörten ADHS-Buben, bei denen trotz erfolgreicher Therapie noch mehrere Jahre lang jedes Klingeln des Telefons eine Panikattacke mit blitzartig einschiessenden Ängsten, Herzrasen und plötzlichem Schwitzen auszulösen vermochte. Erst mit einer Verhaltenstherapie konnte diesen Frauen geholfen werden, ihre traumatisierenden Erlebnisse zu überwinden.

Rolle der Erziehung

Sie teilen sicher meine Ansicht, dass gerade das Erziehungsmanagement von schwierigen Kindern – und dazu gehören auch unsere Kinder mit einer ADHS – von den Eltern besonders viel Verantwortung und erzieherische, ja manchmal sogar therapeutische Kompetenzen abverlangen. Für jede der eingeleiteten Therapien müssen Sie als Eltern schliesslich eine Mitverantwortung übernehmen. Übermässige Ängste, Sorgen, Hilflosigkeit sowie Scham-, Versagens- und Ohnmachtsgefühle sind dabei aber denkbar schlechte Begleiter: Sie schwächen, lähmen oder verhindern wirkungsvolles erzieherisches Handeln. Diese emotionalen Belastungen schwächen die Fähigkeiten der Eltern, mehr oder weniger sachlich begründet über die von den Fachleuten vorgeschlagenen Therapien für ihr Kind nachzudenken, zu reagieren und darüber zu entscheiden.



Wissensbasis

Der wohl wesentlichste Beitrag, den Eltern von Kindern mit einer ADHS leisten können, um Sucht-, Unfall- und andere Risiken zu reduzieren, besteht wahrscheinlich darin, dass sie sich eine Wissensbasis und damit Entscheidungsgrundlagen erarbeiten, um die ihnen obliegende Verantwortung für erzieherische und therapeutische Entscheidungen übernehmen zu können. Wissen ist eines der besten Heilmittel gegen Zweifel, Unsicherheiten und Hilflosigkeit. Hinterfragen Sie kritisch alle Ihnen zugetragenen Informationen Behandlungsempfehlungen – meine Ausführungen eingeschlossen.

Die Facts

Die ADHS gehört nachweislich zu den folgenschweren Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters: Klinische Verlaufsstudien, die seit den 70er Jahren durchgeführt werden, zeigen, dass in der Gruppe der Kinder mit einer ADHS ein erhöhtes Risiko vorlag,

  • an einer antisozialen Verhaltensstörung zu leiden
  • vorzeitig die Schule abzubrechen
  • mindestens einmal die Klasse zu wiederholen
  • an Ängsten und/oder Depressionen zu leiden
  • wenige oder keine Freunde zu haben
  • bis zum Alter von 19 an einer Schwangerschaft beteiligt zu sein
  • auch als Erwachsene an einer ADHS zu leiden
  • als Erwachsene an Depressionen zu leiden
  • als Mädchen eine Bulimie zu entwickeln (wissenschaftlich noch nicht gesichert)

Zudem besteht im Vergleich zu den Gesunden:

  • ein höheres Risiko, zusätzlich zur ADHS an Lernstörungen zu leiden
  • ein rund neunfach höheres relatives Risiko in Verkehrsunfälle verwickelt zu werden

Ein erhöhtes Risiko, eine Suchtstörung zu entwickeln, haben gemäss empirischen Untersuchungen nur diejenigen ADHS-Betroffenen, welche zusätzlich an einer Störung des Sozialverhaltens leiden.

 

Die obige Aufstellung zeigt, dass in der Öffentlichkeit das Suchtrisiko wahrscheinlich überschätzt, dass Unfallrisiko hingegen drastisch unterschätzt wird. Eine im August 2001 veröffentlichte Untersuchung über den Zusammenhang von ADHS und Verkehrsunfällen kommt zum Schluss, dass in Deutschland über 60 % aller Verkehrsunfälle von Kindern im Zusammenhang mit einer ADHS stehen. Angesichts dieser möglichen Folgen einer unbehandelten ADHS ist es schlichtweg unlogisch, unvernünftig und unmenschlich, die Zeit mit Therapien wie zum Beispiel einer Zuckerdiät zu vertun, deren Wirksamkeit bei ADHS längst widerlegt wurde.

Nachfragen!

Verunsicherten Eltern von Kindern mit einer ADHS kann ich nur raten, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass es sich bei der Medizin, bei der Psychiatrie und der Psychologie um Wissenschaften und nicht um Religionen handelt: Ob sich Kinesiologie, Verhaltenstherapie, Neurofeedback, Diäten, Afa-Algen, Ginkgo-Extrakte, Atlastherapie, Homöopathie, Stimulanzien, Tomatis-Therapie oder etwa Entspannungstechniken bei der Behandlung der ADHS bewährt haben, ist keine Frage des Glaubens, sondern beruht auf den Resultaten der Therapieforschung. Da Eltern auch die Verantwortung tragen müssen, wenn sie eine ärztliche Therapieempfehlung ablehnen, sollten sie alle ihnen vorgeschlagenen Therapiemassnahmen kritisch prüfen. Auch ohne je eine Universität besucht zu haben, kann jede Mutter und jeder Vater eine wissenschaftliche Grundhaltung einnehmen.

