Ich habe es satt, immer und immer wieder zu versagen, weil ich mich nicht unter Kontrolle habe!

Ich bin ein 35 Jahre alter zweifacher Familienvater. In meiner Kindheit wurde POS (= ADHS; Anm. Piero Rossi) diagnostiziert. Meine Eltern wollten dieses jedoch nicht medikamentös behandeln lassen. Irgendwie habe ich es auch so durchs Leben geschafft. So habe ich es gelernt, mich sehr gut zu organisieren und bin sehr (meist über-)pünktlich. „Ich habe es satt, immer und immer wieder zu versagen, weil ich mich nicht unter Kontrolle habe!“ weiterlesen

Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann?

Hallo Herr Rossi! Haben Sie gestern die Sendung „Leben mit ADHS“ im Schweizer Fernsehen gesehen? Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann? Seine Geschichte hat mich sehr bewegt. Mit freundlichen Grüssen A. F.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Ja, ich habe diese DOK-Sendung gesehen. Informationen zu diesem Film gibt es hier.

Auch mich hat es traurig gemacht zu sehen, dass dieser vife Junge immer wieder so deftige Rückschläge erleiden muss. „Gibt es denn tatsächlich keine Möglichkeit, dass Kilian besser geholfen werden kann?“ weiterlesen

Gefühlsmonster | ADHS & Gefühle: Ein heisses Thema!

 


ADHS & Gefühle: Ein heisses Thema!
Gefühlsmonster oder gefühlstaub?

Wie lernen, mit Gefühlen umzugehen?
Lesen Sie weiter!


 

ADHS & Gefühle: Ein heisses Thema!

Kinder und Erwachsene mit einer ADHS haben ernste Probleme im Umgang mit ihren Emotionen. Manche sind wahre Gefühlsmoster. Andere wirken eher gefühlstaub.

Ein Grund liegt darin, dass die syndromtypische, neurobiologische Störung der Impulshemmung dazu führt, dass Betroffene ihren Gefühlen ausgeliefert sind.

„Es passiert einfach!“

Dinge sagen und tun, die man eigentlich nicht will (oder zumindest nicht so heftig), ist für die Betroffenen oftmals sehr irritierend. Sie fragen sich: „Bin ich das wirklich?“ Folge ist, dass Kinder und Erwachsene mit einer ADHS schon früh das Vertrauen in ihre Gefühle verlieren. Ihnen fehlt ein ‚gesunder‘ Zugang zu den eigenen Emotionen. Gefühle „normal“ ausdrücken? Geht nicht. Wegen der ADHS und weil nicht erlernt.

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Für die Bewältigung der Anforderungen, die das Leben stellt, ist ein mehr oder weniger intakter Umgang mit den eigenen Emotionen aber unerlässlich. Voraussetzung hierfür ist, dass Betroffene ihre Gefühle überhaupt kennen, sie also benennen können. Und da fängt das Problem an: Genau das nämlich geht nicht. Zu viele irritierende und negative Erfahrungen sind mit den eigenen Emotionen verbunden. Sie zu benennen hiesse, den damit verbundenen Schmerz wieder zu erleben.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass Angehörige den Betroffenen oftmals nicht glauben, wenn diese sagen, dass sie das so nicht sagen oder tun wollten. Es folgen Liebesentzug und andere Strafen. Die meisten Menschen mit einer ADHS fühlen sich zutiefst unverstanden. Und das oftmals zu Recht.




 

Gefühlsmonster? Was hilft?

Erwachsene

Helfen kann eine Psychotherapie. Wichtig ist, dass der Psychotherapeut oder die Psychotherapeutin mit der ADHS gut vertraut ist. Sonst kommt es schnell wieder dazu, dass ADHS-Betroffene sich erneut nicht verstanden fühlen. Und in der Folge auch das Kapitel Psychotherapie abschliessen.

ADHS bei Frauen – den Gefühlen ausgeliefert

Kinder

Lernen, eigene und auch ambivalente Gefühle auszudrücken, ist auch bei Kindern ein häufiges Thema einer Psychotherapie. Aber im Kindergarten, teilweise in Schulen und daheim können Kinder – und damit auch Kinder mit einer ADHS – lernen, differenzierte Gefühlsausdrücke wahrzunehmen, zu verstehen und auszudrücken.

Bilderkarten

Bewährt haben sich hierfür Bilderkarten wie diese: Bildkarten Gefühle. für Kindergarten und Grundschule. Siehe dazu auch die Amazon-Kommentare von Personen, welche diese Karten einsetzten.

 

Auch für Erwachsene gibt es eine ganze Reihe von Bilderkarten, welche einen besseren Zugang zu den eigenen Emotionen ermöglichen. Da ich im Gegensatz zum Einsatz mit Kindern selber keine Erfahrung habe mit Emotions-Karten bei der Arbeit mit Erwachsenen, verzichte ich an dieser Stelle auf Empfehlungen.


Von anderen Autoren existieren zahlreiche weitere Bilderkarten. Hier eine Auswahl:

80 Bild-Impulse: Gefühle


Gefühle benennen mit Kindern und Jugendlichen: Kartenset mit 120 Bildkarten


Gemischte Gefühle: Die bunte Welt der Gefühle in 46 Karten


Besonders interessant finde ich ein Buch mit sozialen Foto-Storys, welches eigentlich für Autisten geschrieben wurde. Es bietet auch für Kinder ohne Autismus viele Anregungen:

Soziale Foto-Geschichten für Kinder mit Autismus: Visuelle Hilfen zur Vermittlung von Spiel, Emotion und Kommunikation

Eckpunkte, Chancen und Stolpersteine der ADHS Therapie bei Kindern und Erwachsenen

Einleitung

http://www.adhs.ch/ueber-mich/Was alles gehört zu einer erfolgreichen Therapie einer ADHS?
Wie sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen?
Welches ist die richtige Therapie?
Wie ist der Ablauf einer Behandlung?

Autor: Piero Rossi (2011)

Im Folgenden werden Eckpunkte, Chancen und Stolpersteine einer ADHS-Therapie dargelegt.

Gesellschaft und Therapie

Wir müssen uns bewusst sein, dass sich Fragen und Stellungnahmen zur Therapie der ADHS nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stellen und beantworten lassen. Schauen wir den Tatsachen ins Auge: In unserer Konsum- und Nonstop-Gesellschaft dreht sich vieles immer schneller und schneller.

Ein immer höheres Arbeitstempo, immer rasantere Konsolespiele, ein immer schnellerer Austausch von Arbeitsstellen, Beziehungen, Handys, Autos, Hobbies und persönlichen Vorlieben und der zunehmende Konsumrausch führen bei vielen zu einer fortschreitenden Entwertung vieler Lebensbereiche. Dies erzeugt oder verstärkt bei Kindern und Erwachsenen Rastlosigkeit, Überforderungsgefühle, innere Leere, Unzufriedenheit, Angst etwas zu verpassen und ein immer hektischeres Lebensgefühl.

Für die meisten von uns wird Multitasking, also gleichzeitiges Beachten und Bearbeiten von Informationen, nicht nur in der Arbeit und der Freizeit, sondern zunehmend auch im Privat- und Innenleben zum vorherrschenden Modus.

Reizüberflutungen und hohes Tempo führen bei immer mehr Individuen zu einem Verlust der Fähigkeit, sich in Ruhe einer Sache hinzugeben, sich nur darauf zu konzentrieren, den Augenblick wahrzunehmen und zu geniessen. Geduld, sich selbst und anderen Zeit zu lassen, innezuhalten und zuzuwarten, werden für zahlreiche Menschen zu immer abstrakteren Begriffen.

Evident ist auch, dass die Erwartungen der gesellschaftlichen Institutionen an die Kinder höher und höher werden. Das gilt vor allem für die Schule. Immer früher wird von den Kindern Selbstständigkeit erwartet. Immer grösser werden Druck und Unsicherheit bezüglich des richtigen Oberstufenübertrittes, unter welchen sich Eltern und Kinder manchmal schon in der dritten Klasse gesetzt fühlen.




