Wieso alternative Therapien bei ADHS eine Chance bekommen sollten

Hier habe ich am 11.05.2017 eine Antwort zum Thema „Alternativen zu ADHS-Medikamenten?“ geschrieben. Nun möchte ich das ergänzen. Und präzisieren. Und darlegen, wieso alternative Therapien bei ADHS eine Chance bekommen sollten.


http://www.adhs.ch/ueber-mich/Homöopathie, Kinesiologie, Meditation, Akupunktur, Reittherapie, Ernährungsumstellungen, Phytotherapie, Traditionelle Chinesische Medizin und zahlreiche andere komplementärmedizinische Behandlungsformen erheben den Anspruch, auch bei Vorliegen einer ADHS heilend wirksam zu sein.

Dafür gibt es bis heute keine wissenschaftlichen Belege, welche modernen Untersuchungsstandards genügen. Was aber nicht ausschliesst, dass diese oder jene Alternativbehandlungen im Einzelfall sehr wohl wirksam sein können.

Das Argument des fehlenden Nachweises der Wirksamkeit ist mächtig. Zu Recht, wie ich finde. Gleichzeitig berücksichtigt dieses Argument aber nur einen Teil der Wahrheit. Nämlich die rein statistische Dimension.

Was bedeutet das? Dazu muss ich etwas ausholen.

Forschung an Zahlen statt mit Menschen

Im herrschenden Wissenschaftsverständnis besteht Forschung primär in experimentell-statistischen Verfahren zur Überprüfung von vorher festgelegten Hypothesen (= begründete, aber noch nicht bewiesene Vermutungen).

Es geht dabei um postulierte und wissenschaftlich zu überprüfende Zusammenhänge zwischen Bedingungen und Ereignissen. Oder in anderen Worten:  Um die Zusammenhänge zwischen sogenannt unabhängigen und abhängigen Variablen.

Anders ausgedrückt: Es geht um Wenn-Dann-Aussagen: Unter der Bedingung X zeigen so und soviel Menschen das Verhalten Y oder Z. Oder eben nicht.

Dieses Wissenschaftsverständnis entspricht einer Reiz-Reaktionsforschung. Sie ist nicht unumstritten: Die Versuchsteilnehmer werden nicht etwa als Individuen mit ihrer je eigenen Biografie und eingebunden in konkrete gesellschaftliche Rahmenbedingungen verstanden und untersucht, sondern als Objekte.

Objekte, welche auf einen auf Variablen reagierenden Organismus reduziert werden. So genannt „wissenschaftliche“  Forschungsresultate sagen also bestenfalls etwas darüber aus, wie sich Menschen (oder eben „Objekte“) unter fremdgesetzten und von ihnen unbeeinflussbaren und auf wenige Variablen reduzierte Bedingungen verhalten. Das ist extrem unrealistisch und völlig unnatürlich.




Oder mit anderen Worten: Reale und komplexe psychische und gesellschaftliche Zusammenhänge, welche das Verhalten, Erleben und Befinden eines Menschen mitbestimmen, werden auf einige davon isolierte Variablen reduziert, in Zahlen aufgelöst und gegeneinander verrechnet.

Man kann also sagen, dass im herrschenden Wissenschaftsverständnis …

  1. der reale Mensch-Welt-Zusammenhang ausgeklammert wird, dass
  2. Menschen zu entscheidungs- und handlungsunfähigen Objekten degradiert werden und dass
  3. die Forschungsergebnisse nicht Aussagen über Menschen enthalten, sondern über Zahlen im Sinne statistischer Zusammenhänge isolierter Variablen.

Merke: Man kann nicht Menschen miteinander verrechnen, nur Variablen.

Zudem handelt es sich bei statistischen Werten um Angaben zu Verhältnissen zwischen eben jenen Variablen. Sie sagen nichts aus über die jeweils individuelle Bedeutung, welche ein Forschungsresultat für real existierende Individuen hat.

Nicht primär die Patienten profitieren von Studien dieser Art, sondern die Auftraggeber bzw. die Forscher. Und das alles gilt notabene weitgehend auch für die aktuelle ADHS-Forschung.