Stehen Sie zu Ihren Unsicherheiten und Wissenslücken

Beschaffen Sie sich Facts (zum Beispiel die auf wissenschaftlichen Evidenzen beruhenden ADHS-Ratgeberbücher von Cordula Neuhaus, über die Internetseite www.ADHS.ch oder aus den medizinischen Datenbanken wie etwa www.PubMed.com). Bewerten Sie Informationen über Ursachen und Therapie der ADHS kritisch: Statt im Schema „Ich glaube das!“ versus „Nein, das glaube ich nicht!“ zu verharren, sollten Sie nachfragen, woher das Wissen stammt.

Holen Sie sich gegebenenfalls eine Zweitmeinung

Es liegt in der Verantwortung der Eltern zu prüfen, ob es zutrifft, wenn Fachleute vertreten, dass bei gesicherter ADHS-Diagnose eine medikamentöse Behandlung in Kombination mit einer Verhaltenstherapie einen zentralen Stellenwert innehat. Es liegt aber auch in der Verantwortung der Eltern zu prüfen, ob es zutrifft, wenn selbsternannte ADHS-Fachleute in die Welt hinausposaunen, dass Afa-Algen, hoch dosierte Vitamin-A-Therapien oder eine zuckerfreie Diät wirksame Mittel gegen die ADHS darstellen würden. Fragen Sie diese Autoren oder diese Heiler genauso, wie Sie Ihren Arzt oder Ihre Psychologin fragen würden, worauf sich ihre Therapieempfehlung abstützt und woher sie ihr Wissen haben.

Fragen Sie sie auch, ob bei ihren Mittelchen wie bei den anerkannten Medikamenten mit wissenschaftlichen Methoden sichergestellt wurde, dass diese Therapien dem Kind auch keinen Schaden zufügen können. Was ist denn eine möglicherweise auf Symptomebene nutzbringende Therapie mit Algenprodukten wert, wenn nicht ausgeschlossen werden kann, dass diese blau-grünen Algen gleichzeitig hochtoxische Substanzen wie Microcystine entwickeln, von denen im Tierversuch wenige Millionstel Gramm pro Kilogramm Körpergewicht genügen, um daran zu sterben? Die Gesundheitsbehörden verschiedener Staaten warnen denn auch unmissverständlich vor der Einnahme dieser aus Afa-Algen bestehenden Nahrungsmittelergänzungen.



Macht Ritalin süchtig? Ritalin -> Drogen?

Gemäss dem aktuellen Forschungsstand zum Thema ADHS und Sucht (Wissensstand 2003) gilt zurzeit Folgendes:

ADHS-Jugendliche mit einer zusätzlichen sozialen Verhaltensstörung (also mit schweren Regelverstössen, Diebstahl, Brandstiftung oder Körperverletzung) haben ein zwei- bis fünfmal höheres Risiko, an einer Suchtstörung zu erkranken. Das Vorliegen einer ADHS alleine stellt keinen speziellen Sucht-Risikofaktor dar. Kinder mit einer ADHS konsumieren häufiger und früher als Kinder ohne ADHS Nikotin, Alkohol oder illegale Drogen. Daraus entwickelt sich aber nicht zwingend häufiger eine Suchterkrankung als beim Normalkollektiv. Eine Behandlung mit Stimulanzien erhöht das Suchtrisiko von Kindern mit einer ADHS nicht, sondern reduziert es auf das gleich hohe Mass von Jugendlichen ohne ADHS.

Damit liefern wissenschaftliche Studien Belege dafür, was praktisch tätige Psychologinnen und Psychologen sowie Ärztinnen und Ärzte aus ihrer Erfahrung schon lange wussten, dass nämlich unter Jugendlichen mit Suchtverhalten (speziell in Kombination mit aggressivem und delinquentem Verhalten) der Anteil der ADHS-Betroffenen auffallend hoch ist. Aber Achtung! Danke für diese Infos!Das nämlich gilt – so zumindest gemäss dem gegenwärtigen Forschungsstand – vorwiegend für unbehandelte Kinder mit einer ADHS. Der ADHS-Forscher Josef Biederman aus Boston, hat in einer 1999 veröffentlichen Studie zeigen können, dass mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche ein um 85 % geringeres Risiko für einen späteren Drogenmissbrauch aufweisen, als solche, die nicht behandelt wurden. Auch der deutsche Arzt M. Huss kam in retrospektiven Untersuchungen an 215 ADHS-Patienten zu vergleichbaren Schlussfolgerungen.