Kinder erhalten heute kaum mehr Zeit und Raum, sich individuell und ihren Stärken und Schwächen entsprechend entwickeln zu können.

Kranke Gesellschaft – kranke Kinder?

Diese und andere einschneidenden gesellschaftlichen Veränderungen bedeuten nun aber nicht, dass allein darin die Ursachen für eine ADHS zu suchen wären. Die schon seit Jahrzehnten und auf allen Kontinenten mehr oder weniger konstante Auftretenshäufigkeit der ADHS, die auffallend hohe familiäre Häufung und damit die genetische Bedingtheit dieses Syndroms belegen mit hoher Evidenz, dass gesellschaftliche Faktoren als Ursachen der ADHS eine sekundäre Bedeutung spielen.

Nichtsdestotrotz kommen den gesellschaftliche Rahmenbedingungen bezüglich der Entwicklung unserer Kinder und der Entstehung von psychischen Störungen eine eminent wichtige Rolle zu. Dies gilt selbstredend auch hinsichtlich der ADHS-Therapie. Es stellen sich viele Fragen: Kann ein Kind in einer kranken Gesellschaft überhaupt gesund werden?

Und: Was heisst überhaupt Gesundheit in einer Gesellschaft, welche ihre Kinder von klein auf medial überschwemmt und in erster Linie zu willigen Konsumentinnen und Konsumenten erzieht? Oder: Kann es überhaupt ein Ziel sein, Kinder mittels therapeutischer Interventionen dahingehend zu beeinflussen, sich den gesellschaftlichen Anforderungen einfach nur anzupassen? Und: Verwechseln wir nicht Gesundheit mit gesellschaftlicher Anpassung?

Schliesslich: Kann Gesundheit heissen, einfach nur zu funktionieren? Und überhaupt: Gäbe es mehr Hypersensible, mehr störrische Neinsager/-innen, mehr Nonkonformisten und mehr Gerechtigkeitsfanatiker/-innen – sähe unsere Welt dann nicht viel positiver aus?

Machbarkeitswahn vs. Recht auf Krankheit und Behinderung

Berichte über ständige Fortschritte in der Medizin bestärken bei vielen Menschen die Erwartung, dass auch im Bereich der Psychologie und der Psychiatrie alle Probleme irgendwie lösbar sein müssen. Schliesslich gibt es heutzutage moderne Medikamente und wissenschaftlich überprüfte Behandlungen gegen beinahe alle Leiden.

Dem ist aber nicht so. Im Gegenteil: Zahlreichen somatischen, aber auch seelischen und zwischenmenschlichen Problemen stehen auch Fachleute bis heute hilflos gegenüber. Nicht immer kann abschliessend geklärt werden, was in der Seele eines Menschen vor sich geht, welche Motive seinem Verhalten zugrunde liegen und wieso die Entwicklung eines Kindes diesen oder jenen Verlauf genommen hat. Und nicht immer kann den psychischen Beschwerden eines Menschen eine Diagnose zugeordnet werden.




Es gehört wahrscheinlich zur menschlichen Natur schlechthin, dass nicht alles versteh- und von aussen veränderbar ist. Auch hinsichtlich der Behandlung einer ADHS gilt es zu akzeptieren, dass selbst der optimalste Einsatz therapeutischer Interventionen nicht immer dazu führt, dass ein von der ADHS betroffener Mensch Linderung seiner Beschwerden erfährt.

Psychologische und ärztliche Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten behandeln Menschen, also unvollkommene und verletzliche Individuen und keine Symptome oder abstrakte Diagnosen.

So verständlich die hohen Erwartungen an einen Behandlungserfolg der ADHS sind, so bedeutsam sind Bescheidenheit und eine Akzeptanz der Tatsache, dass auch ein chronisch krankes oder behindertes Individuum mit all seinen Ecken und Macken eine Daseinsberechtigung hat. Das gilt auch für unscheinbarere Behinderungen wie eine ADHS oder beispielsweise eine Legasthenie.

Viele Fachpersonen stehen in diesem Zusammenhang zunehmend vor der Herausforderung, ein ADHS-Kind in seinem Anderssein gegenüber dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck zu verteidigen.

Mein Plädoyer, ADHS-Betroffene als Individuen anzunehmen und sie in ihrer Andersartigkeit zu akzeptieren, richtet sich an Väter, Lehrkräfte und gesellschaftliche Institutionen, nicht aber an die Mütter dieser Kinder. Für diese ist es aus meiner Erfahrung selbstverständlich, ihr Kind trotz aller Probleme anzunehmen (womit ich natürlich nicht zum Ausdruck bringen will, dass Mütter die ADHS bedingten Verhaltensstörungen ihrer Kinder einfach nur schlucken müssen).

Zum Wohl des Kindes

Auch ich weiss für viele der oben aufgeworfenen Fragen keine befriedigenden Antworten. Wichtig erscheint es mir aber, dass Fachleute, Eltern (also Mütter und Väter) sowie auch erwachsene Betroffene sich mit diesen gesellschaftlichen Fragen aktiv auseinander setzen und nicht müde werden, „Wieso?“ zu fragen.




Relevant erscheint mir dies deshalb, weil bei der Therapieplanung sonst möglicherweise primär gesellschaftskonforme Therapieziele etabliert werden, welche dem Individuum und seinen grundlegenden Entwicklungsbedürfnissen entgegenlaufen, ja, ihnen zum Teil sogar widersprechen könnten. Bei der Erarbeitung von massgeschneiderten Therapiezielen ist daher immer besonders gut darauf zu achten, dass der Einzigartigkeit des Individuums, seiner Bedürfnisse und Entwicklungsmöglichkeiten Rechnung getragen wird.

 

Können störendes Verhalten und Konzentrationsschwächen während einer Behandlung reduziert werden, ist das sicher wünschenswert und auch erfreulich. Viel wichtiger aber ist es, dass ein Kind dank einer Therapie befähigt werden kann, sich seinen Möglichkeiten entsprechend zu entwickeln und so zu sein beziehungsweise so zu werden, wie es wirklich ist.

Therapie kann nicht bedeuten, einfach nur störende Symptome zu eliminieren und ein Kind an die Umweltbedingungen anzupassen. So wird kein Kind gesund. In zahlreichen Fällen müssen sich zum Wohl eines Kindes Schule und Eltern den speziellen Bedürfnissen des Kindes anpassen (und nicht immer nur umgekehrt). Das heisst auch, dass es nicht zwingend ist, es nur in Richtung gesellschaftskonformen Verhaltens zu therapieren.

Zu einem Therapieplan eines ADHS-Kindes gehören also meistens auch Veränderungen seitens der Umwelt (Unterricht, Familienklima, Erziehungsstile usw.).




Bei den Stärken ansetzen

Ich habe in meiner Arbeit in den letzten 15 Jahren rund 1500 Betroffene mit ADHS-Symptomatik kennengelernt und dabei feststellen können, dass viele meiner Patientinnen und Patienten trotz ausgeprägten ADHS-Symptomen und den damit verbundenen Entwicklungsbehinderungen so krank gar nicht waren:

Täglich begegnen mir in meiner Arbeit Menschen mit einer ADHS, welche durch langjährige und vielfältige Scheiternserfahrungen gekränkt und teilweise seelisch erheblich verletzt, im Kern ihres Wesens aber trotzdem gesund geblieben sind. Immer wieder beeindruckten mich die Ehrlichkeit von ADHS-betroffenen Kindern und Erwachsenen:

Da sie sich nicht zurückhalten können, meistens viel zu spontan handeln sowie verbal und nonverbal meistens ohne Umweg zum Ausdruck bringen, was sie gerade denken und fühlen, wirken diese Menschen sehr authentisch und präsent. Dies steht ganz im Gegensatz zu vielen zu gut sozialisierten Individuen, welche gelernt haben, Nein zu denken und Ja zu sagen und in einer ihnen von den Eltern und der Gesellschaft zugedachten und vielfach krankmachenden Rolle oft ein Leben lang gefangen bleiben.

