Immer nur Ritalin? Ist die Medikation bei ADHS in der Schweiz noch zeitgemäss?

Frage: Meinen Beobachtungen zufolge dominiert in der Schweiz immer noch die Mono-Pharmakotherapie mit Methylphenidat. Demgegenüber kommt besonders in den USA eine deutlich vielfältigere Auswahl an Wirkstoffen zum Einsatz, etwa nichtkompetitive NMDA-Antagonisten, a2-Agonisten, MAO-Hemmer und natürlich NRI. Nicht selten werden diese gar kombiniert: So habe ich schon Anekdoten über (ärztlich verordnete) Kombinationen wie Lisdexamfetamin, Guanfacin, Memantin und Tianeptin oder Phenelzin und Reboxetin gesehen – offenbar mit sehr guten und dauerhaften Resultaten. „Immer nur Ritalin? Ist die Medikation bei ADHS in der Schweiz noch zeitgemäss?“ weiterlesen

Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann?

Hallo Herr Rossi! Haben Sie gestern die Sendung „Leben mit ADHS“ im Schweizer Fernsehen gesehen? Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann? Seine Geschichte hat mich sehr bewegt. Mit freundlichen Grüssen A. F.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Ja, ich habe diese DOK-Sendung gesehen. Informationen zu diesem Film gibt es hier.

Auch mich hat es traurig gemacht zu sehen, dass dieser vife Junge immer wieder so deftige Rückschläge erleiden muss. „Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann?“ weiterlesen

Flipperkugeln und Störgeräusche | Persönlicher Bericht von Katrin Andrist

Ein persönlicher Erfahrungsbericht über ADHS & Kreativität

Zuerst möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin Katrin Andrist, Mutter zweier Kinder, Lehrerin und Autorin.

Um es kurz zu machen, das bin ich:

 

Katrin Andrist ohne Therapie, sprich ohne Medikation

Mit bin ich kein anderer Mensch. Ich stehe nicht plötzlich geduldig an der Supermarktkasse, werde lethargisch und antriebslos. Aber die Lunte ist länger und den Energiestecker kann ich auch mal herausziehen am Abend.

Was ADHS ist, darauf muss und möchte ich nicht mehr im Detail eingehen, nur wo es mir im Zusammenhang mit der Kreativität nötig erscheint. Aber genauer darlegen muss ich, was ich unter Kreativität verstehe.

Kreativität ist nicht nur ein Funken

Kreativität ist für mich die Fähigkeit, ungewohnte Gedanken so miteinander zu verknüpfen, dass etwas Neues entsteht.

Kreativ bin ich, wenn ich den ausgetrampelten Pfad verlasse, mir selbst einen Weg durchs Dickicht suche. Dazu muss ich mögliche Durchgänge erkennen, sehen, dass man sich zwischen den beiden Dornenbüschen durchhangeln kann oder dass unter der Laubdecke ein Matschloch ist und ich lieber nicht darauf treten sollte.

Ich verlasse den gewohnten Weg auch auf die Gefahr hin, mich zu exponieren, nicht mit der Masse zu schwimmen. Aber massentauglich bin ich als ADHSler sowieso eher selten, da zu laut, zu schnell, zu ungeduldig zu, zu, zu….

Kreativität ist für mich weiter die Fähigkeit, wenn mir ein Fluss den Weg abschneidet, aus dem Schwemmholz am Ufer eine Brücke zu bauen. Eine kreative Lösung suchen. Schauen was da ist und damit etwas zu machen.

Kreativität zeigt sich nicht nur im künstlerischen Schaffen. Auch der Alltag mit einem ADHS-Kind verlangt neben den klaren Strukturen und Vorgaben dauernd nach kreativen Lösungen. Die Regeln genügend zu adaptieren, damit sie greifen, aber nicht zu viel, um Unruhe zu vermeiden.




Nicht nur mir, sondern vielen ADHSlern ist eine gewisse Abneigung gegen „leere Regeln“ gemeinsam. Unter „leeren Regeln“ verstehe ich Einschränkungen, die für mich nicht nachvollziehbar sind. Die Hauptbegründung lautet jeweils: Weil man es so macht. Dieses Infragestellen gesetzter Regeln und Normen ist die Grundvoraussetzung zum Verlassen des Trampelpfades. Solange ich überzeugt bin, dass das Dickicht gefährlich ist und ich mich nur auf dem Pfad bewegen darf, sehe ich auch nichts Neues.

Und als letzter Punkt ist Kreativität für mich, nicht nur tausend Ideen zu haben, die mir im Kopf explodieren, sondern auch etwas daraus zu machen. Wer tausend Ideen für ein Buch im Kopf hat, der wird nie eines schreiben und so sehr er sich wünscht, Autor zu sein, nie dazu kommen. Irrelevant hingegen ist, ob das Buch dann verlegt wird, das Bild ausgestellt, das Werk bewundert. Nicht für den Künstler, aber für die Kreativität.

Kreativer Prozess

Für mich persönlich gliedert sich ein kreativer Prozess also in:

  1. neugierige Wahrnehmung jenseits von Interpretationsmustern
  2. ungewohnte Verknüpfungen und Lösungen
  3. den ausgetrampelten Pfad verlassen / evt. gegen Regeln verstossen
  4. eine Idee soweit verfolgen, dass sie sich materialisiert

Meine POS-Diagnose

Diese erhielt ich mit 6 Jahren und bin wohl die einzige aus meiner Heilpädagogischen Sonderschule, in der ich die erste bis dritte Klasse verbracht habe, die einen Hochschulabschluss hat. Ich bekam während der ersten Schuljahre Ritalin, bis ich in die öffentliche Schule eingeschult wurde, machte dann als Jugendliche die sogenannte „Phosphat“-Diät. Daneben und dazwischen habe ich so alles Mögliche gemacht, was man so macht, bevor man das schlimme Medikament nimmt.

Von allen Arten von Therapien über Tai Chi bis zu Pulver und Duftölen hangelte ich mich durch. Ich liess mich dann als erwachsene Mutter mit 37 Jahren noch einmal diagnostizieren und nehme seit dieser Zeit Medikamente.

Wenn es um ADHS und Kreativität geht, kenne ich also den Unterschied, mit Medikation und ohne Medikation kreativ tätig zu sein. Und genau darauf möchte ich weiter eingehen. Oft wird Ritalin ja als Kreativitäts-Killer beschrieben. Ein Argument das ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann. Etwa bis 45° Grad, was nicht viel ist, da es für das ganze Panorama immer noch 360° Grad braucht.




Von der Idee zum Werk

Am Anfang steht die Wahrnehmung. Damit ich etwas Ungewohntes verknüpfen kann, muss ich die Umwelt zuerst wahrnehmen.

Da ich als ADHSler viel reizoffener bin als andere, nehme ich automatisch mehr wahr, bzw. stürzen mehr Eindrücke auf mich ein. Ich nehme gleichzeitig den draussen vorbeirauschenden Verkehr, den übers Papier kratzende Stift, ein Räuspern, die Reflexion des Sonnenlichts auf dem Metallvorsprung am Büchergestell und den muffigen Gestank meiner Laufschuhe, das Gezwitscher des Vogels wahr.




Aber nicht nur die Wahrnehmung dessen, was von aussen auf mich zustürmt ist erschlagend, auch innen stürmen gleichzeitig alle Eindrücke auf mich ein.

Dazu gehört auch, dass tausend Ideen gleichzeitig wichtig sind. Wie ich mich gerade jetzt beim schreiben dieses Textes entscheiden muss, ob ich das Symptompiktogramm so stehen lasse oder vielleicht doch noch ein anders Bild für die überbordende Ideenflut niederschreiben sollte. Wie wär es mit dem Vergleich mit der unkontrolliert rumspickenden Flipper-Kugel? Oder vielleicht den Unterschied zwischen Kugelmikrophon und Richtmikrophon?


W. Beerwerth: Das kreative Chaos


Wühltisch

Der Wühltisch beim Ausverkauf oder doch eher die explodierenden 1-August-Heuler? Oder der Stein, der in den Teich fällt und Wellenkreise zieht, die die Kiesel am Rand überrollen, einen Forsch erschrecken, der sich doch grad eine Fliege schnappen wollte und den Boden aufwühlt, so dass die Sicht trübe wird.  Ach, hat mir nicht heute ein Schüler erzählt, dass Garnelen sich im Wasser auflösen können? Blubbert das dann? Wie eine Badebombe. So Ideen-Geblubber. Luftblasen-Einfälle. Ich glaube, ich habe mich grad im Dickicht verirrt. Können sie mir noch folgen?

Ohne Medikament existieren alle Einfälle gleichzeitig und gleichwertig nebeneinander. Alle haben unbedingt Priorität, alle sind originell, wichtig, gar einzigartig. Den Unterschied der Ideenfindung mit und ohne Medikation sieht man in nebenstehendem Piktogramm.

Ich kann entschieden, welchen Einfall ich verfolge. Ich kann Einfälle ausblenden, die mir nicht passend scheinen und auf einzelne fokussieren, ohne dass sich die anderen zu Wort melden und mich ablenken. Ich bin handlungsfähig. Und zwar ziemlich unangestrengt. Ohne 1000 Post-Its, Mindmaps mit Farben und viele andere Hilfen (gleichzeitig versteht sich, und nie ganz zu Ende angewandt).

Natürlich kann man hier sagen, die Kreativität ist gekillt, weil nicht alle 1000 Ideen, die mir durch den Kopf wirbeln, auch aufs Papier kommen. Aber ein wesentlicher Prozess in der Arbeit von der Idee zu einem Werk ist das Auswählen und Gewichten. Und das Verharren im ungefilterten Brainstorm-Modus lähmt ungemein.

Und Achtung! Hier kommt der Mikrophon-Vergleich: Ein Druckmikrophon in Form einer Kugel nimmt alle Geräusche auf, die es umgeben. Ein Richtmikrophon kann man auf eine gewisse Geräuschquelle richten. Man trifft also eine Auswahl. Nur weil das Druckmikrophon mehr Geräusche aufnimmt, gibt das noch lange nicht die schönere Symphonie.




Ich muss mich also zwingend für eine Richtung entscheiden, die ich verfolgen will. Lande ich in einer Sackgasse, kann ich eine andere wählen. Ich muss mich für eine Himmelsrichtung entschieden, wenn ich den Trampelpfad verlassen will.

Wenn von ADHS-Medikamenten gesprochen wird, wird oft von der Filterfunktion gesprochen, den diese Medikamente ausführen. Sie helfen mir zu Filtern, mich für eine Idee zu entscheiden. Sie helfen mir aber auch davor, mich vor Eindrücken zu schützen. Seien das die Kleider, die ich sonst dauernd den ganzen Tag an der Haut schabend spüre, sei es Kritik von aussen.

Ich kann so unbeirrter meinen Weg fortsetzen und ritze ich mir im Dickicht den Arm an einem Dornengestrüpp auf, so weiss ich trotzdem, dass ich weitergehen will und dass ich mich nicht aufgeritzt habe, weil hinter mir jemand vom Pfad ruft: Siehst du? Geh doch nicht! Ist viel zu gefährlich! Das macht man nicht!

Naturromatisch

Es wird gern behauptet, ADHS würde sich als Diagnose erübrigen, wenn die Umwelt, die Gesellschaft anders wären. Gewisse Experten postulieren in einer naturromantischen Art, dass einzig ein Aufenthalt auf einer Alp mit viel frischer Luft die Symptome zum Verschwinden bringen könnte. Ich finde das fast anrührend, wäre es nicht so gefährlich. Natürlich beeinflusst die Umwelt die Symptomatik. Genauso wie ein cholerischer Patient mit erhöhtem Blutdruck keinen Chef haben sollte, der ihn enorm unter Druck setzt.

Aber auf der Alp hat er immer noch erhöhten Blutdruck und Stress kommt nicht nur von aussen. Ein ADHSler auf der Alp ist zwar weniger den äusseren Ablenkungen ausgesetzt, die innere Unruhe besteht aber weiter. Unterstützende Massnahmen, die meistens besonders in den ersten drei Wochen wirken, sollten nicht mit einer umfassenden Therapie verwechselt werden. Generell bin ich skeptisch bei einfachen Lösungen auf komplexe Probleme.

Sich mit meinem kreativen Werk oder auch mit diesem Artikel hier einer gewissen Kritik auszusetzen ist einfacher, wenn ich die Reaktionen, die Eindrücke, die auf mich zu kommen, sortieren kann.