Die wohl aktuellsten Studien zur Frage, ob eine Behandlung mit Ritalin mit einem späteren Suchtrisiko einhergehen, wurden in der Januarausgabe 2003 der Fachzeitschrift Pediatrics von T. E. Wilens publiziert: Es handelt sich dabei um eine zusammenfassende Auswertung von zehn Verlaufsstudien. Insgesamt beobachteten diese Studien die Entwicklung von 674 mit Stimulanzien behandelte ADHS-Jugendliche und 360 ADHS-Jugendliche, welche nicht mit Stimulanzien behandelt wurden. Die Metaanalyse ergab, dass die medikamentös behandelten Kinder mit einer ADHS gegenüber den Kindern mit einer ADHS ohne medikamentöse Therapie ein 1,9-fach kleineres Risiko aufwiesen, im späteren Verlauf an einer Drogen- oder Alkoholsucht zu erkranken.

 

In der gleichen Ausgabe dieser international renommierten Fachzeitschrift findet sich auch eine Studie des ADHS-Forschers Russel Barkley, welcher 147 Kinder mit einer ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden 13 Jahre lang (und somit ins Erwachsenenalter hinein) begleitete und ihre Entwicklung daraufhin überprüfte, ob gehäuft Suchtstörungen auftraten. Russel Barkley fand keinerlei Hinweise darauf, dass diese Kinder später vermehrt suchtkrank wurden.

Auch die Frage, ob Ritalin später süchtig macht oder nicht, ist also eine Frage des Wissens und nicht des Glaubens. Wer heute wie Glaubensgemeinschaften und Psycho-Sekten mit dem Suchtargument operiert, handelt fahrlässig und zynisch: Durch die gezielte Vermischung von Ängsten der Eltern mit den Panikberichten über angebliche Todesfolgen oder Behauptungen über andere grosse Risiken einer Therapie mit Stimulanzien wird bewusst in Kauf genommen, dass leidgeprüften Kindern und ihren Familien ein Behandlungsversuch mit einer seit Jahrzehnten bekannten und wissenschaftlich abgestützten medikamentösen Unterstützung vorenthalten wird.

Auch Praxiserfahrungen zeigen immer wieder, dass Kinder mit einer ADHS, bei welchen gemäss dem heutigen Wissensstand in den meisten Fällen eine medikamentöse Basistherapie durchgeführt wird (mit darauf aufbauenden Zusatztherapien wie Psycho-, Psychomotorik-, Ergo- oder Lerntherapien), es leichter haben, den Anforderungen der Schule zu entsprechen und die Herausforderungen der Pubertät zu überstehen. Gemäss heutigem Wissensstand gilt bei gesichertem Vorliegen einer ADHS eine medikamentöse Behandlung als Basistherapie. Das bestätigt unter anderem auch die in Europa bekannt gewordene MTA-Studie: In den USA und in Kanada werden seit 1995 an 579 Kindern verschiedene Behandlungsansätze überprüft. Es erwies sich, dass ein Grossteil der Kinder mit einer ADHS von Stimulanzien gut profitieren konnte. Zusammenfassend kann man sagen, dass rechtzeitig eingeleitete und wirksame medikamentöse Therapien gegen die ADHS die wahrscheinlich wirkungsvollste Massnahme gegen sekundäre Fehlentwicklungen wie Suchterkrankungen darstellen.




Warum überhaupt Medikamente in der Behandlung der ADHS?

Warum hat vor allem die medikamentöse Therapie einen so grossen Stellenwert bei der Behandlung und Suchtprävention von Kindern mit einer ADHS? Ist das denn nicht ein Widerspruch in sich? Nun, um diese Frage beantworten zu können, muss man sich in einem ersten Schritt die „Anatomie“ der ADHS vor Augen führen:

Gemäss dem aktuellen Stand der Erforschung dieses Syndroms besteht das Kernmerkmal der ADHS in einer neurochemisch bedingten Schwäche der Hemmfunktionen unseres Gehirns. Forscher gehen heute davon aus, dass bei der ADHS bestimmte Nervenzellen untereinander nicht genügend aktiv kommunizieren. Dieser Mangel an neuronaler Aktivität betrifft genau diejenigen Hirnfunktionen, welche im Normalfall flexibel die von aussen auf uns eintreffenden Reize filtern, dann sortieren und schliesslich für eine angemessene emotionale und verhaltensbezogene Reaktion auf diese Reize sorgen.

Eine Schwäche dieser Hemmfunktionen führt zu den bekannten Verhaltensproblemen bezüglich Selbststeuerung sowie Impuls- und Aufmerksamkeitskontrolle mit allen bekannten negativen Auswirkungen im Lern- und Sozialverhalten. Eltern von Kindern mit einer ADHS kennen es bestens: Die Kinder können nicht warten, bis sie an der Reihe sind, sie platzen in Gespräche, geben Antworten, bevor die Frage zu Ende gestellt ist, sind schnell auf 220 und zeigen einen impulsiv-flüchtigen Arbeitsstil. Der bekannte amerikanische ADHS-Forscher Russel Barkley definiert die ADHS nicht umsonst als Entwicklungsstörung der Selbstbeherrschung.