Jede erfolgreiche Therapie der ADHS orientiert sich nicht nur an der Pathologie, sondern auch an den gesunden Anteilen eines von dieser Störung betroffenen Menschen. Dies erfordert in erster Linie eine tragende therapeutische Beziehung zwischen Therapeutinnen / Therapeuten mit den Patientinnen / Patienten und deren Eltern.

Kinder, die von einer ADHS betroffen sind, spüren ihrer Reizoffenheit wegen sofort, ob das Gegenüber sie wahr- und ernst nimmt, ob also der zuständige Arzt oder die behandelnde Psychotherapeutin sich in der Gestaltung der therapeutischen Beziehung auch auf die Ressourcen dieser Kinder abstützt oder nicht.

Konzentriert sich eine Therapie nur auf die Eliminierung von Symptomen und nicht auf die Betroffenen als Ganzes, kommt kein tragendes therapeutisches Bündnis zustande. Die jungen Patientinnen und Patienten brechen die Therapie dann meistens schnell ab.

Anrecht auf eine optimale Therapie

Menschen mit Krankheiten oder Entwicklungsstörungen haben ein Anrecht auf eine optimale Therapie. Gemeint ist damit eine bei vielen Patientinnen und Patienten nachweislich wirksame Behandlung, welche die Betroffenen so wenig wie möglich belastet.

So genannt evidenzbasierte, also unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten erarbeitete und kontinuierlich überprüfte Diagnose- und Behandlungsleitlinien, stecken dabei den Rahmen ab, innerhalb dessen eine fachgerechte und dem aktuellen Wissensstand entsprechende Untersuchung und Therapie zu erfolgen hat. Das gilt auch bei der ADHS.




Selbstverständlich spielen in der Diagnostik und der Behandlung der ADHS auch Berufserfahrungen und Intuition des Psychotherapeuten oder der behandelnden Psychiaterin eine wichtige Rolle. Dennoch: Heute ist es weder Ansichtssache noch eine Meinungsfrage, welche Therapien bei welchen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen zur Anwendung kommen sollen.

Der Stand der Wirksamkeitsforschung von Behandlungen ist auch bei der ADHS weit fortgeschritten, so dass die Resultate der Therapieforschung heute in der Planung jeder seriösen Behandlung zwingend berücksichtigt werden müssen. Fachpersonen, welche ihre therapeutischen Ratschläge oder Entscheidungen nicht mit wissenschaftlich begründeten Nachweisen, sondern primär mit Hinweisen wie: „Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit…“ zu legitimieren versuchen, handeln nicht fachgerecht.

Beachte: Nachzufragen – und zwar vor Behandlungsbeginn – kann sich lohnen. Patientinnen und Patienten und ihre Eltern dürfen und sollen sich bei ihren Fachpersonen erkundigen, wie diese die Wahl der vorgeschlagenen Therapien begründen: Warum diese und keine andere Therapien? Was weiss man über Behandlungserfolge und Risiken der Behandlung?

Für Eltern von Kindern mit einer ADHS und den von diesem Syndrom betroffenen Erwachsenen ist es von grundlegender Bedeutung, dass nicht irgendeine wohlklingende und angeblich nebenwirkungsfreie, sondern die bewährtesten und sichersten Behandlungen zur Anwendung kommen. Weil es bei der ADHS meistens auch einer medikamentösen Behandlung bedarf, kann und soll im Zweifelsfall eine Zweitmeinung eingeholt werden.

Multimodale Therapie

Praxiserfahrungen und Studien zu Kurz- und Langzeiteffekten von ADHS-Therapien zeigen, dass es sich bei einer möglichst erfolgreichen Behandlung der ADHS nicht um eine Mono-, sondern um eine Kombinationsbehandlung handelt. Diese so genannte multimodale Therapie ist erforderlich, weil die Therapieziele auf verschiedenen Ebenen liegen:

  • Direkte Behandlung der ADHS-Symptome sowie von allfällig komorbid vorliegenden Störungen
  • Verbesserung des sozialen Funktionierens in Familie, Beziehungen, Schule, Ausbildung und Beruf durch therapeutische Massnahmen im Umfeld
  • Sicherstellung einer langfristigen Behandlung, da es sich bei ADHS um eine chronische Erkrankung handelt, welche nicht geheilt, sondern nur gelindert werden kann

Säulen der multimodalen Therapie

Psychoedukation

Ein grundlegendes Verständnis dafür, was die ADHS ist, welche Auswirkungen sie auf die Betroffenen hat und wie den durch sie hervorgerufenen Problemen begegnet werden kann, ist elementarer Bestandteil jeder (ADHS-) Therapie. Patientinnen und Patienten, Eltern, nahe Angehörige (und bei Kindern deren Lehrkräfte) werden eingehend über die ADHS informiert und aufgeklärt.

Auch Kindern wird ihrem Entwicklungsalter entsprechend Basiswissen über die ADHS vermittelt. Dies ermöglicht es ihnen, ihre Probleme zu identifizieren, anstatt sich pauschal für dumm und unfähig zu halten.




Trotz Vorliegen bewährter Konzepte für die Psychoedukation erweist sich dieser Grundpfeiler der multimodalen Therapie der ADHS in der Praxis als grosse Schwachstelle. Gründe sind unter anderem: ADHS-Fachpersonen stossen bereits mit der Versorgung von basalen therapeutischen Dienstleistungen an die Kapazitätsgrenze (lange Wartezeiten, Personalmangel in Praxen und öffentlichen Diensten).

Vielen Fachpersonen fehlt schlicht die Zeit für ausführliche Gespräche mit Lehrkräften und anderen involvierten Bezugspersonen. Ein weiterer Grund liegt darin, dass die Krankenkassen nur für Heilbehandlungen aufkommen, nicht aber für die Psychoedukation von Bezugspersonen.

Personenzentrierte Interventionen

Bei der Behandlung der ADHS spielt die medikamentöse Behandlung die „erste Geige“. Dies wissen nicht nur Praktiker/-innen. Auch in Studien konnte das sehr gut belegt werden. Ergänzt wird diese Behandlung durch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Psychotherapie. Diese umfasst unter anderem eine Selbstmanagement-Therapie (Ziele: verbesserte Affekt- und Verhaltenssteuerung, verbessertes Selbstbild) und bei Bedarf ein soziales Kompetenzenztraining.

Ebenfalls zu den verhaltenstherapeutischen Interventionen zählt die Neurofeedback-Therapie, deren Wirksamkeit vor allem beim unaufmerksamen Typus der ADHS als gut belegt gilt. Gestützt auf aktuelle Forschungsresultate scheinen ausgewählten Diät-Behandlungen bei ADHS wieder mehr Bedeutung zuzukommen (Eliminationsdiäten).

Zahlreiche Kinder mit einer ADHS profitieren nachweislich auch von spezifischen neuropsychologischen Behandlungen, wie einem therapeutischen und meistens computergestützten Konzentrations- und Impulskontrolltraining.

Wie so oft schaut es in der Praxis anders aus als in der Theorie: Währenddem der medikamentöse Therapieansatz zwischenzeitlich gut etabliert ist, kommen erst wenige ADHS-Betroffene in den Genuss qualifizierter verhaltenstherapeutischer oder neuropsychologischer Behandlungen. Der Hauptgrund liegt darin, dass es viel zu wenig verhaltenstherapeutisch ausgebildete Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und ADHS-erfahrene Neuropsychologinnen und Neuropsychologen gibt.




Gleiches gilt für eine Neurofeedback-Therapie, welche nur von sehr wenigen Fachpersonen durchgeführt wird. Auch ohne wissenschaftlich begründeten Nachweis erweist sich bei Kindern mit einer ADHS die Ergotherapie in zahlreichen Fällen als wirksam. Der Grund liegt darin, dass in der Ergotherapie auch verhaltenstherapeutische und neuropsychologische Therapieansätze zur Anwendung kommen.

Elternzentrierte Interventionen

Da in Familien mit ADHS-Betroffenen meistens negative Eltern-Kind-Interaktionen dominieren, welche die Beziehungen untereinander zusätzlich belasten, ist zur fachgerechten Behandlung in den meisten Fällen auch eine verhaltenstherapeutisch orientierte Erziehungsberatung erforderlich. Die Wirksamkeit dieser als Eltern-Training bezeichneten Therapien gilt in der Forschung und im klinischen Alltag als gut belegt.