Natürlich könnte ich es auch einfach lassen, diesen Artikel zu schreiben. Sollte man vielleicht nicht, so persönlich. Wobei…

Nein. Kann ich nicht. Ich pass mich ja nicht so gern an.




Eine Idee soweit zu verfolgen, dass sie sich materialisiert, kann sehr mühsam sein.  Bei einem Gedicht nicht so sehr. Bei einem Piktogramm inzwischen auch nicht, da ich meine Bildsprache bereits gefunden habe. Bei einem Roman ist ein langer Atem unabdingbar. Ein Gedicht ist ein Sprint, ein Roman ein Marathon. Auf kurzer Strecke verirre ich mich weniger, da reicht ein Funke, eine Initialzündung und eine kleine Flamme und das Resultat ist da.

Auf langer Strecke muss ich auch gegen mich selbst kämpfen und wenn mir da dauernd ungefiltert die Einwände anderer und meine eigenen Zweifel und Ideen dazwischenfunken, wird es sehr anstrengend. Dann sind 40% meiner Energie davon absorbiert, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren.  Und es wird fast unmöglich, etwas zu Ende zu führen. All diese Zweifel gehören natürlich dazu, die Frage ist nur das Ausmass. Lähmen sie eine Woche, einen Monat oder für immer?

Ideen umsetzen

Ich kenne so viele, die gute Ideen haben, aber an der Umsetzung scheitern. Ich bezeichnete mich selbst auch immer als „Ideenpinkler“ und bin froh, inzwischen nicht nur Ideen zu pinkeln, sondern auch etwas daraus entstehen lassen zu können. Etwas grösseres als eine Karikatur, ein Sprachspiel oder eine Szene.

Denn nach dem Ideenwurf kommt die Überarbeitung, der Feinschliff und das ist nicht immer gross befriedigend, beinhaltet nötige Routinearbeit.

Natürlich könnte ich auch ohne Medikamente kreativ sein. Natürlich bin ich auch ohne Medikamente kreativ, genauso wie ich es mit bin. Sie machen mich nicht zu einem anderen Menschen. Wie ich auch ohne Medikament auch im Supermarkt einkaufen konnte. Weil ich die Lage der Produkte, die ich brauchte, auswendig gelernt habe. Ich sah sie in dem Farben-, Geräusch- und Geruchsdurcheinander nie.

Ohne Medikamente kann ich auch überleben. Sie geben mir keine Superkräfte. Ich schreibe nicht plötzlich Bestseller und mache eine steile Karriere. Aber sie erleichtern mir die Arbeit. Insbesondere die kreative Arbeit.

Dieser Artikel erschien erstmals in „elpost“ Nr. 61, Frühling 2017.


Katrin Andrist

ist Autorin des Romans „Kinderspiele„, erschienen 2016 im Verlag Muskat media, Romanshorn, 2016. ISBN: 978-3-216926-02-7; 243 Seiten, Hardcover, 29.50CHF/24€.
Dieses fadengerade geschriebene und mit schlanken und schönen Wortbildern gespickte Buch bedarf ziemlich starker Nerven. Vor allem dann, wenn es fertig gelesen ist. Also definitiv nichts für Kinder! Ich bin offenbar nicht der Einzige, welcher diesen Roman in einem Zug gelesen hat. Was mir schon lange nicht mehr passiert ist. PR


 

Mach endlich! Erziehungsprobleme und ihre Umfahrungsmöglichkeiten in Familien mit ADHS

Autor: Piero Rossi (2011)

Erziehungsprobleme: Alltag in ADHS-Familien

In vielen Familien mit ADHS-betroffenen Kindern prägen negative Stimmungen, Gereiztheit und zwischenmenschliche Spannungen den Alltag. Mit einem Wort: Erziehungsprobleme.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Der Tagesablauf ist geprägt von Streitereien zwischen den Geschwistern, der Ungewissheit darüber, in welcher Laune das Kind wohl von der Schule heimkommt, den Sorgen um den nächsten Fahrradunfall, um den heimlichen Zigarettenkonsum oder um die schulische und berufliche Zukunft des Kindes. Erziehungsprobleme und überforderte Eltern: Kein gutes Klima für Wohlsein und familiäres Zusammenleben.

Ruhige Momente sind rar. Oft beginnt der Stress schon am Vorabend: „Hoffentlich wird Debora morgen früh nicht wieder dermassen trödeln, dass sie dauernd mit ‚Mach endlich!‘ ermahnt werden muss. Wir können unseren eigenen Ausspruch nicht mehr hören!” Oder: „Mag Michi wenigstens heute einmal am Mittagstisch genügend essen?” Und: „Hoffentlich wird uns Leandras Lehrerin heute Abend beim Elterngespräch nicht wieder berichten, dass das Mädchen schon mehr leisten könnte, wenn sie sich nur mehr anstrengen würde – und uns damit nicht wieder zu verstehen geben, wir müssten noch mehr mit Leandra lernen. Dabei sitzen wir mit dem Mädchen doch schon stundenlang an den Hausaufgaben!“

Eltern von ADHS-betroffenen Kindern berichten uns von unzähligen, hartnäckigen und immer wiederkehrenden Alltagsproblemen, welche den Stresslevel in der Familie auf einem viel zu hohen Niveau verharren lässt. Dies wiederum verschärft das angespannte Klima in vielen Familien und damit auch das gereizte aufeinander Reagieren. Die Summe aller Einzelbelastungen ergibt eine Dauerbelastung, welcher vor allem die Mütter von betroffenen Kindern immer wieder an die Grenze ihrer Belastbarkeit führt.

Erziehungsprobleme – die grössten Baustellen

Im Folgenden werden – ausgehend von meinen Erfahrungen in der psychologischen Praxis – exemplarisch einige häufig vorkommende Konflikte und deren Lösungsmöglichkeiten vorgestellt.

Baustelle Nr. 1: Will sie nicht oder kann sie nicht?

„Zum Glück geht es Laura seit Beginn der medikamentösen Therapie in der Schule immer besser. Der Klassenlehrer bestätigte uns dies letzte Woche beim Elterngespräch. Trotzdem provoziert Laura beim Mittagessen immer wieder ihren jüngeren Brüder Kevin mit spitzen Bemerkungen, provozierenden Berührungen unter dem Tisch oder blitzartigem Wegziehen von Kevins Besteck. Sie ist kaum zu stoppen. Das Mädchen steigert sich jeweils total in diese Rolle hinein. Die ganze Familie ‚kocht’ dann buchstäblich – anstatt in Ruhe zu essen. Kaum kehrt Laura nachmittags von der Schule heim, geht das Theater wieder von Neuem los. Weder Belohnungspunkte noch Handy-Entzug nützten bisher. Wir können es uns kaum vorstellen, dass es im Unterricht wirklich ohne Probleme geht. Laura scheint es manchmal regelrecht zu geniessen, ihren Bruder zu plagen und die Familie zu stressen. Ist es vielleicht doch Lauras aggressiver Charakter, der sich mit zunehmendem Alter immer mehr zeigt? Zum Glück entschuldigt sich Laura jeweils im Verlauf des Nachmittags für ihr Verhalten.”

Umfahrungsmöglichkeit: Wenn es bei Laura dank der Therapie im Unterricht besser läuft, am Mittag aber trotzdem der Teufel los ist, müsste in einem ersten Schritt geprüft werden, ob es sich bei diesen Problemverhaltensweisen nicht um wieder aufflackernde ADHS-Symptome handelt, welche durch ein Nachlassen der Wirkung des Medikaments bedingt sind. Auch an einen sogenannten Rebound-Effekt ist zu denken. Gemeint ist damit ein übermässig starkes Wiederauftreten der Symptome beim Nachlassen der Wirkung der ADHS-Medikamente. Nicht immer wird berücksichtigt, dass die am häufigsten eingesetzten Stimulanzien eine Wirkdauer von nur etwa drei Stunden aufweisen. Kein Wunder also, wenn gegen die Mittagszeit und dann wieder gegen ca. 16:00 Uhr ADHS-Symptome erneut auftreten. Die behandelnde Ärztin beziehungsweise der behandelnde Arzt wird in diesen Fällen den Einsatz von länger wirkenden Stimulanzien erwägen. Sollten die Verhaltensprobleme trotz ausreichender medikamentöser Versorgung anhalten, ist das Problem mit der zuständigen psychologischen Fachperson zu lösen.


Bei Kindern mit einer ADHS, welche sich für ihr missliches Verhalten entschuldigen und welche ein mehrheitlich intaktes Sozialverhalten zeigen, ist es eher unwahrscheinlich, dass die Verhaltensstörungen Ausdruck einer charakterlichen Disposition oder einer Psychopathologie sind. Verhaltensstörungen, wie Laura sie zeigt, sowie ähnliche Probleme, weisen vielmehr darauf hin, dass es sich um ADHS-spezifische Verhaltensstörungen handelt, welchen therapeutisch noch nicht optimal begegnet werden konnte.

Baustelle Nr. 2: Anhaltende Schwierigkeiten trotz Therapien

„Wir sind verzweifelt. Andrin wird von der Kinderärztin und einem Psychologen optimal betreut. Trotzdem ist er immer noch sehr leicht ablenkbar. Auch sind die schulischen Leistungen immer noch knapp. Der Oberstufenübertritt steht vor der Tür und es ist zu befürchten, dass Andrin nicht wie vorgesehen in die Sekundar-, sondern in die Realschule versetzt wird.”

Umfahrungsmöglichkeit: Angesichts der grossen Fortschritte in der Medizin haben viele Eltern und Lehrkräfte die Erwartung, dass auch im Bereich der Psychologie und der Psychiatrie alle Probleme irgendwie lösbar sein müssen. Schliesslich gibt es Ritalin, andere ADHS-Medikamente und wissenschaftlich überprüfte verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Behandlungen der ADHS. Trotzdem: Es ist eine Tatsache, dass trotz optimaler Therapie nicht allen Kindern mit einer ADHS gleich gut geholfen werden kann. Eltern sollten sich durch überzeichnete Machbarkeitsvorstellungen nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. So verständlich die hohen Erwartungen an einen Behandlungserfolg der ADHS sind, so bedeutsam sind Bescheidenheit und eine Akzeptanz der Tatsache, dass nicht immer alle Probleme lösbar sind. Diese wohlwollende Einstellung kann Eltern von Kindern mit einer ADHS, welche auf die Behandlungen nicht oder nur ungenügend ansprechen, entlasten.

Baustelle Nr. 3: Wochenend–Terror mit Patrik

„Patrik geht es seit Beginn der ADHS-Therapie viel besser. An Schultagen hat ihm der Kinderarzt ein Stimulans verschrieben, welches Patrik gut verträgt. Er kommt meistens zufrieden von der Schule heim und ist furchtbar stolz, wenn er in Prüfungen gute Noten erreicht. Seine Schrift hat sich extrem verbessert. Auch ist Patrik viel ausgeglichener als vor der Therapie. Leider fällt Patrik an den Wochenenden und während den Ferien regelmässig in das alte Verhaltensmuster zurück. Er ist dann – ehrlich gesagt – unausstehlich, provoziert ständig seine Schwester, trotzt bei Aufforderungen (wie nach dem Essen beim Abräumen mitzuhelfen) und tigert den ganzen Tag ruhelos durchs Haus. Vielleicht müssen wir einmal in eine Familientherapie.”

Umfahrungsmöglichkeit: Ausgehend von der Grundhaltung, Kindern so wenig Medikamente wie möglich zu verschreiben, verordnen einige Ärztinnen und Ärzte die Einnahme der Stimulanzien nur während der Schulzeiten. Trotz guter Absicht erwies sich dieses Therapieschema in den meisten Fällen als kontraproduktiv. Warum? Stimulanzien nur in den Schulzeiten zu verabreichen heisst, sie an den Wochenenden wieder ihren Symptomen auszuliefern. Gerade die Wochenenden und Ferienzeiten bieten den Kindern ein ideales Lernfeld, um soziale Kompetenzen zu erlernen. Lernen können sie aber nur dann, wenn sie aufmerksam genug sind, um auch die leisen Töne der zwischenmenschlichen Interaktionen wahrnehmen zu können. Ausserdem bieten Wochenenden und Ferienzeiten Kindern viele Gelegenheiten, Seelennahrung aufzutanken. Dies setzt voraus, dass die Kinder sich diesen Erlebnissen – etwa einen Besuch des Spiegelgartens in Luzern mit dem Grossvater – hingeben, sie abspeichern und später daran erinnern können. Sie müssen also während des Ausflugs aufmerksam und ausreichend geduldig sein. Viele Ärztinnen und Ärzte empfehlen daher, dass die Stimulanzien also auch an Wochenenden und in den Ferien verabreicht werden sollen.