Die ADHS-typische zerebrale Hemmschwäche reduziert aber nicht nur die Impulskontrolle, sondern auch die Reizverarbeitung: Bei ADHS-Menschen funktioniert die Reizempfänglichkeit viel zu gut. Ja, ihrer zerebralen Filterschwäche wegen nehmen sie vor allem beiläufig zu viel auf währendem sie bei der fokussierten Aufmerksamkeit grosse Mühe bekunden. Das erklärt, warum im Alltag schon kleine Geräusche eine Orientierungsreaktion auslösen können.

 

Nehmen wir als Beispiel Jürg beim Hausaufgaben lösen: Kaum hat er sich hingesetzt, schwenkt seine Aufmerksamkeit fast reflexartig von der vor ihm liegenden Liste der zu lernenden Französisch-Vokabeln auf den Rasenmäher des Nachbarn. Von diesem wandert Jürgs Aufmerksamkeit zu dessen bellendem Hund, dann wieder zurück in Richtung des eigenen Handgelenks, schliesslich auf die Uhrzeiger. Von da gehen die Signale via Augen in den Kopf, hin zu dem Gedanken, dass es jetzt wohl Zeit für die Simpsons ist. Schnell richtet sich die Aufmerksamkeit dann auf die Bauchgegend, gleichzeitig auf das sich vor seinem inneren Auge aufbauende Bild des Kühlschranks. Und schon stürzt sich Sven die Treppe hinunter und stürmt Richtung Kühlschrank und dann vor den TV.

Die Reizoffenheit bei ADHS-Betroffenen erklärt nicht nur deren Ablenkbarkeit, sondern auch, wieso sie gelegentlich dermassen sensibel sein können, dass sie sich zurückziehen oder dass sie, wenn man etwas von ihnen will, sie als erstes Nein! rufen, um in der Reizflut nicht unterzugehen. Die ADHS-typische Reizoffenheit erklärt auch, wieso diese Kids durch Stimmungen, welche andere verbreiten oder durch eigene Gefühle so leicht beeinflussbar sind. Sie regen sich auf, lassen sich irritieren und werden in Gedanken gefangen genommen und lassen sich schliesslich selbst von Kleinigkeiten oder Details ablenken, welche von anderen manchmal kaum wahrgenommen werden.



Superempfindlichkeit

Bei der ADHS führen die zu grosse Reizoffenheit und die Hemmschwäche gegenüber inneren Empfindungen zu einer generell übersteigerten Empfindlichkeit. Das zeigt sich nicht nur beim Essen oder bei der Wahl, wer zu einem passt und wer nicht. Oft reichen eine Grimasse der Schwester oder die Geräusche des Besteckes beim Essen, um sich gestört zu fühlen und einen Streit vom Zaun zu brechen. Kinder mit einer ADHS sind wegen eben dieser zerebralen Filterschwäche viel leichter provozierbar als andere Kinder. Und weil die Impulskontrolle ADHS-bedingt nicht richtig funktioniert, können sie sich auch viel schneller und verbissener in einen Streit hineinsteigern.

Bei der ADHS sind diejenigen Hirnregionen, welche die innere Bremse, das verhaltensbezogene und emotionale Reagieren auf Reize sowie den Reizfilterschutz regulieren, zu wenig aktiv. Aber – und das ist zentral – nicht immer und nicht durchgehend: Begeben sich nämlich ADHS-Betroffene in für sie neue, frische, interessante oder anregende Situationen, dann vermögen sie sich oft erstaunlich gut zu konzentrieren, zusammenzureissen und Geduld zu zeigen. Die Brems- und Filtersysteme im Gehirn von ADHS-Betroffenen funktionieren unglücklicherweise nur dann gut, wenn diese Hirnregionen zusätzlich von aussen oder von innen angeregt und stimuliert werden. Dann erst normalisiert sich der Hirnstoffwechsel für kurze Zeit und dann erst vermögen sich ADHS-Betroffene einigermassen gut zu konzentrieren, sind nicht von jeder Kleinigkeit irritiert und abgelenkt und können auch eine weniger interessante Sache durchziehen. Durch ein sie interessierendes Thema oder während einer subjektiv spannenden Tätigkeit werden sie neuronal stimuliert und vermögen oftmals erstaunlich viel Aufmerksamkeit und Durchhaltewillen aufzubringen. Bei sich wiederholenden, monotonen und damit stimulationsarmen Tätigkeiten hingegen klinken sie aus, schalten ab und suchen nicht selten buchstäblich das Weite.

Lernen gehört bekanntlich zu den sich wiederholenden Handlungen. Wir kennen das zur Genüge: Kinder mit einer ADHS lernen etwas entweder sofort, wenn es also neu und frisch ist, oder gar nicht oder nur mit unendlichem Krampf und Kampf. Andererseits stellen Eltern immer wieder mit Erstaunen und Unverständnis fest, dass ihre Kinder stundenlang und mit grösster Konzentration mit PC-Games oder mit dem Gameboy verbringen können. „Wieso?“ fragen mich immer wieder Eltern, „Wieso schaffen sie das denn nicht auch beim Erledigen der Danke für diese Infos!Hausaufgaben oder bei Vorbereitungen auf eine Prüfung?“ Und: „Heisst das nicht doch, dass sie in Wirklichkeit einfach nicht wollen und zu faul sind?“ Nein. Bei stimulationsarmen Tätigkeiten und in der Alltagsroutine können ADHS-Betroffene weder bei der Sache bleiben noch vermögen sie sich nichtaltersentsprechend zu beherrschen.