Leider werden auch diese elternzentrierten Behandlungen viel zu selten durchgeführt. Die Gründe liegen wiederum im Mangel an qualifizierten Fachpersonen sowie in den Versicherungsbedingungen der Krankenkassen, welche keine Finanzierung elternzentrierter Therapien vorsehen.

Wie sicher ist die Therapie?

In der Behandlungskette der ADHS spielen Medikamente eine zentrale Rolle. Man könnte nun einwenden, dass eine alternative Behandlung – etwa mit Omega-3-Fettsäuren – für die Patientinnen und Patienten ein kleineres Risiko darstellt als eine medikamentöse Therapie mit Stimulanzien. Immerhin, so könnte man argumentieren, wird mit einer medikamentösen Therapie bei einem Kind, dessen Gehirn noch nicht ausgereift ist, direkt in den zerebralen Stoffwechsel eingegriffen.




Kann das überhaupt gut gehen? Ist das nicht mit zu grossen Risiken behaftet? Man könnte zudem geltend machen, dass keine unabhängigen und zuverlässigen Langzeitstudien vorliegen, welche die komplette Unbedenklichkeit dieser chemischen Therapien belegen. Diese Einwände haben zweifellos ihre Berechtigung. Nur darf Folgendes nicht ausser Acht gelassen werden:

  • Bis heute liegen keine ernstzunehmenden Hinweise vor, dass die Behandlung von Kindern mit Stimulanzien zu Erkrankungen, Verhaltensstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen führt. Wie bei allen wirksamen Medikamenten können auch bei der Therapie mit Stimulanzien unerwünschte Arzneimittelwirkungen auftreten. Diesen kann in den meisten Fällen durch eine Dosisanpassung oder einen Wechsel des Präparates wirkungsvoll begegnet werden.
  • Dass ADHS-Medikamente abhängig machen sollen, wird von Sekten und anderen fundamentalistischen Gruppierungen immer wieder einmal postuliert, entbehrt aber jeglicher empirischen Grundlage. Rechtzeitig mit Stimulanzien behandelte Kinder mit einer ADHS haben im Vergleich mit den Unbehandelten ein niedriges Risiko, später eine Sucht zu entwickeln. Selbst ein Absetzen der ADHS-Medikamente ist jederzeit möglich.
  • Bei der unbehandelten ADHS handelt es sich nachweislich um eine für das betroffene Individuum mit grossen Risiken verbundene Störung. Beispiel: Bedingt durch ihre Zerstreutheit und ihr impulsives Dreinschiessen sind Kinder mit einer ADHS nachweislich viel häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt als gesunde Kinder.

Merke!

Jeder Zeitverlust, der als Folge einer eventuell unwirksamen Therapie entstehen kann, stellt somit ein ernstes Risiko für das betroffene Kind dar. Gleiches gilt auch für die Schule: Ein halbes Jahr herumexperimentieren mit einer ungeprüften Therapieform kann mit unzähligen und möglicherweise vermeidbaren schulischen Misserfolgserlebnissen und Enttäuschungen einhergehen, welche dem betroffenen Kind weitere psychische Schäden zufügen können.

Psychologinnen und Psychologen, welche Erwachsene mit einer ADHS behandeln, wissen um die unendlich vielen seelischen Verletzungen, welche mit einer rechtzeitigen und fachgerechten Behandlung wahrscheinlich hätten vermieden oder reduziert werden können. Um mögliche Folgeschäden zu vermeiden, sollte eine ADHS daher möglichst frühzeitig behandelt werden. Darin sind sich ADHS-Fachpersonen weltweit einig.




Diagnostik als Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung

Grundlegender Bestandteil jeder fachgerecht durchgeführten Therapie der ADHS ist eine sorgfältige Diagnostik. An diesem Punkt unterscheiden sich seriöse von unseriösen Behandlungsformen. Letztere verkaufen ihre Therapien ohne vorausgehende individuelle Abklärung, ohne Indikationsstellung und ohne Therapieplan.

Sorgfältige Indikationsstellung

Eine spezifische und gezielt auf die Behandlung einer ADHS und deren Begleitprobleme ausgerichtete Therapie ist nur dann gerechtfertigt, wenn sich die Beschwerden und Probleme eines Menschen nach Beurteilung durch eine Fachperson mit der Diagnose einer ADHS vereinbaren lassen.

 

Entscheidend ist dabei nicht alleine das Vorhandensein der in den diagnostischen Klassifikationssystemen aufgezählten Symptome an sich, sondern vielmehr das Ausmass, in welchem diese Beschwerden die Entwicklung des Kindes behindern.

Ich betone dies, da wir in der Praxis immer häufiger Patientinnen und Patienten mit Verhaltens- und psychischen Problemen sehen, welche medikamentös mit Stimulanzien behandelt werden, ohne dass jemals eine gründliche Abklärung erfolgte und ohne, dass eine Behandlung gerechtfertigt wäre.

Kein ADHS-Test

Bei der ADHS handelt es sich um eine klinisch zu stellende Diagnose. Relevant ist also, was ganz konkret die Patientinnen und Patienten im Familien- und Schulalltag an Beschwerden und Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Bis heute existiert kein Test, mit welchem ausreichend sicher auf das Vorliegen oder nicht Vorliegen einer ADHS geschlossen werden kann.

Das heisst aber nicht, dass es bei Abklärungen auf ADHS Tests bedarf. Diagnostisch entscheidend sind Art und Weise, wie die Betroffenen mit den Anforderungen, die sich ihnen in Schule, Familie und Beruf stellen, langfristig umzugehen vermögen. Bei ADHS-Betroffenen ziehen sich Konzentrationsschwächen, Zerstreutheit, Vergesslichkeit und Impulsivität wie ein roter Faden durch das ganze Leben.




Sie verhindern es, dass diese Menschen eine ihrem Potenzial gegebene schulische und berufliche Entwicklung durchlaufen können und führen dazu, dass sie ständig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben und immer mehr Selbstzweifel, Verunsicherungen über die eigene Identität und bisweilen auch Selbsthass entwickeln.

Die Abklärung ganz konkret

Bei Verdacht auf eine ADHS umfasst eine Untersuchung bei Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen eine mehrstündige Abklärung (vier bis acht Stunden). Diese Untersuchung wird von Fachpsychologinnen, Kinderpsychiatern und spezialisierten Kinderärztinnen durchgeführt. Ergänzend zu den Untersuchungsgesprächen mit den Patientinnen und Patienten und deren Angehörigen (Eltern, Partner/-in) kommen auch standardisierte Checklisten und Fragebögen zur Anwendung.

Diese haben den Zweck, möglichst viele Facetten einer eventuell von der ADHS betroffene Personen zu erfassen, um diese dann einer eingehenden Untersuchung zuzuführen. Diese Screening-Tests sind allerdings nicht geeignet, um eine ADHS-Symptomatik zuverlässig von den Folgen anderer Störungsbilder, die ebenfalls mit Konzentrationsproblemen und Impulsivität einhergehen können, abzugrenzen. Eine Diagnose darf sich also nicht alleine auf die Resultate dieser Screening-Checklisten abstützen. Zu viele bekämen sonst fälschlicherweise eine ADHS-Diagnose und eine Fehlbehandlung.

Bei Verdacht auf Vorliegen einer ADHS werden nicht nur die Patientinnen und Patienten selbst untersucht. Auch das Umfeld wird mit einbezogen. Bei Kindern werden neben den Eltern auch die Lehrkräfte zum Verhalten des Kindes befragt. Bei erwachsenen ADHS-Betroffenen werden bei Lebenspartnern/-innen detaillierte Informationen über die Charaktereigenschaften und das Verhalten des oder der Betroffenen eingeholt. Zudem werden bei Erwachsenen – wenn möglich – auch die Eltern zur Kindheit des oder der Betroffenen befragt.

