Ritalin vs. Elvanse vs. Strattera: Vor- und Nachteile verschiedener ADHS-Medikamente

Könnten Sie vielleicht einmal darlegen, welche Vor- und Nachteile die verschiedenen Medikamente wie Ritalin, Medikinet, Concerta, Elvanse usw. mit sich bringen? Danke! J. J.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/

Nein. Das ist nicht möglich.

ADHS-Medikamente wirken – wie andere Psychopharmaka auch – bei jedem Menschen zu unterschiedlich.

Es existiert kein konstanter Ursache-Wirkungszusammenhang zwischen einem Medikament und dessen Wirkung bei einem Individuum. Es ist daher nicht zielführend, theoretisch vorhandene Vor- und Nachteile von Medikamenten zu vergleichen. Das sagt für den Einzelfall wenig bis nichts aus.

So zeigt alleine schon der Beipackzettel der verschiedenen ADHS- Medikamente deutlich auf, wie breit das Spektrum von möglicherweise auftretenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen ausfallen kann. Klar, diese objektiven Daten sind nicht unwichtig. Sagen aber im konkreten Fall wenig aus.

Ob besser oder schlechter zeigen einzig die konkreten Wirkungen, die ein Medikament bei der Person xy hat. Oder eben nicht hat.

Generell lässt sich zu ADHS-Medikamenten aus meinen Erfahrungen Folgendes festhalten:

  • Eine Behandlung mit ADHS-Medikamenten soll nur von Ärztinnen bzw. Ärzten, die auf Verhaltensstörungen von Kindern und Jugendlichen bzw. Erwachsenen spezialisiert sind, begonnen werden.  Von ihnen muss sie auch überwacht werden.
  • ADHS-Medikamente sollten immer als Teil eines umfassenden Therapieprogramms eingesetzt werden. Dieses kann psychologische, pädagogische und (psycho-)soziale Massnahmen beinhalten.
  • Je älter ein Wirkstoff gegen ADHS-Symptome ist, umso sicherer ist er. Denken wir nur an Methylphenidat (enthalten unter anderem in Ritalin, Medikinet, Concerta):  Die Markteinführung von Ritalin war vor immerhin 60 Jahren. Würde mit der Einnahme dieses Medikamentes ein ernsthaftes Risiko einher gehen, wäre es längst schon vom Markt verschwunden. Alleine die Versicherungen der Herstellerfirmen würden bei ernsten Risiken Alarm schlagen und sehr schnell „aussteigen“. Das gilt auch für allfällig neu entdeckte Nebenwirkungen. Grund: Die bei Schadensersatzklagen zu erwartenden Kosten wären für die Versicherungen viel zu hoch.




  • Stimulanzien wie Ritalin kennen keine Standarddosierung. Der behandelnde Arzt braucht Erfahrung und Geduld, um die je individuell richtige Dosierung zu ermitteln. Diese kann sehr niedrig liegen. Oder in Einzelfällen auch hoch.
  • Klassischen ADHS-Medikamenten mit ihrer kurzen Wirkdauer (3 – 4 h) ist gegenüber den verlangsamt bzw. verlängert wirkenden Medikamenten (ca. 7 -8 h) Vorzug zu gewähren. Der Hauptgrund liegt darin, dass es beim Einsatz sogenannter Retard-Medikamente in Einzelfällen zu einem Gewöhnungseffekt kommen kann. Ich konnte es während meiner Praxistätigkeit mehrmals beobachten, dass bei Kindern/Jugendlichen die Wirkung dieser Medikamente nach etwa drei Monaten langsam nachliess.
  • Wenn ADHS-Medikamente mit einer längeren Wirkdauer (wie zum Beispiel Concerta) zum Einsatz kommen sollen, dann nur bei klarer Indikation. Diese ist unter anderem dann geben, wenn es  bei Patienten zu einem durch die kurze Wirkdauer der traditionellen Methylphenidat-Formulierungen verursachten emotionalen Auf- und Ab kommt. Oder falls ADHS-betroffene Eltern die Abgabe von Medikamenten an das betroffene Kind immer wieder vergessen.
  • Falls ein Stimulans mit einer verlängerten Wirkdauer eingesetzt werden soll, ist in der Regel Concerta gegenüber Ritalin LA Vorzug zu gewähren. Grund: Concerta wirkt ca. 1 h länger. Und deckt bei Kindern in der Regel die Zeit nach der Schule, in welcher die Hausaufgaben erledigt werden müssen, ab.
  • Bei einer erstmaligen Behandlung sollte Medikamenten mit dem Wirkstoff Methyphenidat Priorität eingeräumt werden. Bei Problemen könnte durch den Arzt dann eine Therapie mit  Lisdexamfetamin (Elvanse) erwogen werden. Sollte auch diese Therapie unbefriedigende Resultate zeigen, wird der Arzt gegebenenfalls einen Behandlungsversuch mit Atomoxetin (Strattera) in Betracht ziehen. Eine Umstellung auf einen anderen Wirkstoff sollte aber wirklich nur dann erfolgen, wenn sich eine Behandlung mit Methylphenidat tatsächlich nicht bewährt.
  • Bei Erwachsenen können je nach Beschwerdebild und Krankheitsverlauf auch Kombiationsbehandlungen Sinn machen. Zum Beispiel Methylphenidat plus dem Antidepressivum Venlafaxin (= Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer).
  • Bei Kindern ist – der möglichen Nebenwirkungen wegen – bei einer Kombinationsbehandlung mit einem Antidepressivum eine besonders grosse Sorgfalt angezeigt. Indikationsstellung und  Therapie gehören ausschliesslich in die Hände von sehr erfahrenen Kinderpsychiatern.
  • Grundregel: Weniger ist mehr. Je einfacher die medikamentöse Therapie gestaltet wird, umso besser sind die Wirkungen zu evaluieren. Kombinationsbehandlungen also nur dann, wenn eine klare Behandlungsanzeige vorliegt.
  • Keine medikamentöse ADHS-Behandlung ohne seriöse Abklärung und Diagnosenstellung. Und das vor allem bei Kindern.
  • Regelmässiges Überprüfen der Wirksamkeit des ADHS-Medikamentes ist nötig. Also: Braucht es das Medikament tatsächlich noch? Stimmt die Dosierung? Diese Kontrolle hat durch den behandelnden Arzt zu erfolgen.
  • Nicht vergessen: Auch die allerbesten ADHS-Medikamente nützen nicht, wenn sie nicht regelmässig eingenommen werden.

Ob all dieser Infos darf nie vergessen werden, dass ADHS-Medikamente auch bei Erwachsenen zwar eine zentrale, aber nicht die einzige Rolle spielen. Der Psychotherapie (und dabei vor allem der kognitiven Verhaltenstherapie) kommt eine grosse Bedeutung zu.

Von ADHS-Medikamenten alleine dürfen keine Wunder erwartet werden! Wenn Menschen mit einer ADHS sich von anderen verstanden fühlen, ist das therapeutisch (fast) so wirksam, wie gut eingestellte ADHS-Medikamente.

Lesen Sie hier weiter, wenn meine Stellungnahme für Sie hilfreich war.


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Er wurde letztmals aktualisiert am 11.10.2017.
© Piero Rossi