Kann es nicht oder will es nicht?

Wie oft höre ich von Kindern, dass sie sich schon Mühe geben, dass es aber einfach nicht geht. Die Mutter der dreizehnjährigen und sehr impulsiven Corinne mit einer ADHS überreichte mir vor etwa einem halben Jahr anlässlich der Erstkonsultation ein dickes, gelbes Aktencouvert. Es enthielt Dutzende von Entschuldigungsbriefchen. Immer und immer wieder entschuldigt sich Corinne darin für ihr Ausrasten, ihre Faulheit und ihre Vergesslichkeit und verspricht in diesen mit Mustern und Tränentropfen verzehrten Briefchen, dass sie sich mehr Mühe geben wolle, die Aufgaben vollständig zu erledigen, dass sie sich zusammenreisse, nichts mehr zu verlieren und zu vergessen, dass sie in der Schule nicht mehr so frech zu den Lehrern sein werde und auch daheim sich mehr Mühe geben wolle. Immer wieder heisst es darin auch, dass ihr ja sowieso niemand glaube, dass sie das alles nicht absichtlich mache. Will Corinne nun nicht oder kann sie nicht?

 

Absinken des Dopaminspiegels

ADHS-Forscher/-innen konnten nachweisen, dass bei ADHS-Betroffenen aus wahrscheinlich genetischen Gründen der Nervenbotenstoff Dopamin zu schnell abgebaut wird. Ein Absinken des Dopaminspiegels führt bei Menschen unter anderem zu Ruhelosigkeit, zu Schwierigkeiten bei der Daueraufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitsfokussierung.

Beim Spielen mit der X-Box, am Gameboy oder mit Handy-Spielen erhalten die Kinder vom Computer sofort Rückmeldung darüber, ob ihr Spielverhalten richtig oder falsch war. Diese schnellen Feedbacks verhelfen den Kindern mit einer ADHS damit quasi zu einer Art Therapie gegen den ADHS-typischen tiefen Dopaminspiegel. Durch die mit diesen schnellen Rückmeldungen verbundene Stimulation schaffen sie es schliesslich, an diesen Tätigkeiten so lange dranbleiben zu können. Dies oftmals so eindrücklich intensiv, hoch konzentriert und verbissen, dass Eltern gelegentlich nicht umhin kommen, sich zu fragen, ob denn das nicht selbst schon ein Suchtverhalten darstellt.

Also: Wenn die Rückmeldungen sofort kommen, klappt es; sich aber portionenweise auf eine zeitlich entfernte Prüfung vorzubereiten, ist diesen Kindern oft unmöglich.

ADHS-Betroffene fürchten vor allem monotone und reizarme Routinesituationen. In dieser Leere werden diese Menschen schnell unruhig und gereizt. Sie können sich nicht mehr konzentrieren, Impulse brechen durch, innere Bedürfnisse melden sich ungebremst („Jetzt muss ich etwas essen!“) und die Gedanken beginnen zu wandern. Sie verreisen in Gedanken, träumen vor sich hin, sehen zum Fenster hinaus oder versuchen, sich durch innere Bilder, Fantasien oder Selbstgespräche stimulierende Anregungen zu verschaffen. Oder sie beginnen die Schwester zu sticheln, die Mutter zu reizen oder den Lehrer zu provozieren. ADHS-Betroffene versuchen somit wo immer nur möglich den durch den Stimulationsmangel erzeugten quälenden inneren Zustand zu umgehen. Oder sie durchbrechen dieses subjektiv unerträgliche Vakuum durch Selbst- oder Fremdstimulation. Dazu zählen nicht nur das Gamen am PC, sondern wie gesagt auch:

  • mental stimulierendes Gedankenabschweifen
  • Action machen im Schulunterricht
  • mit den Geschwistern streiten
  • beim Lernen daheim vom Schreibtisch aufzustehen und in die Küche gehen, um Schokolade zu holen oder einen Liter Coca Cola hinunterzuschütten

Diese selbststimulierenden Handlungen bewirken einen kurzzeitigen Anstieg des Dopaminspiegels in den Belohnungszentren des Gehirns. Dies führt dann für einen Moment lang zu einem guten Gefühl und zu einer kurzzeitigen Normalisierung der Selbstregulation.

 

Eines der Gene, welches wahrscheinlich an der Vererbung der ADHS massgeblich beteiligt ist, steht denn auch im Zusammenhang mit einer Persönlichkeitseigenschaft, die als „novelty seeking“, als triebhafte Suche nach Neuem, bezeichnet wird. ADHS-Menschen sind innerlich oder äusserlich (oder beides) immer auf der Suche nach dem Kick, nach Stimulation und nach Abwechslung. Wenn man das Problemverhalten von ADHS-Menschen verstehen will, muss man sich immer bewusst sein, dass ihr innerer Kompass sie immer in Richtung kurzzeitigem Stimulationsgewinn lenkt – und damit ablenkt. Das ist so wichtig, dass ich diesen Satz wiederhole:

Merke: Wenn man das Problemverhalten von ADHS-Menschen verstehen will, muss man sich immer bewusst sein, dass ihr innerer Kompass sie immer in Richtung kurzzeitigem Stimulationsgewinn (ab-) lenkt.