Ergänzt wird die Diagnostik durch eine sorgfältige Familienanamnese. In den meisten Fällen erweist es sich nämlich, dass Geschwister, Vater, Mutter, Onkel, Tanten, Grosseltern oder Cousinen und Cousins ebenfalls von der ADHS betroffen sind. Zeigen sich bei Blutsverwandten keine ADHS oder ADHS-ähnliche psychische Probleme, so muss ganz besonders sorgsam geprüft werden, ob es sich tatsächlich um eine ADHS handelt oder ob nicht doch eine andere Kernproblematik vorliegt.

Elementarer Bestandteil jeder Diagnostik ist die so genannte Differenzialdiagnostik. Darunter versteht man die Gesamtheit aller möglichen Diagnosen, welche alternativ als Erklärung für die Beschwerden eines Menschen infrage kommen könnten. Gerade bei einer Problematik wie der ADHS, deren Kernsymptome für sich gesehen auch bei sehr vielen weiteren psychiatrischen und neurologischen Störungen vorkommen können, kommt sorgfältigen differenzialdiagnostischen Überlegungen eine grosse Bedeutung zu.




Teilleistungsstörungen erfassen

Um kognitive Funktionsstörungen oder Teilleistungsschwächen auszuschliessen, welche zu einer der ADHS ähnlichen Symptomatik führen können, wird auch eine testpsychologische Untersuchung durchgeführt. Diese erfüllt den Zweck, allfällige neuropsychologische Störungen, die zusätzlich zu einer ADHS vorliegen, zu erfassen (sogenannte Komorbiditäten, also eigenständige Störungsbilder, welche parallel zur ADHS vorliegen).

Eine sorgfältige Untersuchung verfolgt also immer auch die Absicht, therapierelevante Begleitprobleme zu erfassen. Immerhin leiden rund drei Viertel aller ADHS-Betroffenen unter so genannt komorbiden Störungen. Würde man nur die ADHS, nicht aber allfällig vorliegende Begleitprobleme behandeln, würden Therapieerfolge lange auf sich warten lassen. Eine ganzheitliche Therapie kann also nur dann erfolgen, wenn vorgängig eine ganzheitliche Abklärung durchgeführt wurde.

Therapie auch bei unklarer Diagnose

Selbstverständlich kann bei hohem Leidensdruck eine ADHS-spezifische Behandlung auch dann durchgeführt werden, wenn keine gesicherte ADHS vorliegt. Bei komplexen Störungsbildern kann es nämlich durchaus vorkommen, dass trotz sorgfältig durchgeführter Untersuchung nicht abschliessend geklärt werden kann, welche Diagnose therapeutisch Priorität hat. Das kommt so selten gar nicht vor.

Gerade bei Erwachsenen mit mehreren Komorbiditäten (gleichzeitig vorliegende psychische Störungen), bei Mädchen und Frauen und/oder bei Vorliegen einer hohen Intelligenz ist es oftmals schwierig zu beurteilen, welche Ursachen der Impulsivität, der Zerstreutheit, der Vergesslichkeit und den Selbstmanagementproblemen tatsächlich zugrunde liegen.

Bei ausgeprägten Beschwerden und unter der Voraussetzung, dass bereits in der Kindheit mit überwiegender Wahrscheinlichkeit beeinträchtigende ADHS-Beschwerden vorlagen, ist ein kontrollierter medikamentöser Behandlungsversuch mit Stimulanzien selbst bei vager Verdachtsdiagnose und fehlenden Alternativdiagnosen durchaus in Erwägung zu ziehen.

Spricht eine Patientin oder ein Patient auf die Behandlung mit einem Stimulans an, so gilt die ADHS-Diagnose indirekt als bestätigt. Demgegenüber ist der Umkehrschluss, dass also ein Nichtansprechen auf Stimulanzien eine ADHS ausschliesst, nicht zulässig. Grund ist der Umstand, dass nicht alle ADHS-Patientinnen und -Patienten auf eine Behandlung mit Stimulanzien ansprechen.




ADHS-Therapie konkret

Der Therapieplan

Zur Einleitung therapeutischer Massnahmen wird die zuständige Fachperson mit den Patientinnen und Patienten und bei Kindern mit deren Eltern einen Gesamttherapieplan erstellen. Dieser definiert die Behandlungsziele und die notwendigen therapeutischen Interventionen, welche zur Erreichung der Therapieziele erforderlich sind.

Dabei setzen sich die Patientinnen und Patienten (oder deren Eltern) mit der Frage auseinander, woran sie ganz konkret erkennen würden, dass die angezeigte Verhaltenstherapie oder eine Behandlung mit Stimulanzien eine positive Wirkung zeigen würden.

Beispiel: „In welchen Situationen würde sich mein Kind wie verhalten, falls es auf das ADHS-Medikament richtig gut anspricht? Was würde konkret anders laufen?“

Bei der Zieldefinition geht es nicht um das Endziel als solches (zum Beispiel Schulnoten über 4), sondern um geeignete Verhaltensweisen, welche dazu führen können, die formulierten Ziele in absehbarer Zeit zu erreichen.

Relevant ist es, dass diese Kinder befähigt werden, sich beim Erledigen der Hausaufgaben mehr Zeit zu lassen, beim Thema zu bleiben, nachzudenken und bei Bedarf nachzufragen, wenn sie etwas trotz Überlegen nicht verstanden haben. Oder dass sie in die Lage versetzt werden, das Geschriebene in Ruhe noch einmal auf mögliche Fehler hin durchzusehen.

Die konkreten Antworten auf die Frage, woran ganz konkret man einen Therapieerfolg erkennen würde, werden schriftlich festgehalten. Dies dient der fortlaufenden Beurteilung des angestrebten Therapieerfolges. Den Therapiezielen kommen selbst eine gewisse therapeutische Wirkung zu: Die Patientinnen und Patienten und/oder deren Eltern konzentrieren sich auf die erwünschten, neuen und positiven Verhaltensweisen.

Dies ermöglicht eine lösungsorientierte mentale Ausrichtung, verstärkt positives Verhalten und fördert eine positive Interaktion mit dem beziehungsweise den Betroffenen.




Medizinische Vorabklärungen

Einer Therapie mit Stimulanzien, welche bei Vorliegen einer ADHS in den meisten Fällen erforderlich ist, geht eine gründliche internistische Untersuchung bei einer Ärztin oder einem Arzt voraus. Dabei werden unter anderem Leber- und Nierenfunktionen und die Schilddrüsenparameter geprüft.

Auch werden Mangelzustände ausgeschlossen (Eisen, Magnesium). Um allfällig vorliegende Herzerkrankungen erfassen zu können, wird meistens ein EKG (Elektrokardiogramm zur Aufzeichnung der Herzmuskelaktivitäten) durchgeführt. Ein EEG (Elektroenzephalografie, eine Methode zur Messung der summierten elektrischen Aktivität des Gehirns) ist dann erforderlich, wenn ein Verdacht auf eine Epilepsie oder eine andere akute zerebrale Pathologie vorliegt oder wenn bei nahen Verwandten neurologische Erkrankungen bestehen.

Medikamente: So wenig wie möglich – so viel wie nötig

Eine Therapie mit Stimulanzien muss individuell abgestimmt erfolgen. Es existiert keine Standard-Dosierung. Die ärztliche Fachperson wird mit einer sehr niedrigen Dosierung beginnen, da einige Patientinnen und Patienten bereits auf kleine Mengen dieser Substanzen ansprechen. Dies gilt insbesondere für Erwachsene.

Grundsätzlich gilt wie bei allen Behandlungen auch bei der medikamentösen Therapie mit Stimulanzien das Motto: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Stimulanzien eignen sich nicht zur Selbstdispensation. Die Wahl des Medikamentes sowie die Festlegung von Dosierungshöhe und Einnahmezeiten obliegen der verantwortlichen ärztlichen Fachperson.

Einmal Psychopharmaka – immer Psychopharmaka

Auch wenn es sich bei der Therapie mit Stimulanzien immer um eine mehrjährige Behandlung handelt, heisst das noch lange nicht, dass sie ein Leben lang andauern muss: Bei rund der Hälfte der Patientinnen und Patienten lassen die ADHS-Symptome nämlich gegen Ende der Pubertät nach, so dass eine Fortsetzung der Therapie nicht mehr erforderlich ist.

Andere wiederum schliessen die Behandlung erst im frühen Erwachsenenalter oder noch später ab. Entscheidend ist, dass die Behandlung kontrolliert erfolgt, was unter anderem bedeutet, dass regelmässig geprüft wird, ob die medikamentöse Therapie noch erforderlich ist. Bewährt haben sich ärztlich verordnete und kontrollierte Auslassversuche, welche in der Regel einmal pro Jahr durchgeführt werden.

Medikamentöse Basistherapie

Stimulanzien bewirken während ihrer Wirkdauer eine Aktivierung und Normalisierung des Stoffwechsels derjenigen neuronalen Netzwerke des Gehirns, welche für die Reizselektion, die Reaktionsunterdrückung (Impulskontrolle), verschiedene Aufmerksamkeitsfunktionen sowie das Belohnungssystem (ermöglicht Handeln ohne sofortige Bestätigung) zuständig sind.

Bei der Einstellung der Stimulanzien und zur Klärung, ob die Patientinnen und Patienten überhaupt auf Stimulanzien ansprechen, kommen Standard-Präparate in vorerst niedriger Dosierung zur Anwendung. Modernere Langzeitpräparate werden – sofern sie erforderlich sind – erst zu einem späteren Zeitpunkt eingesetzt.

Die kurzzeitig wirkenden Stimulanzien haben eine Wirkdauer von drei bis dreieinhalb Stunden. Dies hat den Vorteil, dass recht einfach beurteilt werden kann, wie gut bei der jeweils aktuellen Dosis die Wirkung ausfällt. Wenn die Erhaltungsdosis ermittelt wurde (diese kann sehr niedrig oder auch sehr hoch ausfallen), wird ersichtlich, wie lange die Wirkung anhält.

Leider ermöglicht es die Standard-Formulierung der Stimulanzien mit kurzer Wirkdauer meistens nicht, dass mit einer Einnahme des Stimulans nach dem Frühstück der ganze Vormittag abgedeckt ist. Deswegen muss bei Schülern/-innen meistens auf Langzeitpräparate umgestellt werden.

Diese wirken in der Regel bis in den Nachmittag, teils auch in den frühen Abend hinein. In Ausnahmefällen wird die Ärztin oder der Arzt verordnen, dass das Langzeitpräparat morgens und mittags eingenommen werden muss.

Nicht immer wirken diese Medikamente nämlich so lange, wie es der Beipackzettel verspricht. Häufiger ist es erforderlich, dass die Wirkung des Medikamentes am Nachmittag durch die Einnahme einer nicht-retardierten und damit kürzer wirkenden Form des Stimulans verlängert wird.




Therapeutische Wirkungen von Stimulanzien

Unter der Wirkung von Stimulanzien zeigen viele ADHS-Betroffene neben besserer Selbstbeherrschung und mehr Widerstandskraft gegen Ablenkungen auch ein kreativeres, spontaneres und flexibleres Problemlöseverhalten. Gemeint ist damit die Fähigkeit, bei offenen Problemstellungen möglichst viele verschiedene Lösungsansätze zur generieren (sogenanntes divergentes Denken).

Als Beispiel dafür folgendes Problem:

Björn bleibt beim Lösen der Hausaufgaben stecken. Er sieht keinen Lösungsweg, reagiert frustriert, klappt genervt das Mathe-Buch zu und schnappt sich das Handy, um nach neuen Facebook-Einträgen zu sehen. Idealerweise würde Björn beim Steckenbleiben mehr oder weniger geduldig verschiedene Lösungsmöglichkeiten suchen, statt frustriert zum Handy zu greifen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er eine seiner Intelligenz angemessene Lösung der Mathe-Aufgabe finden könnte, wäre eindeutig höher. Auch erschiene Björn Aussenstehenden viel geduldiger.

Ohne flüssiges, kreatives oder eben divergentes Denken hilft auch eine hohe Grundintelligenz wenig bei der Lösung komplexer Problemstellungen, wie sie sich einem Individuum im Alltag fortwährend stellen. Um kreativ und divergent denken zu können, muss die betreffende Person unter anderem über mehrheitlich intakte Arbeitsgedächtnisfunktionen verfügen.

Diese ermöglichen es einem Menschen, verschiedene Informationen im Kurzzeitgedächtnis aktiv zu bearbeiten. Normal entwickelte Arbeitsgedächtnisfunktionen stellen auch einen funktionierenden Transfer in das Langzeitgedächtnis und einen Abgleich mit diesem sicher. Dies, verbunden mit einer gesunden Portion an Impulskontrolle, stellt eine zentrale Voraussetzung dar, um im weitesten Sinne vernünftig denken und handeln zu können.

ADHS-Betroffene vermögen also mit einer wirksamen medikamentösen Basistherapie im Denken und im Handeln besser bei der Sache zu bleiben.

 

Zu sich finden – bei sich bleiben

Den meisten ADHS-Patientinnen und -Patienten gelingt es unabhängig vom Alter erst unter der therapeutischen Wirkung von Stimulanzien, in Ruhe über sich selbst, ihre Gefühle und ihr Verhalten nachzudenken. Auch Selbstreflexion, eine für jede Psychotherapie basale Basiskompetenz, wird bei ADHS-Betroffenen in zahlreichen Fällen erst durch den Einsatz von Stimulanzien ermöglicht.

Sie entsteht durch mehr Selbstaufmerksamkeit: Mit Stimulanzien behandelte Patientinnen und Patienten sind oft besser in der Lage, sich selbst wahrzunehmen und zu spüren, währenddem sie ohne Medikamente und teilweise trotz längerer Psychotherapie wenig Gefühl für und wenig Sicht auf sich selbst haben. Medikamentös behandelte ADHS-Patientinnen und -Patienten spüren leichter, was sie wirklich wollen und was nicht.




Sie handeln konsequenter und lassen sich durch schnelle, aber oftmals faule Kompromisse weniger rasch vom Kurs abbringen.

Ohne die unterstützende Wirkung der Stimulanzien, also ohne eine mehr oder weniger intakte Sortierstation Wichtig-Unwichtig, sind Menschen mit einer ADHS ihren Gefühlen, Fantasien, Erinnerungen, Gedanken und vor allem ihren Impulsen zu sehr ausgeliefert. Nicht nur das Lernen für die Schule, sondern auch geduldiges und differenziertes Nachdenken und Sprechen über sich selbst kostet sie unheimlich viel Energie.

Auch sind ADHS-Betroffene ohne Medikamente vielfach zu unruhig, um sich selbst, einem Thema, einem Buch, einer Hausaufgabe oder einem Gegenüber aufmerksam und in Ruhe hingeben zu können.

Die Fähigkeit, sich auch etwas subjektiv nicht so Interessantem widmen zu können, ist eines der Hauptziele jeder ADHS-Therapie. Wenn ein Kind mit einer ADHS dies einigermassen gut beherrscht, kann es beispielsweise einer Lehrerin auch dann noch zuhören, wenn es weniger interessant klingt, kann an den Hausaufgaben auch dann dranbleiben, wenn das Kind im zu lernenden Stoff keinen Sinn erkennen mag und hört der Mutter auch dann einigermassen gut zu, wenn es sich um einen subjektiv unangenehmen Auftrag handelt wie zum Beispiel das Bündeln von Altpapier.

Therapieverlauf: Phase I

Man muss sich bewusst sein, dass eine sorgfältige Einstellung der Therapie mit Stimulanzien für den Erfolg einer Gesamtbehandlung einer ADHS von entscheidender Bedeutung ist. Das belegen jahrzehntelange Erfahrungen von psychologischen und ärztlichen Fachpersonen, welche jahrein jahraus mit ADHS-Betroffenen arbeiten sowie die Resultate zahlreicher internationaler Untersuchungen zur Therapie der ADHS.

In der Regel werden für die Einstellphase (Therapiephase I) drei Monate vorgesehen. In der Anfangszeit stehen die Patientinnen und Patienten (und bei Kindern deren Eltern) täglich persönlich, telefonisch und/oder per Email in Kontakt mit der behandelnden ärztlichen Fachperson. Aufgrund der Rückmeldungen erhöht die Ärztin oder der Arzt alle zwei, drei Tage in kleinen Schritten die Dosierung bis zum Wirkungseintritt, bricht den Therapieversuch aber auch ab, wenn es sich abzeichnet, dass eine Wirkung ausbleibt.

Patientinnen und Patienten, deren Eltern und die zuständigen Ärztinnen und Ärzte orientieren sich bei der Beurteilung der Wirksamkeit der Therapie an den vor Behandlungsbeginn festgelegten konkreten Verhaltensänderungen. Um die anvisierten Behandlungserfolge evaluieren zu können, kontaktiert die Fachperson, also der verantwortliche Psychotherapeut oder die zuständige Ärztin beziehungsweise der zuständige Arzt, nach Absprache mit den Eltern vor und während der Behandlung von Kindern die Lehrkraft, um auch von ihr zu erfahren, ob sich bereits erste Verhaltensänderungen abzeichnen.




Ausserdem werden zur Beurteilung der Wirkung der Stimulanzien bei Patientinnen und Patienten aller Altersgruppen auch neuropsychologische Tests eingesetzt. Durch die bei der Eingangsuntersuchung erfolgte neuropsychologische Abklärung liegt eine Baseline vor. Eine unter der Wirkung der Stimulanzien zu erfolgende kurze Nachtestung der relevanten Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen (Daueraufmerksamkeit, Widerstandskraft gegen Ablenkungen, Impulskontrolle/Reaktionsunterdrückung usw.) ergibt bei positivem Ansprechen auf die medikamentöse Therapie meistens markant bessere Testleistungen.

Die Resultate bei Anforderungen an kognitive Basisfunktionen liegen im Gegensatz zur Eingangsuntersuchung, welche ohne Medikamente erfolgte, bei guter medikamentöser Einstellung üblicherweise im Norm- beziehungsweise Erwartungsbereich (sofern nicht komorbid vorliegende Teilleistungsstörungen die Testresultate beeinflussen).

Nach Ablauf der rund dreimonatigen Einstellphase erfolgt eine Bilanzsitzung. Auch wenn die in dieser Zeit erfolgten Konsultationen und Gespräche bereits eine unspezifische therapeutische Wirkung entfalteten, kann die Indikationsstellung für eine gezielte Psychotherapie oder eine andere therapeutische Massnahme erst im Anschluss an die Einstellphase erfolgen. Dann erst wird deutlich, wie gut eine ADHS-Patientin oder ein ADHS-Patient auf die medikamentöse Behandlung anspricht. Und dann erst wird ersichtlich, was an behandlungsbedürftigen Problemen übrig bleibt (zum Beispiel Lernstörungen, welche einer Lerntherapie bedürfen).

Spätestens im Verlauf der ersten Therapiephase von Kindern und Jugendlichen mit einer ADHS zeigt es sich, ob und wenn ja welche weiteren Familienangehörigen von diesem Störungsbild betroffen sind. Betrifft dies Angehörige aus dem engeren Familienkreis (Eltern, Geschwister) erfolgt in der Regel eine Untersuchung und Therapieeinleitung auch dieser Personen.

Das Erziehungsverhalten von Eltern mit einer unerkannten und unbehandelten ADHS kann eine erfolgreiche Therapie erschweren und in Einzelfällen sogar verhindern (impulsive, chaotische Erziehungsstile, ADHS bedingte Ehekonflikte usw.). Auch das Verhalten von Geschwistern mit einer unbehandelten ADHS kann den Therapieverlauf eines Kindes mit einer ADHS ausbremsen (etwa durch fortdauerndes Sticheln und Provozieren).




Therapieverlauf Phase II (Kinder/Jugendliche)

Bei Kindern aus sozial und familiär intakten und zwischenmenschlich wohlwollenden Verhältnissen kommt es gelegentlich vor, dass eine gut eingestellte und engmaschig überprüfte medikamentöse Behandlung ausreicht, so dass beim betroffenen Kind keine weiteren therapeutischen Massnahmen angezeigt sind. Meistens aber sind eine Reihe verhaltenstherapeutisch orientierter Therapiesitzungen erforderlich.

Was in dieser Altersgruppe regelmässig vorkommt, ist die Notwendigkeit, allfällig vorliegende komorbide Störungen einer Behandlung zuzuführen. Selbstverständlich heilt eine Therapie mit Stimulanzien weder eine Lese- und Rechtschreibstörung, eine nonverbale Lernstörung oder eine andere Teilleistungsstörung. Erforderlich sind dann Lern-, Ergo-, Legasthenie- oder Psychomotorik-Therapien.

Während sich die Behandlung bei Kindern mit einer ADHS primär auf die medikamentöse Therapie abstützt und ergänzt wird durch gezielte und verhaltenstherapeutische Interventionen beim Kind, ist es in den meisten Fällen unabdingbar, mit den Eltern intensiver therapeutisch zu arbeiten. Dabei geht es in erster Linie darum, dass Väter und Mütter von Kindern mit einer ADHS lernen, durch geschickte erzieherische Massnahmen beim betroffenen Kind die Auftretenswahrscheinlichkeit des erwünschten Verhaltens zu erhöhen.

Dabei werden vor allem auch die Väter durch Beratungsgespräche ermutigt, mehr Verantwortung in der Kindererziehung zu übernehmen. Die therapeutische Begleitung der Eltern umfasst normalerweise zwischen sechs und acht Konsultationen, kann sich in Einzelfällen aber auch aufwändiger gestalten. Die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen umfasst teils wenige, teils aber auch bis zu zwanzig und mehr Konsultationen und erstreckt sich über einen längeren Zeitraum.

Therapieverlauf Phase II (Erwachsene)

Bei Erwachsenen mit einer ADHS ist es – im Gegensatz zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen – unabdingbar, dass von Beginn der medikamentösen Therapie an eine psychotherapeutische Begleitung erfolgt. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Durch jahrelange Scheiternserfahrungen leiden die meisten erwachsenen ADHS-Betroffenen unter schweren Minderwertigkeitsgefühlen.

Im Kern ihres Wesens fühlen sie sich dumm und unfähig, gleichzeitig auch unverstanden und – bedingt durch die Reaktionen anderer – oftmals seelisch zutiefst verletzt. Teilweise haben sich aus der ADHS-Kernproblematik depressive Erkrankungen, Suchtstörungen oder andere psychische Erkrankungen und/oder psychosoziale Belastungsfaktoren (zum Beispiel wiederkehrende Arbeitslosigkeit, Schulden) entwickelt.

Diese Folgeprobleme einer ADHS, welche sich im Verlauf der Jahre oder Jahrzehnte summiert haben, lösen sich selbst bei einem guten Ansprechen auf die Therapie mit Stimulanzien nicht einfach in Luft aus. Negative Grundannahmen über sich selbst und einseitige kognitive Bewertungsmuster können sehr hartnäckig sein.




Auch für erfahrene Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten kann die Behandlung dieser festgefahrenen Grundannahmen eine grosse Herausforderung darstellen – und in Einzelfällen sogar bei Patientinnen und Patienten, welche auf die Behandlung mit Stimulanzien gut ansprechen. Die meisten Erwachsenen mit einer ADHS waren sich lange Zeit nicht bewusst, was mit ihnen wirklich los ist.

Nachdem sie sich notgedrungen jahrelang an eine „Negativ-Identität“ klammern mussten, stehen sie mit Beginn einer ADHS-Therapie vor der Herausforderung, ihre eigene Geschichte neu zu schreiben, um psychisch Halt in sich finden zu können. Dies erfordert in den meisten Fällen eine professionelle psychotherapeutische Begleitung.

Dank der durch die medikamentöse Behandlung verbesserten Selbstaufmerksamkeit und der Fähigkeit, länger und gradliniger über sich selbst nachzudenken, gelingt es vielen dieser Patientinnen und Patienten, sich auch vergangenen, vielfach belastenden und leidvollen Erlebnissen konzentriert zuzuwenden. Meistens erstmalig in ihrem Leben ermöglicht ihnen dies, belastende Erfahrungen gründlich zu verarbeiten.

Dies ist umso eindrücklicher, da zahlreiche Erwachsene mit einer (unerkannten) ADHS bereits eine oder mehrere und teilweise langjährige Psychotherapien hinter sich haben. Erst die Fähigkeit, sich dank der verbesserten Selbstaufmerksamkeit der eigenen Geschichte hingeben zu können, setzt bei diesen Menschen heilsame Kräfte frei und macht sie zugänglich für das Erlernen von Bewältigungsstrategien.

Währenddem vor der Therapie mit Stimulanzien die Gedanken mehrheitlich hüpften und tausend andere Einfälle vom Kernthema wegführten, wird nun eine grundlegende Arbeit an sich möglich.

ADHS-Coaching?

In der ADHS-Literatur ist immer wieder davon zu lesen, dass erwachsene ADHS-Betroffene von der Begleitung eines ADHS-Coachs profitieren können. Da in Europa aber kaum qualifizierte ADHS-Coachs arbeiten und die Ausbildung zum ADHS-Coach bisher keine einheitlichen und anerkannten Richtlinien kennt, blieb dieser Ansatz bis heute weitgehend Theorie. Hinzu kommt, dass ein ADHS-Coaching nicht als Heilbehandlung gilt und die Kosten nicht von den Krankenkassen, sondern von den Patientinnen und Patienten selbst getragen werden müssten.

Therapieverlauf Phase III (alle Altersgruppen)

ADHS-Therapien stellen immer mehrjährige Behandlungen dar. Unverzichtbarer Aspekt jeder ADHS-Behandlung sind regelmässige Verlaufskontrollen. Auch bei gutem Behandlungsverlauf sollten pro Jahr zwei oder drei Konsultationen und einmal jährlich eine Standortbestimmung erfolgen. Diese wird in der Regel mit einem Medikamenten-Auslassversuch verknüpft.

Dabei wird mittels Befragung der Patientinnen und Patienten, deren Eltern und Lehrkräften und bei Erwachsenen der Partner/-innen geklärt, wie der Entwicklungsstand ist, ob die medikamentöse Therapie und die anderen Behandlungen noch fortgesetzt werden müssen, ob die aktuelle Medikation noch angemessen ist oder gegebenenfalls angepasst werden müsste. Teilweise werden zur Verlaufskontrolle auch neuropsychologische Testverfahren eingesetzt.




Bei den Standortbestimmungen wird immer auch geprüft, ob der oder die ADHS-Betroffene ihre Ressourcen ausreichend gut auszuschöpfen vermag. Bei den Eingangsuntersuchungen werden auch die Potenziale der Betroffenen erfasst. Wie oben dargelegt, erfordert eine erfolgreiche Behandlung einer ADHS, dass nicht nur defizit-, sondern auch ressourcenorientiert vorgegangen wird.

Konkret bedeutet dies, dass der Therapieplan auch Massnahmen umfasst, um gezielt die eigenen intellektuellen, kreativen und persönlichen Potenziale zu fördern. Gesundheit bedeutet mehr, als nur die Abwesenheit von Krankheitssymptomen. Für die therapeutisch bedeutsame Identitätsentwicklung von ADHS-Betroffenen reichen defizitorientierte Therapiemassnahmen allein also nicht aus.

Danke für diese Infos!Eigene und die Erfahrungen vieler Kolleginnen und Kollegen zeigten immer wieder, wie wichtig vor allem in der Behandlung von Kindern mit einer ADHS die Vernetzung der involvierten Bezugs- und Fachpersonen ist. Wenn immer möglich, sollten nicht nur zu Behandlungsbeginn, sondern auch während der Therapie wenigstens einmal pro Jahr gemeinsame Standortgespräche erfolgen können.

Grundsätzliches zu alternativen Behandlungsformen der ADHS

Selbst bei korrekter Durchführung einer bewährten Therapie sprechen nicht immer alle Menschen auf eine Behandlung an. In diesen Fällen kommt auch denjenigen Behandlungsansätzen Bedeutung zu, deren Wirksamkeitsnachweis nicht oder noch nicht erbracht werden konnte.

Es empfiehlt sich, zuerst immer die bewährtesten und sichersten Behandlungen anzuwenden und erst bei Nichtansprechen oder bei unbefriedigender Wirkung auf alternative Therapien umzusteigen.

Schwachstelle: Versorgung

Die ADHS ist im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen eine relativ einfach zu behandelnde psychische Störung mit guter Prognose. Und dies, obwohl eine ursächliche Heilung nicht möglich ist. Das eigentliche Problem liegt in der bis heute mangelhaften Versorgung: Immer noch arbeiten in kinderpsychologischen und kinderpsychiatrischen Einrichtungen viel zu wenig Fachpersonen, welche sich eingehend mit der Diagnostik und Therapie der ADHS auseinandergesetzt haben.




Die optimale ADHS-Therapie

Eine perfekte Therapie der ADHS existiert nicht. Es gibt aber bewährte und in ihrer Wirksamkeit bestätigte Behandlungsansätze. Optimal ist eine ADHS-Therapie dann,

  • wenn Menschen und nicht Symptome behandelt werden
  • wenn sie im Rahmen einer tragenden, vertrauensvollen und längerfristigen Beziehung zur verantwortlichen Fachperson erfolgt
  • wenn sie sich nicht nur auf die medikamentöse Therapie beschränkt
  • wenn sie einfach und überschaubar bleibt
  • wenn sie massgeschneidert ist und sich an den jeweils individuellen Ausgangsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten der Patientinnen und Patienten orientiert
  • wenn sichergestellt ist, dass mit den therapeutischen Massnahmen keine vermeidbaren Risiken eingegangen werden
  • wenn ihre Wirksamkeit regelmässig überprüft und bei Bedarf individuell angepasst wird
  • wenn sie sich nicht nur auf das betroffene Kind allein konzentriert, sondern auch das Umfeld einbezieht
  • wenn die Patientinnen und Patienten möglichst bald und nachhaltig Linderung ihrer Beschwerden erfahren, mehr Erfolge in Familie, Beziehung, Schule, Ausbildung und Beruf haben, zu mehr Selbstachtung und Wohlsein finden
  • wenn schliesslich das Kind auch bei ausbleibenden Behandlungserfolgen von allen Involvierten (Eltern, Fachpersonen, Lehrkräfte) akzeptiert, getragen und gefördert wird

 

Mögen diese Ausführungen dazu beitragen, dass Menschen mit einer ADHS mehr Verständnis, mehr Entwicklungschancen und mehr Therapiemöglichkeiten entgegengebracht werden.

Ein langer Text. Ich weiss. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


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Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt.
Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi




Vor- und Nachteile einer ADHS-Diagnose? Therapieren oder weitermachen wie bisher?

Guten Tag. Ich bin 26 Jahre alt und stehe, frisch nach dem Kunststudium vor einer anspruchsvollen Zeit. Daher bemerke ich jetzt mehr als sonst Muster, vor allem am Arbeitsplatz (Bar/Bistro) oder im Zusammenleben mit WG-Mitbewohnern, die ungewöhnlich für andere scheinen, mit denen ich jedoch ein Leben lang zu kämpfen hatte. Bisher habe ich es geschafft mich so gut und lange es geht anzupassen. Eine ADHS-Diagnose hatte ich bisher noch nicht, obwohl es mir schon lange klar ist, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ich welches habe. „Vor- und Nachteile einer ADHS-Diagnose? Therapieren oder weitermachen wie bisher?“ weiterlesen

Ritalin auch bei leichter ADHS?

Wiederholt schon wurde die Frage an mich herangetragen, ob eine medikamentöse Therapie auch schon bei leichter ADHS-Problematik gerechtfertigt sei. Hier meine Stellungnahme.  „Ritalin auch bei leichter ADHS?“ weiterlesen