Baustelle Nr. 4: Einschlafstörungen

„Bei uns bestehen zur Einschlafzeit von Lara die grössten Konflikte. Das Mädchen kann und kann nicht einschlafen. Dieses Problem hat Lara seit dem Kleinkindalter. Immer wieder kommt sie herunter ins Wohnzimmer, um nach irgendetwas zu fragen oder weil sie Durst hat. Seit zwei Monaten hat sie zunehmend Ängste vor Gespenstern. Einschlafen geht nur dann, wenn ich oder mein Mann uns eine halbe Stunde zu Lara hinlegen. Das kann so nicht weitergehen. Wir Eltern haben den Familien-Feierabend dringend nötig, vor allem bei all dem Stress, den wir mit unseren ADHS-Kids haben.”

Umfahrungsmöglichkeit: Einschlafprobleme treten bei Kindern mit einer ADHS derart häufig auf, dass ich sie mit zu den Kernsymptomen dieses Syndroms zähle. Ich erinnere mich an kein Kind mit einer unbehandelten ADHS, welches problemlos einzuschlafen vermochte. Eigentlich auch verständlich, stellt doch die Einschlafzeit eine sehr reizarme Situation dar: Ruhe (keine akustische Stimulation), kaum Licht (keine visuelle Stimulation), kein Anfassen, kein aktives Bewegen und sich Spüren (keine taktile Stimulation). Da ADHS-Medikamente am Abend nicht mehr wirken, bedeutet das Ausbleiben von visueller, akustischer und taktiler Stimulation zur Einschlafzeit, dass die Kinder über noch weniger Reizschutz verfügen. Folge: Sie spüren alles und werden hypersensibel. Aus jedem noch so schwachen Druck auf die Blase wird ein: „Ich muss sofort aufs WC, sonst mache ich ins Bett!“, aus jedem noch so kleinen Durstgefühlchen wird ein: „Ich muss jetzt sofort etwas trinken!“, aus jedem möglicherweise Sorge erzeugenden Gedanken wird Angst und aus kaum wahrnehmbaren Schatten des Kleiderständers werden Gespenster oder Zombies. All diese Sinneseindrücke und deren Verarbeitung halten die Kinder verständlicherweise lange wach. Um es auf den Punkt zu bringen: Kinder mit einer ADHS können sich auch nicht gut auf den Schlaf konzentrieren. Tatsächlich erfordert ein Einschlafen, dass der Reizfilter aktiv ist, dass alles zurzeit Unwichtige ausgeblendet und abgeschaltet werden kann. Und genau dies können Kinder mit einer ADHS zur Einschlafzeit infolge des Stimulationsmangels sehr schlecht.




Damit Kinder sich auf den Schlaf konzentrieren können, sollte zwei Stunden vor der Einschlafzeit auf TV und Spielkonsolen verzichtet werden. Dann kann versucht werden, das Kind zur Einschlafzeit visuell (zum Beispiel durch ein sanft leuchtendes Mobilé) oder akustisch (zum Beispiel einen plätschernden Zimmerbrunnen) zu stimulieren. Nicht zu stark, aber auch nicht zu schwach. Es fokussiert sich dann auf diese Stimuli, was zu einer Aktivierung der Reizfilterung führt und dem Kind schliesslich ermöglicht, abzuschalten und einzuschlafen. Eltern beichteten uns wiederholt, dass auch eine halbe Tasse mit stimulierendem Milchkaffee Wunder wirken könne, währenddem Baldrian und andere beruhigende pflanzliche Mittel entweder gar nicht nutzten oder sogar eine gegenteilige, also aufputschende Wirkung hatten. In ganz hartnäckigen Fällen wird die verantwortliche Ärztin oder der zuständige Arzt eine kleine Dosis Stimulanzien – eingenommen 30 Minuten vor der vorgesehenen Einschlafzeit – verordnen, womit sich das Problem der fehlenden Konzentration auf den Schlaf in den meisten Fällen lösen lässt.

Baustelle Nr. 5: Unverständnis und Hilflosigkeit …

„Janik kann machen, was er will: Bei Prüfungen kann er das Gelernte nicht angemessen umsetzen. Die oft ungenügenden Noten scheinen Janik zu knicken. Wenn er nach Hause kommt, ist er entweder aggressiv oder gelähmt und manchmal sogar fast depressiv. Die ganze Familie leidet an einer Mischung aus Mitleid und Verärgerung über Janiks Verhalten. Es wird immer unerträglicher. Auch ein Gespräch mit dem Lehrer von Janik brachte keinen Erfolg. Im Gegenteil: Der Lehrer ist nicht bereit, Janik in Prüfungen mehr Zeit zu geben. Auch akzeptiert er nicht, dass Janik bei Prüfungen ein Abdeckblatt verwendet, um nicht in der Zeile zu verrutschen. Er müsse alle Kinder gleich behandeln, meinte der Lehrer. Wenn er eine Ausnahme bewillige, würde er überrannt von Ausnahmewünschen“

Umfahrungsmöglichkeit: Kinder mit einer ADHS und ihre Familien leiden nicht nur an den ADHS-Symptomen ihrer Kinder, sondern oftmals auch am fehlendem Verständnis der Umwelt. Beispiel Schule: Zwar beteuern immer mehr Lehrkräfte, um die ADHS zu wissen. Trotzdem stossen die Wünsche der Eltern bezüglich der Unterrichtsgestaltung, bei den Prüfungen oder den Hausaufgaben auf die ADHS-bedingten Handicaps des Kindes Rücksicht zu nehmen, immer wieder auf Granit. Selbst bei unkomplizierten Angelegenheiten, wie etwa das Kontrollieren des Hausaufgabenbüchleins, hören Eltern immer wieder, dass von einem Kind in diesem Alter erwartet werden dürfe, die Hausaufgaben selbstständig ins Aufgabenheft einzutragen. Gleiches gilt für Anliegen nach etwas mehr Zeit in Prüfungen, da das Kind wegen Konzentrations- oder Feinmotorik-Problemen nicht so schnell wie andere vorwärtskommt. Auch heute noch vernehmen Eltern immer wieder, dass Ausnahmen nicht drin liegen und die Lehrkraft alle Kinder gleichbehandeln müsse – als hätten alle Kinder die gleichen Voraussetzungen! Auch kommt es leider immer wieder vor, dass Lehrer sich weigern, dem Kind im Schullager die ärztlich verordneten Medikamente zu verabreichen.


Eine Umfahrungsmöglichkeit besteht darin, die Lehrkraft über die ADHS zu informieren. Dazu eignen sich die Informationsbroschüren der ADHS-Verbände oder Hinweise auf ADHS-Informationen im Internet (zum Beispiel: www.adhs.ch). Bei Bedarf kann auch ein Bericht zum Beispiel der behandelnden Psychologin oder des zuständigen Arztes dazu beitragen, dass die Lehrkraft die Probleme der Kinder mit ADHS besser versteht.

Baustelle Nr. 6: Kampf um die Hausaufgaben

„Wie können wir unseren hyperaktiven Sohn Marius bloss dazu bringen, endlich und ohne Verweigerung, Trotz und Getöse seine Hausaufgaben zu erledigen?“

Umfahrungsmöglichkeit: Hausaufgaben gehören für viele Kinder mit einer ADHS zu den am meisten gehassten Tätigkeiten. Sie drücken sich, versuchen, sie auf später zu verschieben, stehen – sofern sie sich überhaupt hinsetzen – ständig wieder auf und zeigen grösste Mühe, bei der Sache zu bleiben. Nicht nur das Lachen der draussen spielenden Kinder oder die Geräusche von Nachbars Rasenmäher, sondern buchstäblich jede Fliege vermag Kinder mit einer ADHS vom Erledigen der Hausaufgaben abzulenken. Einige Kinder mit ADHS – es sind vor allem Mädchen ohne Hyperaktivität – zeigen ein gegenteiliges Verhalten: Sie lernen mit übergrossem Eifer und übertriebenem zeitlichem Einsatz. Diese Kinder berichten uns, dass sie grosse Angst haben, das Gelernte schnell wieder zu vergessen und sich nur durch exzessives Lernen in der Lage sehen würden, sich dann während des Schulunterrichtes einigermassen an den Lernstoff erinnern zu können. Die Angst, am kommenden Schultag schon wieder blamiert an der Tafel zu stehen und infolge des verkürzten Arbeitsgedächtnisses einfachste Dinge wieder nicht aus dem Gedächtnis abrufen zu können, treibt diese Kinder zu übertriebenem Lernverhalten.

Warum sind Kinder mit ADHS wie sie sind?

Unruhige und impulsive Kinder mit einer ADHS zeigen die problematischen Verhaltensweisen nicht etwa, weil sie faul oder bezüglich ihrer Intelligenz überfordert sind, sondern weil sich während dem Stillsitzen die ADHS-typische Reizoffenheit noch weiter vergrössert. Sie werden dann überflutet von inneren und äusseren Eindrücken, welche mit dem Lernen meist gar nichts mehr zu tun haben und werden dadurch abgelenkt. Lernen bedeutet häufig monotones Repetieren sowie wiederholtes und langweiliges Üben. Dazu ist neben einer Grundmotivation auch eine altersentsprechend entwickelte Fähigkeit, die Aufmerksamkeit längere Zeit aufrechterhalten zu können, erforderlich. Ausserdem müssen Impulse (zum Beispiel aufzustehen) ausreichend unterdrückt werden können. Beides Eigenschaften, welche bei Kindern mit einer ADHS in subjektiv langweiligen Situationen schwach ausgeprägt sind. Üben ist für Kinder mit ADHS grundsätzlich schwierig. Sie suchen immer Neues und Interessantes und registrieren oft Nebensächlichkeiten. Gleichzeitig bekunden sie grosse Mühe, das Gelernte zu einem Ganzen zusammenzufassen. An Details vermögen sie sich zu erinnern, nicht aber an den Gesamtzusammenhang. Eltern haben dann den Eindruck, dem Kind fehle es an Motivation oder Einsicht. Viele Kinder mit einer ADHS leiden unter diesen Lernstörungen: Sie schämen sich, weil sie merken, dass sie es eigentlich kapieren müssten – es aber nicht klappt. Das lässt sie manchmal noch reizbarer und aggressiver werden. Was tun?

Weitere Umfahrungsmöglichkeiten und Tipps gegen Erziehungsprobleme

      • Vor dem Erledigen der Hausaufgaben sollte das Kind etwas essen und trinken.
      • Es muss sichergestellt sein, dass die ADHS-Medikamente auch zu den Zeiten noch wirken, in welchen die Hausaufgaben erledigt werden.
      • Bei Hausaufgaben-Problemen muss gewährleistet sein, dass neben der ADHS keine Teilleistungsstörungen (wie zum Beispiel eine nonverbale Lernstörung oder eine Legasthenie) vorliegen, welche dem Kind das Lernen zusätzlich erschweren. Falls doch, müssten diese im Gesamtherapieplan Berücksichtigung finden.
      • Konsum von Spielkonsolen und TV beeinträchtigen ganz generell die Konzentration und das Lernvermögen. Sie sollten – wenn überhaupt – erst 45 Minuten nach dem Lernen bewilligt werden (und dann für maximal eine halbe Stunde).
      • Es macht keinen Sinn, einzufordern, dass die Hausaufgaben alleine gemacht werden müssen. Alle Appelle an die Selbstständigkeit verstärken bei Kindern mit einer ADHS das meist sowieso vorhandene Überforderungsgefühl.
      • In sehr vielen Fällen können Kinder mit einer ADHS die ihnen gestellten Aufgaben nicht lösen, weil sie die Fragestellung überfliegen, anstatt sie zu lesen. Sie schreiten zur Antwort, bevor sie die Fragestellung in Ruhe gelesen haben. Daher ist es unumgänglich, die Lernenden darin zu unterstützen, solange bei der Aufgabenstellung zu verweilen, bis diese wirklich verstanden wurde.