ADHS-Betroffene hungern buchstäblich nach Stimulation. Ursache ist der elementare Mangel an neuronaler Aktivität in Hirnregionen, welche für die Regulation der Selbststeuerung und der Aufmerksamkeitsfunktionen verantwortlich sind. Ständig suchen sie nach Abwechslung, nach Neuem und Frischem. Ihr Hunger nach Stimulation lässt sie ablenkbar werden durch die sie unmittelbar umgebenden stimulierenden Spassmacher oder Spassmachergedanken.

Leider verpuffen die Reize des Neuen allzu schnell, so dass sich aus diesem Stimulationshunger nicht selten eine süchtige Suche nach dem Kick des Neuen entwickelt. Musikinstrumente, Hobbies, Freunde, Idole, Jobs und Interessen wechseln ADHS-Betroffene oft schneller als ihr eigenes Hemd. Für Spass (= Stimulation) lassen sie sich von allem und jedem vom eigenen Kurs abbringen.

Erwachsene mit einem unbehandelten ADHS gehen oftmals in einem reinen Zickzack-Kurs durchs ganze Leben. Wie die Kinder vermögen sie es nicht, lange genug an einer Ausbildung, einer Stelle oder einer anderen Sache dranzubleiben. Und lange genug würde halt heissen, dass sie so viel Sitzleder haben, um sich beispielsweise beruflich so gut zu profilieren, dass ihnen Arbeit und Beruf schliesslich so viel an Befriedigung und Identität bringen, dass berufliche Tätigkeit und Stimulationshunger verschmelzen. Einigen Sportlerinnen und Sportlern und Künstlerinnen und Künstlern mit einer ADHS scheint dies gelegentlich zu gelingen.

Anstrengungsvermeidungshaltung?

Eltern und Lehrer gewinnen oftmals den Eindruck, es fehle dem zerstreuten Kind mit einer ADHS an Motivation oder es wisse nicht, was es wolle. In den Berichten der Schulpsychologen heisst es dann, der Schüler sei verwöhnt und zeige eine Anstrengungsvermeidungshaltung. Dabei ist es bei unbehandelten Kindern mit einer ADHS ein purer Stimulationsmangel, der sie meist ganz automatisch nach etwas Stimulierendem Ausschau halten lässt und in der Folge dazu führt, dass das Kind sich ablenkt und unkonzentriert ist.



Lernstörungen als Folge der ADHS

Bedingt durch ihre ADHS-Symptome haben alle un- oder falsch behandelten Kinder mit einer ADHS Probleme mit dem Lernen. Sie haben keine Geduld, können sich beim Hausaufgabenerledigen nicht lange genug hinsetzen und können – wenn es für sie monoton und damit stimulationsarm wird – der Lehrkraft nicht lange zuzuhören. Sie sind Minimalisten und werden wegen den ausbleibenden Erfolgen in Sachen Schule immer mehr entmutigt. Un- oder falsch behandelte Kinder und Jugendliche mit einer ADHS können also ihr geistiges Potenzial und ihre Begabungen gar nicht entfalten oder ausleben. Sie haben nie den schulischen und später den beruflichen Erfolg, der ihnen eigentlich zustehen würde. Schulische Erfolge aber sind die wichtigste Quelle für die Seelennahrung von Kindern und Jugendlichen. Und diese stimulierende Quelle können unbehandelte Kinder mit einer ADHS nicht anzapfen. Dazu kommen der persönliche Frust, die eigene Verzweiflung und manchmal auch zehrende Schuldgefühle, weil diese Kinder krankheitsbedingt die eigenen und die Erwartungen der Eltern nicht erfüllen können. Sie entwickeln ein schlechtes persönliches und schulisches Selbstwertgefühl und schreiten meistens schlecht ausgerüstet in Richtung Pubertät.

Kritische Hürde Pubertät

Wird bei Kindern die ADHS nicht erkannt, nicht oder nicht richtig behandelt, stehen sie in der Pubertät vor sehr kritischen Hürden. Auf der einen Seite haben diese Jugendlichen ADHS-typisch grösste Mühe, sich selbst zu organisieren, die eigenen Emotionen und die soziale Anpassung zu regulieren: In wichtigen Lebensbereichen sind sie deutlich unselbstständiger als Gleichaltrige. Sie können sich nicht an Vorsätze halten, wirken daher unzuverlässig, können Lernvorhaben nicht umsetzen, sind chaotisch mit den Schulsachen und leben und lernen sehr viel ausgeprägter als andere Kinder nach dem Lustprinzip. Und das trotz aller Ermahnungen, Belohnungen der Eltern. Auf der anderen Seite suchen sie zunehmend ihre Freiheit, sich selbst und ihre Grenzen.