Aktuelle Forschungen beruhen auf einem so genannten positivistischen Wissenschaftsverständnis. Das entspricht  zwar dem Mainstream in Sachen empirischer Forschung. Auch bezüglich der ADHS. Dieses Wissenschaftsverständnis ist nichts desto trotz alles andere als sakrosankt. Vor allem, weil es ja um lebendige Menschen in realen gesellschaftlichen Verhältnissen geht. Und nicht um Dinge. Oder Objekte, welche sich in Zahlen fassen lassen.

Was folgt daraus für eine Einschätzung von komplementärmedizinischen Behandlungsansätzen bei ADHS?

Ein Fehlen eines wissenschaftlichen Wirkungsnachweises sagt nichts darüber aus, ob alternative ADHS-Therapie in Einzelfällen wirksam sein können oder nicht.

Bei allen traditionellen (schul-) medizinischen und psychologischen Behandlungsformen kommen unspezifische Wirkfaktoren unbestritten eine grosse Rolle zu. In die empirische Forschung fliessen sie indes kaum ein. Gleiches gilt für den Placeboeffekt. Dieser gilt zwischenzeitlich als gut untersucht. 

Unspezifische therapeutische Wirkfaktoren sind unter anderem:  Ausmass, in welchem sich ein Therapeut dem Patienten gegenüber emphatisch verhält und eine ihm gegenüber  akzeptierende Haltung einnimmt; Ausmass, in welchem der Therapeut den Patienten allgemein unterstützt. Schliesslich kommt auch der Therapeutenpersönlichkeit als Ganzes eine zentrale Rolle zu. Sie bestimmt ganz wesentlich die Qualität der therapeutischen Beziehung. Und damit die Wirksamkeit einer Behandlung.




Profitiert ein Kind von einer komplementärmedizinischen ADHS-Therapie, so ist durchaus denkbar, dass vor allem die unspezifischen Wirkfaktoren und/oder ein Placeboeffekt zum Tragen gekommen sind. Schlussendlich zählt einzig, ob es dem Patienten besser geht oder nicht. Und dass die Behandlung ’nebenbei‘ zu keinen Schäden führt.

Fact ist, dass nur wenige Untersuchungen über die Wirkung von alternativen Behandlungsformen der ADHS vorliegen. Pharmazeutische Firmen, welche die meisten Studien finanzieren, haben daran kein Interesse. Es ist nicht auszuschliessen, dass grosse und methodisch „saubere“ Studien durchaus zu positiven Resultaten kommen könnten.

Wahrscheinlich nur ein Traum …

Richtig interessant würde es, wenn die Frage der Wirksamkeit von ADHS-Therapien (schul- und alternativmedizinische Ansätze) in einer subjekt- bzw. individualwissenschaftlichen Forschungsperspektive untersucht werden könnten. Dies würde unter anderem mittels Kasuistiken erfolgen. Eine Kasuistik bezeichnet in der Medizin eine Fallbeschreibung. Es würden dann nicht Variablen miteinander verrechnet oder nur extrem vereinfachte Reiz-Reaktionszusammenhänge abgebildet. Vielmehr ginge es dann um reale Menschen in ebenso realen familiären und gesellschaftlichen Verhältnissen.




Konkretes Vorgehen

Wie im eingangs erwähnten Artikel bereits beschrieben, habe ich während der Jahre meiner Praxistätigkeit nie ein Kind mit ADHS kennengelernt, welches von einer komplementärmedizinischen Therapie zu profitieren vermochte. Das heisst leider nicht viel. Weil all diejenigen, welche von einer alternativen ADHS-Therapie zu profitieren vermochten, gar keine psychotherapeutische oder psychiatrische Dienstleistungen mehr beanspruchten.

Ich bin offen für andere Ansätze. Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen aber auch sehr skeptisch. Denn: Würden sich komplementärmedizinische Ansätze nicht nur in Einzelfällen, sondern auch in grösserem Rahmen bewähren, gäbe das einen Riesenaufruhr. In der Forschung. Und in den Kinderarztpraxen …

Wer eine wirksame Alternative zur medikamentösen Therapie der ADHS entdeckt, ist – bevor er oder sie es merkt – bereits nominiert für Nobel-Preis.

Lesen Sie hier weiter, wenn meine Stellungnahme für Sie hilfreich war.

Und hier nochmal zum ersten Teil des Themas: Alternativen zu ADHS-Medikamenten.


Danke für diese Infos!

 

 

Diese Seite wurde am 23.05.2017 letztmals aktualisiert.
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© 1999 – 2017 Piero Rossi


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