      • Kinder mit einer ADHS müssen konkret (und am besten schriftlich) wissen, was, wie, wann und bis wann etwas von ihnen erwartet wird.
      • Da Kinder mit ADHS nicht lange still sitzen können, macht es wenig Sinn, von diesen Kindern zu erwarten, dass sie sich lange mit den Hausaufgaben herumquälen. Es empfiehlt sich, die Kinder in einem Rhythmus von maximal 15 bis 20 Minuten lernen zu lassen. Eine Küchenuhr leistet hierzu grosse Dienste. Je nach Ausprägung der Lernstörungen soll die Bezugsperson wiederholt wieder nach dem Rechten sehen und das Kind loben und ermutigen, auch den Rest der anstehenden Aufgaben zu erledigen.
      • Viele Kinder mit einer ADHS verweigern die Hausaufgaben, wenn von ihnen erwartet wird, alleine in ihrem Zimmer zu lernen. Sie halten dies schlichtweg nicht aus. Die Ruhe und der Mangel an stimulierenden Reizen führen dann zu einer unerträglichen emotionalen Anspannung und einem gänzlichen Zusammenbruch der Filterung von irrelevanten Reizen. Das Lernen wird dann vollends unmöglich. Abhilfe schafft gelegentlich ein leise im Hintergrund laufendes Radio. Paradoxerweise berichten Kinder mit ADHS immer wieder, dass sie mit Musik im Hintergrund besser lernen können und aufnahmefähiger sind. Man sollte sie gewähren lassen. Bei einem starken hyperaktiven Syndrom und der damit verbundenen Unfähigkeit, sich überhaupt hinsetzen zu können, sollte auch erlaubt werden, mit dem Buch in der Hand im Zimmer auf- und abzugehen. Auch ein Stehpult oder ein Schaukelsessel leisten mitunter gute Dienste.
      • Kinder, aber auch Erwachsene mit ADHS, bekunden immer wieder Mühe mit dem „In-Fahrt-Kommen“. Es ist, als würde der Startknopf nicht funktionieren. Eine Belohnung in Aussicht zu stellen ist meist ebenso wirkungslos, wie das Androhen von Strafe oder anderen Sanktionen. Das Zeitfenster ist bei Menschen mit ADHS zu klein, um sich eine in Aussicht gestellte Belohnung oder eine angedrohte Strafe merken zu können. Sie leben im Hier und Jetzt. Strategisch sinnvoll ist es, unmittelbar vor dem Beginn der Hausaufgaben dem Kind einen attraktiven Reiz zu bieten (Schokoriegel, kleines Geschenk, andere Überraschung). Dabei wird das Frontalhirn bereits zu Beginn der Hausaufgaben stimuliert und die Kinder sind oftmals besser in der Lage, die Hausaufgaben auszuführen.
      • Falls die Kinder sich dann tatsächlich hinsetzen und versuchen, sich den Hausaufgaben zu widmen, sollten sie gelobt werden. Das Lob soll also nicht nur für das erfolgreiche Durchführen der Hausaufgaben erfolgen, sondern bereits für den Versuch. Die Anstrengungsbereitschaft ist an sich schon lobenswert – und nicht erst das Resultat.
      • Grundsätzlich sollte die Lernsituation positiv gestaltet werden: Der Schreibtisch des Kindes darf nicht überladen und chaotisch sein. Wenn möglich sollte es im Kinderzimmer zwei Tische haben: einen Spiel- und Chaostisch sowie einen nur zum Lernen reservierten Schreibtisch mit einer guten (!) Leselampe in einer dem Kind zusagenden Farbtemperatur. Unbedingt sollten bei Umschlägen, Mappen und Ablagesystemen verschiedene Farben zum Einsatz kommen (auch diese führen zu einer neuronalen Stimulation und können mit dazu beitragen, die aktuelle Lernfähigkeit zu erhöhen).
      • Eltern beziehungsweise die für die Betreuung der Hausaufgaben verantwortliche Person müssen täglich den Schulrucksack kontrollieren. Dieser soll nach Abschluss der Hausaufgaben (und nicht erst am nächsten Morgen) wieder ordentlich bepackt werden. Im Schulrucksack soll sich nur das für die Schule notwendige Material befinden. Auch Sporttaschen, welche für den Sportunterricht des folgenden Tages gebraucht werden, sollten am besten im Anschluss an die Hausaufgaben gepackt werden.




Diese Liste von Baustellen in Familien mit Kindern mit einer ADHS liesse sich beliebig verlängern: Stress durch Geschwister oder Elternteile, bei denen ebenfalls eine noch nicht diagnostizierte und behandelte ADHS vorliegt, Stress durch die Folgen eines zu hohen Bildschirmmedienkonsums, Stress durch Falschinformationen über die ADHS oder etwa Stress durch abwesende Väter.

Gestützt auf Rückmeldungen von vielen Eltern besteht die zweitbeste Umfahrungsmöglichkeit darin, mit einer kompetenten Fachperson zusammenzuarbeiten. Auch diesbezüglich geben die Selbsthilfeverbände gerne Empfehlungen.

Die kürzeste aller Umfahrungsmöglichkeiten ist meiner Meinung nach ein Mitwirken bei der ADHS-Selbsthilfegruppe ELPOS (Schweiz) oder in anderen ADHS-Selbsthilfeorganisationen (siehe Links in der Seitenleiste). Für fast alle Alltagsprobleme in ADHS-Familien wissen andere Eltern praxisbewährte Tipps.

Lesen Sie hier weiter, wenn diese Informationen für Sie hilfreich waren.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Eckpunkte, Chancen und Stolpersteine der ADHS Therapie bei Kindern und Erwachsenen

Einleitung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Was alles gehört zu einer erfolgreichen Therapie einer ADHS?
Wie sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen?
Welches ist die richtige Therapie?
Wie ist der Ablauf einer Behandlung?

Autor: Piero Rossi (2011)

Im Folgenden werden Eckpunkte, Chancen und Stolpersteine einer ADHS-Therapie dargelegt.

Gesellschaft und Therapie

Wir müssen uns bewusst sein, dass sich Fragen und Stellungnahmen zur Therapie der ADHS nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stellen und beantworten lassen. Schauen wir den Tatsachen ins Auge: In unserer Konsum- und Nonstop-Gesellschaft dreht sich vieles immer schneller und schneller.

Ein immer höheres Arbeitstempo, immer rasantere Konsolespiele, ein immer schnellerer Austausch von Arbeitsstellen, Beziehungen, Handys, Autos, Hobbies und persönlichen Vorlieben und der zunehmende Konsumrausch führen bei vielen zu einer fortschreitenden Entwertung vieler Lebensbereiche. Dies erzeugt oder verstärkt bei Kindern und Erwachsenen Rastlosigkeit, Überforderungsgefühle, innere Leere, Unzufriedenheit, Angst etwas zu verpassen und ein immer hektischeres Lebensgefühl.

Für die meisten von uns wird Multitasking, also gleichzeitiges Beachten und Bearbeiten von Informationen, nicht nur in der Arbeit und der Freizeit, sondern zunehmend auch im Privat- und Innenleben zum vorherrschenden Modus.

Reizüberflutungen und hohes Tempo führen bei immer mehr Individuen zu einem Verlust der Fähigkeit, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben, sich nur darauf zu konzentrieren, den Augenblick wahrzunehmen und zu geniessen. Geduld, sich selbst und anderen Zeit zu lassen, innezuhalten und zuzuwarten, werden für zahlreiche Menschen zu immer abstrakteren Begriffen.

Evident ist auch, dass die Erwartungen der gesellschaftlichen Institutionen an die Kinder höher und höher werden. Das gilt vor allem für die Schule. Immer früher wird von den Kindern Selbstständigkeit erwartet. Immer grösser werden Druck und Unsicherheit bezüglich des richtigen Oberstufenübertrittes, unter welchen sich Eltern und Kinder manchmal schon in der dritten Klasse gesetzt fühlen.




Kinder erhalten heute kaum mehr Zeit und Raum, sich individuell und ihren Stärken und Schwächen entsprechend entwickeln zu können.

Kranke Gesellschaft – kranke Kinder?

Diese und andere einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen bedeuten nun aber nicht, dass allein darin die Ursachen für eine ADHS zu suchen wären. Die schon seit Jahrzehnten und auf allen Kontinenten mehr oder weniger konstante Auftretenshäufigkeit der ADHS, die auffallend hohe familiäre Häufung und damit die genetische Bedingtheit dieses Syndroms belegen mit hoher Evidenz, dass gesellschaftliche Faktoren als Ursachen der ADHS eine sekundäre Bedeutung spielen.

Nichtsdestotrotz kommen den gesellschaftliche Rahmenbedingungen bezüglich der Entwicklung unserer Kinder und der Entstehung von psychischen Störungen eine eminent wichtige Rolle zu. Dies gilt selbstredend auch hinsichtlich der ADHS-Therapie. Es stellen sich viele Fragen: Kann ein Kind in einer kranken Gesellschaft überhaupt gesund werden?

Und: Was heisst überhaupt Gesundheit in einer Gesellschaft, welche ihre Kinder von klein auf medial überschwemmt und in erster Linie zu willigen Konsumentinnen und Konsumenten erzieht? Oder: Kann es überhaupt ein Ziel sein, Kinder mittels therapeutischer Interventionen dahingehend zu beeinflussen, sich den gesellschaftlichen Anforderungen einfach nur anzupassen? Und: Verwechseln wir nicht Gesundheit mit gesellschaftlicher Anpassung?

Schliesslich: Kann Gesundheit heissen, einfach nur zu funktionieren? Und überhaupt: Gäbe es mehr Hypersensible, mehr störrische Neinsager/-innen, mehr Nonkonformisten und mehr Gerechtigkeitsfanatiker/-innen – sähe unsere Welt dann nicht viel positiver aus?

Machbarkeitswahn vs. Recht auf Krankheit und Behinderung

Berichte über ständige Fortschritte in der Medizin bestärken bei vielen Menschen die Erwartung, dass auch im Bereich der Psychologie und der Psychiatrie alle Probleme irgendwie lösbar sein müssen. Schliesslich gibt es heutzutage moderne Medikamente und wissenschaftlich überprüfte Behandlungen gegen beinahe alle Leiden.

Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil: Zahlreichen somatischen, aber auch seelischen und zwischenmenschlichen Problemen stehen auch Fachleute bis heute hilflos gegenüber. Nicht immer kann abschliessend geklärt werden, was in der Seele eines Menschen vor sich geht, welche Motive seinem Verhalten zugrunde liegen und wieso die Entwicklung eines Kindes diesen oder jenen Verlauf genommen hat. Und nicht immer kann den psychischen Beschwerden eines Menschen eine Diagnose zugeordnet werden.




Es gehört wahrscheinlich zur menschlichen Natur schlechthin, dass nicht alles versteh- und von aussen veränderbar ist. Auch hinsichtlich der Behandlung einer ADHS gilt es zu akzeptieren, dass selbst der optimalste Einsatz therapeutischer Interventionen nicht immer dazu führt, dass ein von der ADHS betroffener Mensch Linderung seiner Beschwerden erfährt.

Psychologische und ärztliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten behandeln Menschen, also unvollkommene und verletzliche Individuen und keine Symptome oder abstrakte Diagnosen.

So verständlich die hohen Erwartungen an einen Behandlungserfolg der ADHS sind, so bedeutsam sind Bescheidenheit und eine Akzeptanz der Tatsache, dass auch ein chronisch krankes oder behindertes Individuum mit all seinen Ecken und Macken eine Daseinsberechtigung hat. Das gilt auch für unscheinbarere Behinderungen wie eine ADHS oder beispielsweise eine Legasthenie.

Viele Fachpersonen stehen in diesem Zusammenhang zunehmend vor der Herausforderung, ein ADHS-Kind in seinem Anderssein gegenüber dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck zu verteidigen.

Mein Plädoyer, ADHS-Betroffene als Individuen anzunehmen und sie in ihrer Andersartigkeit zu akzeptieren, richtet sich an Väter, Lehrkräfte und gesellschaftliche Institutionen, nicht aber an die Mütter dieser Kinder. Für diese ist es aus meiner Erfahrung selbstverständlich, ihr Kind trotz aller Probleme anzunehmen (womit ich natürlich nicht zum Ausdruck bringen will, dass Mütter die ADHS bedingten Verhaltensstörungen ihrer Kinder einfach nur schlucken müssen).

Zum Wohl des Kindes

Auch ich weiss für viele der oben aufgeworfenen Fragen keine befriedigenden Antworten. Wichtig erscheint es mir aber, dass Fachleute, Eltern (also Mütter und Väter) sowie auch erwachsene Betroffene sich mit diesen gesellschaftlichen Fragen aktiv auseinander setzen und nicht müde werden, „Wieso?“ zu fragen.