Zwischen der Tatsache, dass ADHS-Jugendliche wegen ihrem Selbststeuerungsdefizit eigentlich weiterhin viel an Strukturen und Aussensteuerung benötigen würden und ihrem zunehmenden und auch legitimen Bedürfnis nach mehr Autonomie kann mit Eintreten in die Pubertät ein grundlegender Konflikt mit einem riesigen Spannungspotenzial entstehen. Kämpfe durch stark polarisierende Bewertungsmuster und provokatives Verhalten sowie die Folgen der Neigung, Anerkennung und Aufmerksamkeit im Freundeskreis durch extremes Verhalten zu erhalten, führen häufig zu ganz massiven Belastungen in Familie, Schule oder Ausbildung.

 

Kinder und Jugendliche mit einer ADHS, aber auch betroffene Erwachsene, können bekanntlich infolge ihrer Aufmerksamkeitsschwächen oft nicht zuhören: Vieles bekommen sie gar nicht erst mit. Und das etwa nicht nur in der Schule, nein, sie überhören oder haben vergessen, dass die Schwester gestern abgewaschen hat und es durchaus korrekt wäre, dass sie heute dran sind. Oder sie vergessen eine bei der letzten Familienkonferenz vereinbarte Abmachung und behaupten in vollster Überzeugung, dass dies nie so gesagt worden sei. Weil sie es oft echt nicht mehr wissen und ihnen das niemand glaubt, fangen sie an, sich zu verteidigen und zu kämpfen (deswegen: Abmachungen und Regeln immer aufschreiben und sichtbar für alle aufhängen!). In Kombination mit ihrem oft extremen Gerechtigkeitsempfinden kann das zu verbissensten Streitereien und zu verwegensten pubertären Aktionen führen.




Kinder mit einer ADHS haben es viel schwerer als andere, den eigenen Anteil an einem Konflikt wahrzunehmen. Das liegt an ihren eingeschränkten Fähigkeiten, flexibel genug den Aufmerksamkeitsfokus wechseln zu können. Weil sie die Welt meistens nur aus ihrer Perspektive wahrnehmen, fühlen sie sich im Streit oft nur noch als Opfer und immer nur als derjenige, welcher den Ungerechtigkeiten der anderen ausgeliefert ist. Sich selbst – quasi aus Danke für diese Infos!der Sicht des anderen – können sie wegen der mangelnden Flexibilität der Aufmerksamkeit nicht oder nicht ausreichend gut wahrnehmen. Bei allem verteidigen sie sich, legen sich mit der Schwester an, dem Vater, der Lehrerin, später mit dem Lehrmeister, dem Chef oder der Lebenspartnerin. Weil die Aufmerksamkeitsfunktionen nicht gut genug entwickelt sind, gehen sie immer nur von sich selbst aus, verbeissen sich allzu leicht in oppositionelles Trotzverhalten und können manchmal ein Leben lang egozentrisch und trotzig bleiben.

Es ist fatal: Aber genau dieses mit Auflehnung, Trotz und Opposition verbundene Verhalten und Erleben kann ein unbehandeltes ADHS-Hirn gefährlich gut stimulieren! Und das ist verlockend. Dazu zählt auch der Kick, den einige Mädchen oder junge Frauen mit einer ADHS erleben können, wenn sie das mächtige Gefühl entdecken, dem Hunger widerstehen zu können. Magersucht und ADHS gehen oftmals gemeinsam einher, sodass Mädchen mit einer therapieresistenten Anorexie unbedingt auch auf eine mögliche ADHS abgeklärt werden sollten.

Suche nach Stimulationsersatz

Der oben beschriebene Mangel an Seelennahrung und persönlicher Befriedigung kann dazu führen, dass ADHS-Jugendliche sich anderen stimulierenden Dingen oder Tätigkeiten zuwenden: Irgendwie müssen sie sich ja selbst spüren und brauchen ein Feld, um sich selbst als autonome Person erleben und identifizieren zu können. Ganz besonders geeignet ist dazu leider alles Spezielle, Verbotene und Riskante: Klauen, rauchen, kiffen, zündeln, sich volllaufen zu lassen, Computerviren bauen, mit Skates ohne Helm eine steile Strasse hinunter flitzen, um Geld spielen, mit Unkrautvertilger Sprengkörper basteln, sich die Arme aufritzen, „Pillen schmeissen“ oder Kollegen besuchen, von denen die Eltern ihnen sagten, sie sollen sie besser meiden.

Unheilvoll ist schliesslich, dass auch die pharmakologischen Wirkungen einiger Drogen bestens geeignet sind, das zu schwache Dopaminsystem zu aktivieren: Einige Drogen vermögen kurzzeitig das Minus an neuronaler Aktivität im Frontalhirnbereich von ADHS-Betroffenen auszugleichen. Das gilt für alle stimulierenden Drogen wie zum Beispiel Tabak, Speed und Kokain. Und mit beruhigenden Drogen wie Alkohol und Cannabis versuchen diese Jugendlichen dann andererseits, die innere Unruhe, den oft riesengrossen Frust, die Schamgefühle und die Versagensängste zu dämpfen. Gerade Cannabis wird von sehr vielen ADHS-Betroffenen im Sinne einer Selbstmedikation als Mittel eingesetzt, um ihr ruheloses ADHS-Gehirn zu dämpfen. Die Folgen können verheerend sein.

