Aufmerksamkeit: Wann hört mir Alexander endlich mal zu?

Manuela S.: Wie schaffe ich es, von Alexander (10, ADHS diagnostiziert mit 7 Jahren) bewusstes Gehör und Aufmerksamkeit zu erlangen?

 

Aufmerksamkeitsstörungen

Aufmerksamkeitsstörungen gehören zu den zentralen Merkmalen einer ADHS. Verständlicherweise fällt es diesen Kindern mit ADHS ausgesprochen schwer, zuzuhören. Aufmerksamkeit ist die Schwachstelle schlechthin für Menschen mit einer ADHS. Nachvollziehbar daher auch die Frage der Eltern, wie sie sich bei ihren Kindern Gehör verschaffen können. Das Nicht-Zuhören können erschwert es nicht nur, Anweisungen der Eltern und der LehrerInnen aufzunehmen und umzusetzen, sondern führt leider auch dazu, dass diese Kinder auch Komplimente und Zuspruch überhören.

Was heisst Aufmerksamkeit?

Was aber heisst nun „Aufmerksamkeit“ genau? Dazu zuerst ein kurzer Ausflug in die Theorie:

  • Aufmerksamkeit ist eine der elementaren Voraussetzungen für menschliches Handeln schlechthin.
  • Wir Menschen reagieren nur auf einige von vielen Signalen, welche uns erreichen. Reize, welche uns als wichtig erscheinen, besonders stark sind oder mit unseren aktuellen Interessen verbunden sind, haben normalerweise Vorrang. Von der unendlich grossen Anzahl äusserer und innerer Reize, wählen Menschen normalerweise nur die wenigen aus, welche der aktuellen Herausforderungen entsprechen und geeignet sind, das geplante Handeln geordnet umzusetzen.
  • Bewusste Aufmerksamkeit meint also die Fähigkeit, trotz Reizflut nicht zu übermüden und aus einer unendlichen Vielzahl von inneren und äusseren Reizen, denen wir Menschen ständig ausgesetzt sind, diejenigen auszuwählen, welche eine geplante Handlung organisieren, vollziehen und kontrollieren können.
  • Um sich in einer komplexen Umwelt orientieren zu können und um einen bestimmten und aktuell relevanten Reiz selektiv wahrnehmen zu können, muss das menschliche Gehirn in der Lage sein, Reaktionen auf irrelevante und somit überflüssige Reize zu hemmen. Dieser Hemm- oder Filter-Vorgang wird Inhibition genannt.

 

  • Diese aktive Leistung des Gehirns zur Aufrechterhaltung von Aufmerksamkeit, Orientierung und planmässigem Handeln wird an der Schaltstelle des sogenannten Nucleus caudatus sowie in der Stirnhirnregion geleistet. Die Hemmvorgänge bewirken, dass nicht jeder frisch eintreffende Reiz als neu und interessant eingestuft wird.
  • Die Inhibition (Filterung, Hemmung) ermöglicht in diesem Zusammenhang also auch, dass sich das Gehirn an diese (unwichtigen) Reize gewöhnen kann und nicht jedes Mal gezwungen wird, die Aufmerksamkeit auf ein Neues und immer und immer wieder den gleichen und unwichtigen Reizen zuzuwenden.
  • Die Selektion von wichtigen und unwichtigen Reizen kann also nur dann erfolgen, wenn das Gehirn durch die Inhibition in die Lage versetzt wird, zu „lernen“.
  • Ohne ausreichendes Funktionieren dieser Filter- und Hemmvorgänge im Gehirn wären wir Menschen völlig orientierungs- und handlungsunfähig. Unwichtige Reize würden sofort in den Gedankenfluss aufgenommen, zielgerichtetes Handeln würde enorm erschwert, die Ablenkbarkeit wäre massiv erhöht und das ganze Denken wäre chaotisch und wirr ob der vielen gleichzeitig eintreffenden Sinneseindrücke.

Die Beschreibung der Folgen der mangelhaften Inhibition entsprechen in weiten Teilen den Problemen von aufmerksamkeitsgestörten Kindern.

Reizüberflutung

Kinder (aber auch Erwachsene) mit einer ADHS werden oft überflutet von Reizen, wenden sich sofort allem Neuen und Seltsamen zu (während „Normales“ übersehen wird), „sehen“ und „hören“ zu viel, sind in der Folge durch jedes Geräusch, jeden (interessanten) Gedanken und jedes Gefühl ablenkbar und oft nicht recht bei der Sache.

Viele der sekundär auftretenden emotionalen Probleme – inklusive einer Disposition zu einer depressiven, hypochondrischen und ängstlichen Grundhaltung – basieren auf dieser elementaren Reizoffenheit bzw. auf der biologisch determinierten Unfähigkeit, Reize in ausreichender Stärke selektiv verarbeiten zu können. In der Tat ist es so, dass man in der Wissenschaft heute davon ausgeht, dass eine gestörte Inhibition die wesentliche neurobiologische Ursache der ADHS darstellt. Wie oben dargelegt, handelt es sich bei der Hemmung oder Filterung der auf das Gehirn eintreffenden vielfältigen Reize und Signale um einen aktiven Vorgang des menschlichen Gehirns.



Neurobiologie der ADHS

Allan J. Zametkin fand bereits 1990 heraus, dass bei Erwachsenen mit einer ADHS im linksseitigen Frontallappen eine auffällige Reduktion des Zuckerumsatzes vorliegt, was bedeutet, dass die Gehirnregion, welche für die Inhibition zuständig ist, hinsichtlich ihrer Energieversorgung unterversorgt ist. Glukose bzw. Zucker ist für das Funktionieren des Gehirns ebenso wichtig, wie der Wind für ein Segelschiff. Man geht heute davon aus, dass der ADHS eine komplexe Dysregulation von Neurotransmittern (Botenstoffe im Nervensystem) im limbischen System und im Frontallappen zu Grunde liegt und dass in der Folge auch die Reizverarbeitung gestört ist.

Merke: Wenn nun in Folgendem der Frage nachgegangen wird, wie sich Eltern und Lehrer bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern Gehör verschaffen können, so muss als erstes klar sein, dass weder Faulheit noch mangelnder Wille die Gründe für die Aufnahme-Probleme diese Kinder darstellen: Kinder mit ADHS bedürfen infolge ihrer Erkrankung einer speziellen Förderung ihrer Aufmerksamkeitskompetenzen.

Was tun ganz konkret?

Unter der Voraussetzung, dass eine ADHS-Basistherapie erfolgt (multimodale Therapie mit Medikamenten, Verhaltens- und Elternberatung, schulische Fördermassnahmen), hat sich folgendes Vorgehen bei der Aufgabenerteilung sich sowohl bei Eltern, als auch bei LehrerInnen bewährt:

      1. Als erstes versuchen Sie, sich die Aufmerksamkeit des Kindes zu sichern. Dies geschieht am besten mit folgenden Satz, welchen Sie konsequent und jedes Mal vor einer Aufforderung formulieren: „Stopp, schau mich an und hör mir zu!“. Oder: „Achtung! Jetzt kommt etwas Wichtiges!“. Unterstreichen Sie diese Aufforderung bei Bedarf durch eine Signalkarte. Hundertmal Rufen wirkt weniger als eine einzige farbige Symbolkarte.
      2. Geben Sie dann kurze, präzise und einfache Anweisungen.
      3. Vergewissern Sie sich jedes Mal, dass die Anforderung auch richtig verstanden wurde: „Weisst du, was ich meine?“. Das Kind soll die (kurze) Aufforderung mit seinen eigenen Worten wiederholen.
        Es ist wichtig, dass alle Beteiligten sich immer wieder darüber Rechenschaft ablegen, dass Kinder (und Erwachsene) mit ADHS meist grosse Mühe haben im Erfassen von verbal gestellten komplexen Aufgaben. Vielschichtige Aufgaben können sie nur schlecht im Arbeitsgedächtnis behalten. Zögern Sie daher nicht, ihre Anweisung jedes Mal auf eine Notizkarte zu schreiben und diese dann dem Kind zu übergeben. Erledigte Aufträge können auf diesen Karten vermerkt werden, um sie dann in das (an anderer Stelle beschriebene) Belohnungssystem zu integrieren. Es lohnt sich ausserdem, nicht über jede Einzelheit und über jede einzelne Sache zu verhandeln.
      4. Überprüfen Sie abschliessend, ob das Kind der Aufforderung auch tatsächlich Folge geleistet hat und loben Sie es für all seine Versuche, die gestellte Aufgabe zu erledigen.
      5. Es braucht viel Geduld, wenn diesen Kindern beigebracht werden will, aufmerksamer zu werden. Denken Sie daran: Kinder mit ADHS brauchen infolge ihrer Lernstörungen starke und plakative (also wenn möglich visuelle) Hinweisreize und bis zu 10x länger, um einen Ablauf zu verinnerlichen und zu verautomatisieren.
      6. Wie lautet Ihr Tipp? Melden Sie sich hier.

 

Danke für diese Infos!

 

 

Diese Seite wurde am 30.03.2017 letztmals aktualisiert.
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