Relevant erscheint mir dies deshalb, weil bei der Therapieplanung sonst möglicherweise primär gesellschaftskonforme Therapieziele etabliert werden, welche dem Individuum und seinen grundlegenden Entwicklungsbedürfnissen entgegenlaufen, ja, ihnen zum Teil sogar widersprechen könnten. Bei der Erarbeitung von massgeschneiderten Therapiezielen ist daher immer besonders gut darauf zu achten, dass der Einzigartigkeit des Individuums, seiner Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten Rechnung getragen wird.

 

Können störendes Verhalten und Konzentrationsschwächen während einer Behandlung reduziert werden, ist das sicher wünschenswert und auch erfreulich. Viel wichtiger aber ist es, dass ein Kind dank einer Therapie befähigt werden kann, sich seinen Möglichkeiten entsprechend zu entwickeln und so zu sein beziehungsweise so zu werden, wie es wirklich ist.

Therapie kann nicht bedeuten, einfach nur störende Symptome zu eliminieren und ein Kind an die Umweltbedingungen anzupassen. So wird kein Kind gesund. In zahlreichen Fällen müssen sich zum Wohl eines Kindes Schule und Eltern den speziellen Bedürfnissen des Kindes anpassen (und nicht immer nur umgekehrt). Das heisst auch, dass es nicht zwingend ist, es nur in Richtung gesellschaftskonformen Verhaltens zu therapieren.

Zu einem Therapieplan eines ADHS-Kindes gehören also meistens auch Veränderungen seitens der Umwelt (Unterricht, Familienklima, Erziehungsstile usw.).




Bei den Stärken ansetzen

Ich habe in meiner Arbeit in den letzten 15 Jahren rund 1500 Betroffene mit ADHS-Symptomatik kennengelernt und dabei feststellen können, dass viele meiner Patientinnen und Patienten trotz ausgeprägten ADHS-Symptomen und den damit verbundenen Entwicklungsbehinderungen so krank gar nicht waren:

Täglich begegnen mir in meiner Arbeit Menschen mit einer ADHS, welche durch langjährige und vielfältige Scheiternserfahrungen gekränkt und teilweise seelisch erheblich verletzt, im Kern ihres Wesens aber trotzdem gesund geblieben sind. Immer wieder beeindruckten mich die Ehrlichkeit von ADHS-betroffenen Kindern und Erwachsenen:

Da sie sich nicht zurückhalten können, meistens viel zu spontan handeln sowie verbal und nonverbal meistens ohne Umweg zum Ausdruck bringen, was sie gerade denken und fühlen, wirken diese Menschen sehr authentisch und präsent. Dies steht ganz im Gegensatz zu vielen zu gut sozialisierten Individuen, welche gelernt haben, Nein zu denken und Ja zu sagen und in einer ihnen von den Eltern und der Gesellschaft zugedachten und vielfach krankmachenden Rolle oft ein Leben lang gefangen bleiben.

Jede erfolgreiche Therapie der ADHS orientiert sich nicht nur an der Pathologie, sondern auch an den gesunden Anteilen eines von dieser Störung betroffenen Menschen. Dies erfordert in erster Linie eine tragende therapeutische Beziehung zwischen Therapeutinnen / Therapeuten mit den Patientinnen / Patienten und deren Eltern.

Kinder, die von einer ADHS betroffen sind, spüren ihrer Reizoffenheit wegen sofort, ob das Gegenüber sie wahr- und ernst nimmt, ob also der zuständige Arzt oder die behandelnde Psychotherapeutin sich in der Gestaltung der therapeutischen Beziehung auch auf die Ressourcen dieser Kinder abstützt oder nicht.

Konzentriert sich eine Therapie nur auf die Eliminierung von Symptomen und nicht auf die Betroffenen als Ganzes, kommt kein tragendes therapeutisches Bündnis zustande. Die jungen Patientinnen und Patienten brechen die Therapie dann meistens schnell ab.

Anrecht auf eine optimale Therapie

Menschen mit Krankheiten oder Entwicklungsstörungen haben ein Anrecht auf eine optimale Therapie. Gemeint ist damit eine bei vielen Patientinnen und Patienten nachweislich wirksame Behandlung, welche die Betroffenen so wenig wie möglich belastet.

So genannt evidenzbasierte, also unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten erarbeitete und kontinuierlich überprüfte Diagnose- und Behandlungsleitlinien, stecken dabei den Rahmen ab, innerhalb dessen eine fachgerechte und dem aktuellen Wissensstand entsprechende Untersuchung und Therapie zu erfolgen hat. Das gilt auch bei der ADHS.




Selbstverständlich spielen in der Diagnostik und der Behandlung der ADHS auch Berufserfahrungen und Intuition des Psychotherapeuten oder der behandelnden Psychiaterin eine wichtige Rolle. Dennoch: Heute ist es weder Ansichtssache noch eine Meinungsfrage, welche Therapien bei welchen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen zur Anwendung kommen sollen.

Der Stand der Wirksamkeitsforschung von Behandlungen ist auch bei der ADHS weit fortgeschritten, so dass die Resultate der Therapieforschung heute in der Planung jeder seriösen Behandlung zwingend berücksichtigt werden müssen. Fachpersonen, welche ihre therapeutischen Ratschläge oder Entscheidungen nicht mit wissenschaftlich begründeten Nachweisen, sondern primär mit Hinweisen wie: „Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit…“ zu legitimieren versuchen, handeln nicht fachgerecht.

Beachte: Nachzufragen – und zwar vor Behandlungsbeginn – kann sich lohnen. Patientinnen und Patienten und ihre Eltern dürfen und sollen sich bei ihren Fachpersonen erkundigen, wie diese die Wahl der vorgeschlagenen Therapien begründen: Warum diese und keine andere Therapien? Was weiss man über Behandlungserfolge und Risiken der Behandlung?

Für Eltern von Kindern mit einer ADHS und den von diesem Syndrom betroffenen Erwachsenen ist es von grundlegender Bedeutung, dass nicht irgendeine wohlklingende und angeblich nebenwirkungsfreie, sondern die bewährtesten und sichersten Behandlungen zur Anwendung kommen. Weil es bei der ADHS meistens auch einer medikamentösen Behandlung bedarf, kann und soll im Zweifelsfall eine Zweitmeinung eingeholt werden.

Multimodale Therapie

Praxiserfahrungen und Studien zu Kurz- und Langzeiteffekten von ADHS-Therapien zeigen, dass es sich bei einer möglichst erfolgreichen Behandlung der ADHS nicht um eine Mono-, sondern um eine Kombinationsbehandlung handelt. Diese so genannte multimodale Therapie ist erforderlich, weil die Therapieziele auf verschiedenen Ebenen liegen:

  • Direkte Behandlung der ADHS-Symptome sowie von allfällig komorbid vorliegenden Störungen
  • Verbesserung des sozialen Funktionierens in Familie, Beziehungen, Schule, Ausbildung und Beruf durch therapeutische Massnahmen im Umfeld
  • Sicherstellung einer langfristigen Behandlung, da es sich bei ADHS um eine chronische Erkrankung handelt, welche nicht geheilt, sondern nur gelindert werden kann

Säulen der multimodalen Therapie

Psychoedukation

Ein grundlegendes Verständnis dafür, was die ADHS ist, welche Auswirkungen sie auf die Betroffenen hat und wie den durch sie hervorgerufenen Problemen begegnet werden kann, ist elementarer Bestandteil jeder (ADHS-) Therapie. Patientinnen und Patienten, Eltern, nahe Angehörige (und bei Kindern deren Lehrkräfte) werden eingehend über die ADHS informiert und aufgeklärt.

Auch Kindern wird ihrem Entwicklungsalter entsprechend Basiswissen über die ADHS vermittelt. Dies ermöglicht es ihnen, ihre Probleme zu identifizieren, anstatt sich pauschal für dumm und unfähig zu halten.




Trotz Vorliegen bewährter Konzepte für die Psychoedukation erweist sich dieser Grundpfeiler der multimodalen Therapie der ADHS in der Praxis als grosse Schwachstelle. Gründe sind unter anderem: ADHS-Fachpersonen stossen bereits mit der Versorgung von basalen therapeutischen Dienstleistungen an die Kapazitätsgrenze (lange Wartezeiten, Personalmangel in Praxen und öffentlichen Diensten).

Vielen Fachpersonen fehlt schlicht die Zeit für ausführliche Gespräche mit Lehrkräften und anderen involvierten Bezugspersonen. Ein weiterer Grund liegt darin, dass die Krankenkassen nur für Heilbehandlungen aufkommen, nicht aber für die Psychoedukation von Bezugspersonen.

Personenzentrierte Interventionen

Bei der Behandlung der ADHS spielt die medikamentöse Behandlung die „erste Geige“. Dies wissen nicht nur Praktiker/-innen. Auch in Studien konnte das sehr gut belegt werden. Ergänzt wird diese Behandlung durch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Psychotherapie. Diese umfasst unter anderem eine Selbstmanagement-Therapie (Ziele: verbesserte Affekt- und Verhaltenssteuerung, verbessertes Selbstbild) und bei Bedarf ein soziales Kompetenzenztraining.

Ebenfalls zu den verhaltenstherapeutischen Interventionen zählt die Neurofeedback-Therapie, deren Wirksamkeit vor allem beim unaufmerksamen Typus der ADHS als gut belegt gilt. Gestützt auf aktuelle Forschungsresultate scheinen ausgewählten Diät-Behandlungen bei ADHS wieder mehr Bedeutung zuzukommen (Eliminationsdiäten).

Zahlreiche Kinder mit einer ADHS profitieren nachweislich auch von spezifischen neuropsychologischen Behandlungen, wie einem therapeutischen und meistens computergestützten Konzentrations- und Impulskontrolltraining.

Wie so oft schaut es in der Praxis anders aus als in der Theorie: Währenddem der medikamentöse Therapieansatz zwischenzeitlich gut etabliert ist, kommen erst wenige ADHS-Betroffene in den Genuss qualifizierter verhaltenstherapeutischer oder neuropsychologischer Behandlungen. Der Hauptgrund liegt darin, dass es viel zu wenig verhaltenstherapeutisch ausgebildete Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und ADHS-erfahrene Neuropsychologinnen und Neuropsychologen gibt.




Gleiches gilt für eine Neurofeedback-Therapie, welche nur von sehr wenigen Fachpersonen durchgeführt wird. Auch ohne wissenschaftlich begründeten Nachweis erweist sich bei Kindern mit einer ADHS die Ergotherapie in zahlreichen Fällen als wirksam. Der Grund liegt darin, dass in der Ergotherapie auch verhaltenstherapeutische und neuropsychologische Therapieansätze zur Anwendung kommen.

Elternzentrierte Interventionen

Da in Familien mit ADHS-Betroffenen meistens negative Eltern-Kind-Interaktionen dominieren, welche die Beziehungen untereinander zusätzlich belasten, ist zur fachgerechten Behandlung in den meisten Fällen auch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Erziehungsberatung erforderlich. Die Wirksamkeit dieser als Eltern-Training bezeichneten Therapien gilt in der Forschung und im klinischen Alltag als gut belegt.

Leider werden auch diese elternzentrierten Behandlungen viel zu selten durchgeführt. Die Gründe liegen wiederum im Mangel an qualifizierten Fachpersonen sowie in den Versicherungsbedingungen der Krankenkassen, welche keine Finanzierung elternzentrierter Therapien vorsehen.

Wie sicher ist die Therapie?

In der Behandlungskette der ADHS spielen Medikamente eine zentrale Rolle. Man könnte nun einwenden, dass eine alternative Behandlung – etwa mit Omega-3-Fettsäuren – für die Patientinnen und Patienten ein kleineres Risiko darstellt als eine medikamentöse Therapie mit Stimulanzien. Immerhin, so könnte man argumentieren, wird mit einer medikamentösen Therapie bei einem Kind, dessen Gehirn noch nicht ausgereift ist, direkt in den zerebralen Stoffwechsel eingegriffen.




Kann das überhaupt gut gehen? Ist das nicht mit zu grossen Risiken behaftet? Man könnte zudem geltend machen, dass keine unabhängigen und zuverlässigen Langzeitstudien vorliegen, welche die komplette Unbedenklichkeit dieser chemischen Therapien belegen. Diese Einwände haben zweifellos ihre Berechtigung. Nur darf Folgendes nicht ausser Acht gelassen werden:

  • Bis heute liegen keine ernstzunehmenden Hinweise vor, dass die Behandlung von Kindern mit Stimulanzien zu Erkrankungen, Verhaltensstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen führt. Wie bei allen wirksamen Medikamenten können auch bei der Therapie mit Stimulanzien unerwünschte Arzneimittelwirkungen auftreten. Diesen kann in den meisten Fällen durch eine Dosisanpassung oder einen Wechsel des Präparates wirkungsvoll begegnet werden.
  • Dass ADHS-Medikamente abhängig machen sollen, wird von Sekten und anderen fundamentalistischen Gruppierungen immer wieder einmal postuliert, entbehrt aber jeglicher empirischen Grundlage. Rechtzeitig mit Stimulanzien behandelte Kinder mit einer ADHS haben im Vergleich mit den Unbehandelten ein niedriges Risiko, später eine Sucht zu entwickeln. Selbst ein Absetzen der ADHS-Medikamente ist jederzeit möglich.
  • Bei der unbehandelten ADHS handelt es sich nachweislich um eine für das betroffene Individuum mit grossen Risiken verbundene Störung. Beispiel: Bedingt durch ihre Zerstreutheit und ihr impulsives Dreinschiessen sind Kinder mit einer ADHS nachweislich viel häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt als gesunde Kinder.

Merke!

Jeder Zeitverlust, der als Folge einer eventuell unwirksamen Therapie entstehen kann, stellt somit ein ernstes Risiko für das betroffene Kind dar. Gleiches gilt auch für die Schule: Ein halbes Jahr herumexperimentieren mit einer ungeprüften Therapieform kann mit unzähligen und möglicherweise vermeidbaren schulischen Misserfolgserlebnissen und Enttäuschungen einhergehen, welche dem betroffenen Kind weitere psychische Schäden zufügen können.

Psychologinnen und Psychologen, welche Erwachsene mit einer ADHS behandeln, wissen um die unendlich vielen seelischen Verletzungen, welche mit einer rechtzeitigen und fachgerechten Behandlung wahrscheinlich hätten vermieden oder reduziert werden können. Um mögliche Folgeschäden zu vermeiden, sollte eine ADHS daher möglichst frühzeitig behandelt werden. Darin sind sich ADHS-Fachpersonen weltweit einig.




Diagnostik als Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung

Grundlegender Bestandteil jeder fachgerecht durchgeführten Therapie der ADHS ist eine sorgfältige Diagnostik. An diesem Punkt unterscheiden sich seriöse von unseriösen Behandlungsformen. Letztere verkaufen ihre Therapien ohne vorausgehende individuelle Abklärung, ohne Indikationsstellung und ohne Therapieplan.

Sorgfältige Indikationsstellung

Eine spezifische und gezielt auf die Behandlung einer ADHS und deren Begleitprobleme ausgerichtete Therapie ist nur dann gerechtfertigt, wenn sich die Beschwerden und Probleme eines Menschen nach Beurteilung durch eine Fachperson mit der Diagnose einer ADHS vereinbaren lassen.

 

Entscheidend ist dabei nicht alleine das Vorhandensein der in den diagnostischen Klassifikationssystemen aufgezählten Symptome an sich, sondern vielmehr das Ausmass, in welchem diese Beschwerden die Entwicklung des Kindes behindern.

Ich betone dies, da wir in der Praxis immer häufiger Patientinnen und Patienten mit Verhaltens- und psychischen Problemen sehen, welche medikamentös mit Stimulanzien behandelt werden, ohne dass jemals eine gründliche Abklärung erfolgte und ohne, dass eine Behandlung gerechtfertigt wäre.

Kein ADHS-Test

Bei der ADHS handelt es sich um eine klinisch zu stellende Diagnose. Relevant ist also, was ganz konkret die Patientinnen und Patienten im Familien- und Schulalltag an Beschwerden und Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Bis heute existiert kein Test, mit welchem ausreichend sicher auf das Vorliegen oder nicht Vorliegen einer ADHS geschlossen werden kann.

Das heisst aber nicht, dass es bei Abklärungen auf ADHS Tests bedarf. Diagnostisch entscheidend sind Art und Weise, wie die Betroffenen mit den Anforderungen, die sich ihnen in Schule, Familie und Beruf stellen, langfristig umzugehen vermögen. Bei ADHS-Betroffenen ziehen sich Konzentrationsschwächen, Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Impulsivität wie ein roter Faden durch das ganze Leben.




Sie verhindern es, dass diese Menschen eine ihrem Potenzial gegebene schulische und berufliche Entwicklung durchlaufen können und führen dazu, dass sie ständig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben und immer mehr Selbstzweifel, Verunsicherungen über die eigene Identität und bisweilen auch Selbsthass entwickeln.

Die Abklärung ganz konkret

Bei Verdacht auf eine ADHS umfasst eine Untersuchung bei Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen eine mehrstündige Abklärung (vier bis acht Stunden). Diese Untersuchung wird von Fachpsychologinnen, Kinderpsychiatern und spezialisierten Kinderärztinnen durchgeführt. Ergänzend zu den Untersuchungsgesprächen mit den Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen (Eltern, Partner/-in) kommen auch standardisierte Checklisten und Fragebögen zur Anwendung.

Diese haben den Zweck, möglichst viele Facetten einer eventuell von der ADHS betroffene Personen zu erfassen, um diese dann einer eingehenden Untersuchung zuzuführen. Diese Screening-Tests sind allerdings nicht geeignet, um eine ADHS-Symptomatik zuverlässig von den Folgen anderer Störungsbilder, die ebenfalls mit Konzentrationsproblemen und Impulsivität einhergehen können, abzugrenzen. Eine Diagnose darf sich also nicht alleine auf die Resultate dieser Screening-Checklisten abstützen. Zu viele bekämen sonst fälschlicherweise eine ADHS-Diagnose und eine Fehlbehandlung.

Bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS werden nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst untersucht. Auch das Umfeld wird mit einbezogen. Bei Kindern werden neben den Eltern auch die Lehrkräfte zum Verhalten des Kindes befragt. Bei erwachsenen ADHS-Betroffenen werden bei Lebenspartnern/-innen detaillierte Informationen über die Charaktereigenschaften und das Verhalten des oder der Betroffenen eingeholt. Zudem werden bei Erwachsenen – wenn möglich – auch die Eltern zur Kindheit des oder der Betroffenen befragt.

Ergänzt wird die Diagnostik durch eine sorgfältige Familienanamnese. In den meisten Fällen erweist es sich nämlich, dass Geschwister, Vater, Mutter, Onkel, Tanten, Grosseltern oder Cousinen und Cousins ebenfalls von der ADHS betroffen sind. Zeigen sich bei Blutsverwandten keine ADHS oder ADHS-ähnliche psychische Probleme, so muss ganz besonders sorgsam geprüft werden, ob es sich tatsächlich um eine ADHS handelt oder ob nicht doch eine andere Kernproblematik vorliegt.

Elementarer Bestandteil jeder Diagnostik ist die so genannte Differenzialdiagnostik. Darunter versteht man die Gesamtheit aller möglichen Diagnosen, welche alternativ als Erklärung für die Beschwerden eines Menschen infrage kommen könnten. Gerade bei einer Problematik wie der ADHS, deren Kernsymptome für sich gesehen auch bei sehr vielen weiteren psychiatrischen und neurologischen Störungen vorkommen können, kommt sorgfältigen differenzialdiagnostischen Überlegungen eine grosse Bedeutung zu.




Teilleistungsstörungen erfassen

Um kognitive Funktionsstörungen oder Teilleistungsschwächen auszuschliessen, welche zu einer der ADHS ähnlichen Symptomatik führen können, wird auch eine testpsychologische Untersuchung durchgeführt. Diese erfüllt den Zweck, allfällige neuropsychologische Störungen, die zusätzlich zu einer ADHS vorliegen, zu erfassen (sogenannte Komorbiditäten, also eigenständige Störungsbilder, welche parallel zur ADHS vorliegen).

Eine sorgfältige Untersuchung verfolgt also immer auch die Absicht, therapierelevante Begleitprobleme zu erfassen. Immerhin leiden rund drei Viertel aller ADHS-Betroffenen unter so genannt komorbiden Störungen. Würde man nur die ADHS, nicht aber allfällig vorliegende Begleitprobleme behandeln, würden Therapieerfolge lange auf sich warten lassen. Eine ganzheitliche Therapie kann also nur dann erfolgen, wenn vorgängig eine ganzheitliche Abklärung durchgeführt wurde.

Therapie auch bei unklarer Diagnose

Selbstverständlich kann bei hohem Leidensdruck eine ADHS-spezifische Behandlung auch dann durchgeführt werden, wenn keine gesicherte ADHS vorliegt. Bei komplexen Störungsbildern kann es nämlich durchaus vorkommen, dass trotz sorgfältig durchgeführter Untersuchung nicht abschliessend geklärt werden kann, welche Diagnose therapeutisch Priorität hat. Das kommt so selten gar nicht vor.

Gerade bei Erwachsenen mit mehreren Komorbiditäten (gleichzeitig vorliegende psychische Störungen), bei Mädchen und Frauen und/oder bei Vorliegen einer hohen Intelligenz ist es oftmals schwierig zu beurteilen, welche Ursachen der Impulsivität, der Zerstreutheit, der Vergesslichkeit und den Selbstmanagementproblemen tatsächlich zugrunde liegen.

Bei ausgeprägten Beschwerden und unter der Voraussetzung, dass bereits in der Kindheit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit beeinträchtigende ADHS-Beschwerden vorlagen, ist ein kontrollierter medikamentöser Behandlungsversuch mit Stimulanzien selbst bei vager Verdachtsdiagnose und fehlenden Alternativdiagnosen durchaus in Erwägung zu ziehen.

Spricht eine Patientin oder ein Patient auf die Behandlung mit einem Stimulans an, so gilt die ADHS-Diagnose indirekt als bestätigt. Demgegenüber ist der Umkehrschluss, dass also ein Nichtansprechen auf Stimulanzien eine ADHS ausschliesst, nicht zulässig. Grund ist der Umstand, dass nicht alle ADHS-Patientinnen und -Patienten auf eine Behandlung mit Stimulanzien ansprechen.




ADHS-Therapie konkret

Der Therapieplan

Zur Einleitung therapeutischer Massnahmen wird die zuständige Fachperson mit den Patientinnen und Patienten und bei Kindern mit deren Eltern einen Gesamttherapieplan erstellen. Dieser definiert die Behandlungsziele und die notwendigen therapeutischen Interventionen, welche zur Erreichung der Therapieziele erforderlich sind.

Dabei setzen sich die Patientinnen und Patienten (oder deren Eltern) mit der Frage auseinander, woran sie ganz konkret erkennen würden, dass die angezeigte Verhaltenstherapie oder eine Behandlung mit Stimulanzien eine positive Wirkung zeigen würden.

Beispiel: „In welchen Situationen würde sich mein Kind wie verhalten, falls es auf das ADHS-Medikament richtig gut anspricht? Was würde konkret anders laufen?“

Bei der Zieldefinition geht es nicht um das Endziel als solches (zum Beispiel Schulnoten über 4), sondern um geeignete Verhaltensweisen, welche dazu führen können, die formulierten Ziele in absehbarer Zeit zu erreichen.

Relevant ist es, dass diese Kinder befähigt werden, sich beim Erledigen der Hausaufgaben mehr Zeit zu lassen, beim Thema zu bleiben, nachzudenken und bei Bedarf nachzufragen, wenn sie etwas trotz Überlegen nicht verstanden haben. Oder dass sie in die Lage versetzt werden, das Geschriebene in Ruhe noch einmal auf mögliche Fehler hin durchzusehen.

Die konkreten Antworten auf die Frage, woran ganz konkret man einen Therapieerfolg erkennen würde, werden schriftlich festgehalten. Dies dient der fortlaufenden Beurteilung des angestrebten Therapieerfolges. Den Therapiezielen kommen selbst eine gewisse therapeutische Wirkung zu: Die Patientinnen und Patienten und/oder deren Eltern konzentrieren sich auf die erwünschten, neuen und positiven Verhaltensweisen.

Dies ermöglicht eine lösungsorientierte mentale Ausrichtung, verstärkt positives Verhalten und fördert eine positive Interaktion mit dem beziehungsweise den Betroffenen.




Medizinische Vorabklärungen

Einer Therapie mit Stimulanzien, welche bei Vorliegen einer ADHS in den meisten Fällen erforderlich ist, geht eine gründliche internistische Untersuchung bei einer Ärztin oder einem Arzt voraus. Dabei werden unter anderem Leber- und Nierenfunktionen und die Schilddrüsenparameter geprüft.

Auch werden Mangelzustände ausgeschlossen (Eisen, Magnesium). Um allfällig vorliegende Herzerkrankungen erfassen zu können, wird meistens ein EKG (Elektrokardiogramm zur Aufzeichnung der Herzmuskelaktivitäten) durchgeführt. Ein EEG (Elektroenzephalografie, eine Methode zur Messung der summierten elektrischen Aktivität des Gehirns) ist dann erforderlich, wenn ein Verdacht auf eine Epilepsie oder eine andere akute zerebrale Pathologie vorliegt oder wenn bei nahen Verwandten neurologische Erkrankungen bestehen.

Medikamente: So wenig wie möglich – so viel wie nötig

Eine Therapie mit Stimulanzien muss individuell abgestimmt erfolgen. Es existiert keine Standard-Dosierung. Die ärztliche Fachperson wird mit einer sehr niedrigen Dosierung beginnen, da einige Patientinnen und Patienten bereits auf kleine Mengen dieser Substanzen ansprechen. Dies gilt insbesondere für Erwachsene.

Grundsätzlich gilt wie bei allen Behandlungen auch bei der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien das Motto: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Stimulanzien eignen sich nicht zur Selbstdispensation. Die Wahl des Medikamentes sowie die Festlegung von Dosierungshöhe und Einnahmezeiten obliegen der verantwortlichen ärztlichen Fachperson.

Einmal Psychopharmaka – immer Psychopharmaka

Auch wenn es sich bei der Therapie mit Stimulanzien immer um eine mehrjährige Behandlung handelt, heisst das noch lange nicht, dass sie ein Leben lang andauern muss: Bei rund der Hälfte der Patientinnen und Patienten lassen die ADHS-Symptome nämlich gegen Ende der Pubertät nach, so dass eine Fortsetzung der Therapie nicht mehr erforderlich ist.

Andere wiederum schliessen die Behandlung erst im frühen Erwachsenenalter oder noch später ab. Entscheidend ist, dass die Behandlung kontrolliert erfolgt, was unter anderem bedeutet, dass regelmässig geprüft wird, ob die medikamentöse Therapie noch erforderlich ist. Bewährt haben sich ärztlich verordnete und kontrollierte Auslassversuche, welche in der Regel einmal pro Jahr durchgeführt werden.

Medikamentöse Basistherapie

Stimulanzien bewirken während ihrer Wirkdauer eine Aktivierung und Normalisierung des Stoffwechsels derjenigen neuronalen Netzwerke des Gehirns, welche für die Reizselektion, die Reaktionsunterdrückung (Impulskontrolle), verschiedene Aufmerksamkeitsfunktionen sowie das Belohnungssystem (ermöglicht Handeln ohne sofortige Bestätigung) zuständig sind.

Bei der Einstellung der Stimulanzien und zur Klärung, ob die Patientinnen und Patienten überhaupt auf Stimulanzien ansprechen, kommen Standard-Präparate in vorerst niedriger Dosierung zur Anwendung. Modernere Langzeitpräparate werden – sofern sie erforderlich sind – erst zu einem späteren Zeitpunkt eingesetzt.

Die kurzzeitig wirkenden Stimulanzien haben eine Wirkdauer von drei bis dreieinhalb Stunden. Dies hat den Vorteil, dass recht einfach beurteilt werden kann, wie gut bei der jeweils aktuellen Dosis die Wirkung ausfällt. Wenn die Erhaltungsdosis ermittelt wurde (diese kann sehr niedrig oder auch sehr hoch ausfallen), wird ersichtlich, wie lange die Wirkung anhält.

Leider ermöglicht es die Standard-Formulierung der Stimulanzien mit kurzer Wirkdauer meistens nicht, dass mit einer Einnahme des Stimulans nach dem Frühstück der ganze Vormittag abgedeckt ist. Deswegen muss bei Schülern/-innen meistens auf Langzeitpräparate umgestellt werden.

Diese wirken in der Regel bis in den Nachmittag, teils auch in den frühen Abend hinein. In Ausnahmefällen wird die Ärztin oder der Arzt verordnen, dass das Langzeitpräparat morgens und mittags eingenommen werden muss.

Nicht immer wirken diese Medikamente nämlich so lange, wie es der Beipackzettel verspricht. Häufiger ist es erforderlich, dass die Wirkung des Medikamentes am Nachmittag durch die Einnahme einer nicht-retardierten und damit kürzer wirkenden Form des Stimulans verlängert wird.




Therapeutische Wirkungen von Stimulanzien

Unter der Wirkung von Stimulanzien zeigen viele ADHS-Betroffene neben besserer Selbstbeherrschung und mehr Widerstandskraft gegen Ablenkungen auch ein kreativeres, spontaneres und flexibleres Problemlöseverhalten. Gemeint ist damit die Fähigkeit, bei offenen Problemstellungen möglichst viele verschiedene Lösungsansätze zur generieren (sogenanntes divergentes Denken).

Als Beispiel dafür folgendes Problem:

Björn bleibt beim Lösen der Hausaufgaben stecken. Er sieht keinen Lösungsweg, reagiert frustriert, klappt genervt das Mathe-Buch zu und schnappt sich das Handy, um nach neuen Facebook-Einträgen zu sehen. Idealerweise würde Björn beim Steckenbleiben mehr oder weniger geduldig verschiedene Lösungsmöglichkeiten suchen, statt frustriert zum Handy zu greifen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er eine seiner Intelligenz angemessene Lösung der Mathe-Aufgabe finden könnte, wäre eindeutig höher. Auch erschiene Björn Aussenstehenden viel geduldiger.

Ohne flüssiges, kreatives oder eben divergentes Denken hilft auch eine hohe Grundintelligenz wenig bei der Lösung komplexer Problemstellungen, wie sie sich einem Individuum im Alltag fortwährend stellen. Um kreativ und divergent denken zu können, muss die betreffende Person unter anderem über mehrheitlich intakte Arbeitsgedächtnisfunktionen verfügen.

Diese ermöglichen es einem Menschen, verschiedene Informationen im Kurzzeitgedächtnis aktiv zu bearbeiten. Normal entwickelte Arbeitsgedächtnisfunktionen stellen auch einen funktionierenden Transfer in das Langzeitgedächtnis und einen Abgleich mit diesem sicher. Dies, verbunden mit einer gesunden Portion an Impulskontrolle, stellt eine zentrale Voraussetzung dar, um im weitesten Sinne vernünftig denken und handeln zu können.

ADHS-Betroffene vermögen also mit einer wirksamen medikamentösen Basistherapie im Denken und im Handeln besser bei der Sache zu bleiben.

 

Zu sich finden – bei sich bleiben

Den meisten ADHS-Patientinnen und -Patienten gelingt es unabhängig vom Alter erst unter der therapeutischen Wirkung von Stimulanzien, in Ruhe über sich selbst, ihre Gefühle und ihr Verhalten nachzudenken. Auch Selbstreflexion, eine für jede Psychotherapie basale Basiskompetenz, wird bei ADHS-Betroffenen in zahlreichen Fällen erst durch den Einsatz von Stimulanzien ermöglicht.

Sie entsteht durch mehr Selbstaufmerksamkeit: Mit Stimulanzien behandelte Patientinnen und Patienten sind oft besser in der Lage, sich selbst wahrzunehmen und zu spüren, währenddem sie ohne Medikamente und teilweise trotz längerer Psychotherapie wenig Gefühl für und wenig Sicht auf sich selbst haben. Medikamentös behandelte ADHS-Patientinnen und -Patienten spüren leichter, was sie wirklich wollen und was nicht.




Sie handeln konsequenter und lassen sich durch schnelle, aber oftmals faule Kompromisse weniger rasch vom Kurs abbringen.

Ohne die unterstützende Wirkung der Stimulanzien, also ohne eine mehr oder weniger intakte Sortierstation Wichtig-Unwichtig, sind Menschen mit einer ADHS ihren Gefühlen, Fantasien, Erinnerungen, Gedanken und vor allem ihren Impulsen zu sehr ausgeliefert. Nicht nur das Lernen für die Schule, sondern auch geduldiges und differenziertes Nachdenken und Sprechen über sich selbst kostet sie unheimlich viel Energie.

Auch sind ADHS-Betroffene ohne Medikamente vielfach zu unruhig, um sich selbst, einem Thema, einem Buch, einer Hausaufgabe oder einem Gegenüber aufmerksam und in Ruhe hingeben zu können.

Die Fähigkeit, sich auch etwas subjektiv nicht so Interessantem widmen zu können, ist eines der Hauptziele jeder ADHS-Therapie. Wenn ein Kind mit einer ADHS dies einigermassen gut beherrscht, kann es beispielsweise einer Lehrerin auch dann noch zuhören, wenn es weniger interessant klingt, kann an den Hausaufgaben auch dann dranbleiben, wenn das Kind im zu lernenden Stoff keinen Sinn erkennen mag und hört der Mutter auch dann einigermassen gut zu, wenn es sich um einen subjektiv unangenehmen Auftrag handelt wie zum Beispiel das Bündeln von Altpapier.

Therapieverlauf: Phase I

Man muss sich bewusst sein, dass eine sorgfältige Einstellung der Therapie mit Stimulanzien für den Erfolg einer Gesamtbehandlung einer ADHS von entscheidender Bedeutung ist. Das belegen jahrzehntelange Erfahrungen von psychologischen und ärztlichen Fachpersonen, welche jahrein jahraus mit ADHS-Betroffenen arbeiten sowie die Resultate zahlreicher internationaler Untersuchungen zur Therapie der ADHS.

In der Regel werden für die Einstellphase (Therapiephase I) drei Monate vorgesehen. In der Anfangszeit stehen die Patientinnen und Patienten (und bei Kindern deren Eltern) täglich persönlich, telefonisch und/oder per Email in Kontakt mit der behandelnden ärztlichen Fachperson. Aufgrund der Rückmeldungen erhöht die Ärztin oder der Arzt alle zwei, drei Tage in kleinen Schritten die Dosierung bis zum Wirkungseintritt, bricht den Therapieversuch aber auch ab, wenn es sich abzeichnet, dass eine Wirkung ausbleibt.

Patientinnen und Patienten, deren Eltern und die zuständigen Ärztinnen und Ärzte orientieren sich bei der Beurteilung der Wirksamkeit der Therapie an den vor Behandlungsbeginn festgelegten konkreten Verhaltensänderungen. Um die anvisierten Behandlungserfolge evaluieren zu können, kontaktiert die Fachperson, also der verantwortliche Psychotherapeut oder die zuständige Ärztin beziehungsweise der zuständige Arzt, nach Absprache mit den Eltern vor und während der Behandlung von Kindern die Lehrkraft, um auch von ihr zu erfahren, ob sich bereits erste Verhaltensänderungen abzeichnen.




Ausserdem werden zur Beurteilung der Wirkung der Stimulanzien bei Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen auch neuropsychologische Tests eingesetzt. Durch die bei der Eingangsuntersuchung erfolgte neuropsychologische Abklärung liegt eine Baseline vor. Eine unter der Wirkung der Stimulanzien zu erfolgende kurze Nachtestung der relevanten Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen (Daueraufmerksamkeit, Widerstandskraft gegen Ablenkungen, Impulskontrolle/Reaktionsunterdrückung usw.) ergibt bei positivem Ansprechen auf die medikamentöse Therapie meistens markant bessere Testleistungen.

Die Resultate bei Anforderungen an kognitive Basisfunktionen liegen im Gegensatz zur Eingangsuntersuchung, welche ohne Medikamente erfolgte, bei guter medikamentöser Einstellung üblicherweise im Norm- beziehungsweise Erwartungsbereich (sofern nicht komorbid vorliegende Teilleistungsstörungen die Testresultate beeinflussen).

Nach Ablauf der rund dreimonatigen Einstellphase erfolgt eine Bilanzsitzung. Auch wenn die in dieser Zeit erfolgten Konsultationen und Gespräche bereits eine unspezifische therapeutische Wirkung entfalteten, kann die Indikationsstellung für eine gezielte Psychotherapie oder eine andere therapeutische Massnahme erst im Anschluss an die Einstellphase erfolgen. Dann erst wird deutlich, wie gut eine ADHS-Patientin oder ein ADHS-Patient auf die medikamentöse Behandlung anspricht. Und dann erst wird ersichtlich, was an behandlungsbedürftigen Problemen übrig bleibt (zum Beispiel Lernstörungen, welche einer Lerntherapie bedürfen).

Spätestens im Verlauf der ersten Therapiephase von Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS zeigt es sich, ob und wenn ja welche weiteren Familienangehörigen von diesem Störungsbild betroffen sind. Betrifft dies Angehörige aus dem engeren Familienkreis (Eltern, Geschwister) erfolgt in der Regel eine Untersuchung und Therapieeinleitung auch dieser Personen.

Das Erziehungsverhalten von Eltern mit einer unerkannten und unbehandelten ADHS kann eine erfolgreiche Therapie erschweren und in Einzelfällen sogar verhindern (impulsive, chaotische Erziehungsstile, ADHS bedingte Ehekonflikte usw.). Auch das Verhalten von Geschwistern mit einer unbehandelten ADHS kann den Therapieverlauf eines Kindes mit einer ADHS ausbremsen (etwa durch fortdauerndes Sticheln und Provozieren).




Therapieverlauf Phase II (Kinder/Jugendliche)

Bei Kindern aus sozial und familiär intakten und zwischenmenschlich wohlwollenden Verhältnissen kommt es gelegentlich vor, dass eine gut eingestellte und engmaschig überprüfte medikamentöse Behandlung ausreicht, so dass beim betroffenen Kind keine weiteren therapeutischen Massnahmen angezeigt sind. Meistens aber sind eine Reihe verhaltenstherapeutisch orientierter Therapiesitzungen erforderlich.

Was in dieser Altersgruppe regelmässig vorkommt, ist die Notwendigkeit, allfällig vorliegende komorbide Störungen einer Behandlung zuzuführen. Selbstverständlich heilt eine Therapie mit Stimulanzien weder eine Lese- und Rechtschreibstörung, eine nonverbale Lernstörung oder eine andere Teilleistungsstörung. Erforderlich sind dann Lern-, Ergo-, Legasthenie- oder Psychomotorik-Therapien.

Während sich die Behandlung bei Kindern mit einer ADHS primär auf die medikamentöse Therapie abstützt und ergänzt wird durch gezielte und verhaltenstherapeutische Interventionen beim Kind, ist es in den meisten Fällen unabdingbar, mit den Eltern intensiver therapeutisch zu arbeiten. Dabei geht es in erster Linie darum, dass Väter und Mütter von Kindern mit einer ADHS lernen, durch geschickte erzieherische Massnahmen beim betroffenen Kind die Auftretenswahrscheinlichkeit des erwünschten Verhaltens zu erhöhen.

Dabei werden vor allem auch die Väter durch Beratungsgespräche ermutigt, mehr Verantwortung in der Kindererziehung zu übernehmen. Die therapeutische Begleitung der Eltern umfasst normalerweise zwischen sechs und acht Konsultationen, kann sich in Einzelfällen aber auch aufwändiger gestalten. Die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen umfasst teils wenige, teils aber auch bis zu zwanzig und mehr Konsultationen und erstreckt sich über einen längeren Zeitraum.

Therapieverlauf Phase II (Erwachsene)

Bei Erwachsenen mit einer ADHS ist es – im Gegensatz zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen – unabdingbar, dass von Beginn der medikamentösen Therapie an eine psychotherapeutische Begleitung erfolgt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Durch jahrelange Scheiternserfahrungen leiden die meisten erwachsenen ADHS-Betroffenen unter schweren Minderwertigkeitsgefühlen.

Im Kern ihres Wesens fühlen sie sich dumm und unfähig, gleichzeitig auch unverstanden und – bedingt durch die Reaktionen anderer – oftmals seelisch zutiefst verletzt. Teilweise haben sich aus der ADHS-Kernproblematik depressive Erkrankungen, Suchtstörungen oder andere psychische Erkrankungen und/oder psychosoziale Belastungsfaktoren (zum Beispiel wiederkehrende Arbeitslosigkeit, Schulden) entwickelt.

Diese Folgeprobleme einer ADHS, welche sich im Verlauf der Jahre oder Jahrzehnte summiert haben, lösen sich selbst bei einem guten Ansprechen auf die Therapie mit Stimulanzien nicht einfach in Luft aus. Negative Grundannahmen über sich selbst und einseitige kognitive Bewertungsmuster können sehr hartnäckig sein.




Auch für erfahrene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten kann die Behandlung dieser festgefahrenen Grundannahmen eine grosse Herausforderung darstellen – und in Einzelfällen sogar bei Patientinnen und Patienten, welche auf die Behandlung mit Stimulanzien gut ansprechen. Die meisten Erwachsenen mit einer ADHS waren sich lange Zeit nicht bewusst, was mit ihnen wirklich los ist.

Nachdem sie sich notgedrungen jahrelang an eine „Negativ-Identität“ klammern mussten, stehen sie mit Beginn einer ADHS-Therapie vor der Herausforderung, ihre eigene Geschichte neu zu schreiben, um psychisch Halt in sich finden zu können. Dies erfordert in den meisten Fällen eine professionelle psychotherapeutische Begleitung.

Dank der durch die medikamentöse Behandlung verbesserten Selbstaufmerksamkeit und der Fähigkeit, länger und gradliniger über sich selbst nachzudenken, gelingt es vielen dieser Patientinnen und Patienten, sich auch vergangenen, vielfach belastenden und leidvollen Erlebnissen konzentriert zuzuwenden. Meistens erstmalig in ihrem Leben ermöglicht ihnen dies, belastende Erfahrungen gründlich zu verarbeiten.

Dies ist umso eindrücklicher, da zahlreiche Erwachsene mit einer (unerkannten) ADHS bereits eine oder mehrere und teilweise langjährige Psychotherapien hinter sich haben. Erst die Fähigkeit, sich dank der verbesserten Selbstaufmerksamkeit der eigenen Geschichte hingeben zu können, setzt bei diesen Menschen heilsame Kräfte frei und macht sie zugänglich für das Erlernen von Bewältigungsstrategien.

Währenddem vor der Therapie mit Stimulanzien die Gedanken mehrheitlich hüpften und tausend andere Einfälle vom Kernthema wegführten, wird nun eine grundlegende Arbeit an sich möglich.

ADHS-Coaching?

In der ADHS-Literatur ist immer wieder davon zu lesen, dass erwachsene ADHS-Betroffene von der Begleitung eines ADHS-Coachs profitieren können. Da in Europa aber kaum qualifizierte ADHS-Coachs arbeiten und die Ausbildung zum ADHS-Coach bisher keine einheitlichen und anerkannten Richtlinien kennt, blieb dieser Ansatz bis heute weitgehend Theorie. Hinzu kommt, dass ein ADHS-Coaching nicht als Heilbehandlung gilt und die Kosten nicht von den Krankenkassen, sondern von den Patientinnen und Patienten selbst getragen werden müssten.

Therapieverlauf Phase III (alle Altersgruppen)

ADHS-Therapien stellen immer mehrjährige Behandlungen dar. Unverzichtbarer Aspekt jeder ADHS-Behandlung sind regelmässige Verlaufskontrollen. Auch bei gutem Behandlungsverlauf sollten pro Jahr zwei oder drei Konsultationen und einmal jährlich eine Standortbestimmung erfolgen. Diese wird in der Regel mit einem Medikamenten-Auslassversuch verknüpft.

Dabei wird mittels Befragung der Patientinnen und Patienten, deren Eltern und Lehrkräften und bei Erwachsenen der Partner/-innen geklärt, wie der Entwicklungsstand ist, ob die medikamentöse Therapie und die anderen Behandlungen noch fortgesetzt werden müssen, ob die aktuelle Medikation noch angemessen ist oder gegebenenfalls angepasst werden müsste. Teilweise werden zur Verlaufskontrolle auch neuropsychologische Testverfahren eingesetzt.




Bei den Standortbestimmungen wird immer auch geprüft, ob der oder die ADHS-Betroffene ihre Ressourcen ausreichend gut auszuschöpfen vermag. Bei den Eingangsuntersuchungen werden auch die Potenziale der Betroffenen erfasst. Wie oben dargelegt, erfordert eine erfolgreiche Behandlung einer ADHS, dass nicht nur defizit-, sondern auch ressourcenorientiert vorgegangen wird.

Konkret bedeutet dies, dass der Therapieplan auch Massnahmen umfasst, um gezielt die eigenen intellektuellen, kreativen und persönlichen Potenziale zu fördern. Gesundheit bedeutet mehr, als nur die Abwesenheit von Krankheitssymptomen. Für die therapeutisch bedeutsame Identitätsentwicklung von ADHS-Betroffenen reichen defizitorientierte Therapiemassnahmen allein also nicht aus.

Danke für diese Infos!Eigene und die Erfahrungen vieler Kolleginnen und Kollegen zeigten immer wieder, wie wichtig vor allem in der Behandlung von Kindern mit einer ADHS die Vernetzung der involvierten Bezugs- und Fachpersonen ist. Wenn immer möglich, sollten nicht nur zu Behandlungsbeginn, sondern auch während der Therapie wenigstens einmal pro Jahr gemeinsame Standortgespräche erfolgen können.

Grundsätzliches zu alternativen Behandlungsformen der ADHS

Selbst bei korrekter Durchführung einer bewährten Therapie sprechen nicht immer alle Menschen auf eine Behandlung an. In diesen Fällen kommt auch denjenigen Behandlungsansätzen Bedeutung zu, deren Wirksamkeitsnachweis nicht oder noch nicht erbracht werden konnte.

Es empfiehlt sich, zuerst immer die bewährtesten und sichersten Behandlungen anzuwenden und erst bei Nichtansprechen oder bei unbefriedigender Wirkung auf alternative Therapien umzusteigen.

Schwachstelle: Versorgung

Die ADHS ist im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen eine relativ einfach zu behandelnde psychische Störung mit guter Prognose. Und dies, obwohl eine ursächliche Heilung nicht möglich ist. Das eigentliche Problem liegt in der bis heute mangelhaften Versorgung: Immer noch arbeiten in kinderpsychologischen und kinderpsychiatrischen Einrichtungen viel zu wenig Fachpersonen, welche sich eingehend mit der Diagnostik und Therapie der ADHS auseinandergesetzt haben.




Die optimale ADHS-Therapie

Eine perfekte Therapie der ADHS existiert nicht. Es gibt aber bewährte und in ihrer Wirksamkeit bestätigte Behandlungsansätze. Optimal ist eine ADHS-Therapie dann,

  • wenn Menschen und nicht Symptome behandelt werden
  • wenn sie im Rahmen einer tragenden, vertrauensvollen und längerfristigen Beziehung zur verantwortlichen Fachperson erfolgt
  • wenn sie sich nicht nur auf die medikamentöse Therapie beschränkt
  • wenn sie einfach und überschaubar bleibt
  • wenn sie massgeschneidert ist und sich an den jeweils individuellen Ausgangsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten der Patientinnen und Patienten orientiert
  • wenn sichergestellt ist, dass mit den therapeutischen Massnahmen keine vermeidbaren Risiken eingegangen werden
  • wenn ihre Wirksamkeit regelmässig überprüft und bei Bedarf individuell angepasst wird
  • wenn sie sich nicht nur auf das betroffene Kind allein konzentriert, sondern auch das Umfeld einbezieht
  • wenn die Patientinnen und Patienten möglichst bald und nachhaltig Linderung ihrer Beschwerden erfahren, mehr Erfolge in Familie, Beziehung, Schule, Ausbildung und Beruf haben, zu mehr Selbstachtung und Wohlsein finden
  • wenn schliesslich das Kind auch bei ausbleibenden Behandlungserfolgen von allen Involvierten (Eltern, Fachpersonen, Lehrkräfte) akzeptiert, getragen und gefördert wird

 

Mögen diese Ausführungen dazu beitragen, dass Menschen mit einer ADHS mehr Verständnis, mehr Entwicklungschancen und mehr Therapiemöglichkeiten entgegengebracht werden.

Ein langer Text. Ich weiss. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




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http://www.adhs.ch/ueber-mich/Ich kann Ihnen niemand empfehlen. Aber die ADHS-Elternorganisation ELPOS vielleicht. Siehe hier.

Zuerst aber sollten Sie versuchen, mit dem Arzt, welcher ihrem Sohn die Medikamente verschreibt, diese so unbefriedigende Situation zu besprechen. Natürlich ohne Beisein Ihres Buben. „Der Arzt nimmt sich keine Zeit für mich und meinen Sohn | Zuerst Ritalin, jetzt Elvanse“ weiterlesen

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