Dass mit einer rechtzeitigen und fachgerechten medikamentösen und psychologischen Therapie dazu beigetragen werden kann, schlimme Folgeerkrankungen der ADHS – wie eben zum Beispiel Drogensucht – zu vermeiden, leuchtet allen spontan ein, die um die neurochemischen Besonderheiten der ADHS wissen. Die Frage, warum wie eingangs behauptet, die medikamentöse Therapie einen so zentralen Stellenwert bei der Behandlung und Suchtprävention von Kindern mit einer ADHS hat, kann nun beantwortet werden: Die bei der ADHS in vielen Fällen wirksamen Medikamente heissen nicht umsonst Stimulanzien: Sie stimulieren und aktivieren Teile des Gehirns und können während ihrer Wirkdauer dazu beitragen, dem neurochemischen Ungleichgewicht (vor allem bezüglich der Verfügbarkeit des Nervenbotenstoffes Dopamin) entgegenzuwirken.

Die mit Stimulanzien behandelten Patientinnen und Patienten vermögen dann auch in weniger stimulierenden Situationen besser bei der Sache zu bleiben, es gelingt ihnen vermehrt zu denken, bevor sie handeln, sie sind emotional ausgeglichener und sie sind auch dann aufmerksamer, wenn in der Schule einmal ein weniger interessantes Thema behandelt wird. Ihr innerer Kompass wird dann nicht mehr ständig durch den Stimulationshunger fehl gelenkt, sondern wird ausgerichtet durch die wahren Interessen, Neigungen und Begabungen eines Kindes.

 

Was können Eltern tun …

… um das Suchtrisiko ihrer Kinder mit einer ADHS zu begrenzen?
Stellen Sie möglichst frühzeitig (also immer vor Beginn der Pubertät) sicher, dass eine Behandlung Ihres Kindes erstens erfolgt und zweitens ausreichend wirksam ist. Die möglichen Folgen einer un- oder falsch behandelten ADHS sind viel zu ernst, um mit therapeutischen Experimenten, deren Wirksamkeit bei der ADHS wissenschaftlich nie belegt wurden oder gar mit gesundheitlichen Risiken eingehen, die wertvolle Zeit zu vertun.

  • Wenn Verhaltensprobleme trotz optimaler Therapiemassnahmen fortbestehen, sollte abgeklärt werden, ob zusätzlich nicht allenfalls eine neurologische Erkrankung, Teilleistungs- oder andere neuropsychologische oder psychische Störungen vorliegen.
  • Berücksichtigen Sie, dass Forschung und klinische Erfahrung in den psychologischen Wissenschaften und der Medizin laufend unsere Kenntnisse erweitern. Dies gilt auch für die Ursachenforschung und Behandlung der ADHS. Nicht nur für Fachpersonen, sondern auch für Eltern gilt der Rat, ihr Wissen über therapeutische Möglichkeiten aktuell zu halten.
  • Geben Sie nicht auf, wenn Sie das Gefühl haben, dass es mit der Therapie Ihres ADHS-Kindes noch nicht „stimmt“: Klären Sie mit der Ärztin oder dem Arzt ab, ob die mit den Therapien gegebenen Möglichkeiten wirklich schon ausgeschöpft sind.
  • Auch wenn eine Behandlung mit Medikamenten in vielen Fällen die Basistherapie darstellt, so sind doch in den meisten Fällen im Sinne einer multimodalen Therapie zusätzliche psychotherapeutische und andere Massnahmen (z. B. Elterntraining) erforderlich. Und wenn begleitend zu einer ADHS eine Störung des Sozialverhaltens vorliegt, sind fast zwingend verhaltenstherapeutische Massnahmen angezeigt.
  • Trinkt Ihr ADHS-Kind bereits längere Zeit Alkohol, kifft es immer wieder oder konsumiert es andere illegale Drogen, so sollten Sie in Absprache mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin eine in Sachen ADHS kompetente Drogenberatungsstelle aufsuchen und sich dort beraten lassen.

Auch wenn die Probleme noch so gross und erdrückend sind: Verlieren Sie nicht den Glauben an Ihr Kind! Stehen Sie zu ihm, auch wenn es Sie zurückweist. Und glauben Sie niemandem, der Ihnen rät, Sie sollten Ihr Kind langsam aber sicher loslassen, es würde sonst in seiner Autonomieentwicklung Schaden nehmen. Eine Mutter spürt selbst ganz genau, wann die Zeit reif ist, das eigene Kind los- und schrittweise sich selbst zu überlassen.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


Ist dieser Beitrag lesenswert? Ja oder nein?

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi